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Uschi Fellnerlook into my life

Uschi Fellner | 12.04.2019

Look into my Life

Es sind die Kleinigkeiten, die zermürben.

Bild Uschi_Kolumne.jpg
© Susanne Spiel

Ich weiß nicht, ob es stimmt, dass jeder Mensch ein finsteres Geheimnis birgt. Mein finsterstes ist definitiv meine Strumpflade. Selbstverständlich gibt es 1 Million Dinge im Leben jeder Frau, die wichtiger sind als ihre Strumpflade.Der Winterreifen-Wechsel beispielsweise, den ich konsequent von März auf April und von Mai auf Juni verschiebe, weil dann eh der Winter nicht mehr weit ist. Bei solchen Dingen gehe ich durchaus strukturiert vor. Meine Strumpflade ist ziemlich das Letzte in der Reihenfolge der zu erledigenden wichtigen Dinge. Und doch. Jeden Morgen ziehe ich sie auf, um zu meinem Tag passendes Strumpfwerk hervorzukramen.

Schwarz, blick­­­­dicht, matt oder glänzend. Nude, trans­­­­parent, semitransparent oder blickdicht. Oder Netz. Fein, grob oder Fischgrät. Oder Söckchen. Oder richtige Socken. Der Vielfalt im Wirkwaren-Bereich sind ja kaum Grenzen gesetzt. Als medien- und überhaupt recht interessierter Mensch sollte ich mich statt um meine Strumpflade lieber um den Klimawandel, den Brexit-Aufschub oder sonst was sorgen. Allerdings verblassen die tragenden Probleme dieser Erde angesichts des Grauens, das mir jeden Tag um ca. elf nach sieben aus meiner Strumpflade entgegenhöhnt. Ja, was haben wir denn da? 30 Knäuel Schwarz, blickdicht, auf einem wüsten Haufen. Dazwischen einzelne Socken in seltsamen Farben und Dutzende schwarze Sockenpaare, die beim Auseinanderziehen perfekt passen, würde mein rechter Fuß Größe 35 und der linke Größe 43 haben. Oder gern auch umgekehrt. Beherzt greife ich täglich in die Wirkwaren-Masse, wurschtle Schwarz, blickdicht oder Nude, transparent hervor und durchlebe die erste Enttäuschung des Tages: Querfäden! Nylonstrümpfe mit Querfäden sind zu schäbig, um sie auszuführen, aber immer noch gut für „unter der Hose“. Nachhaltigkeit könnte die Welt retten, also Leute, denkt nie wieder, ich stelle meine blöde Strumpflade VOR die großen Weltprobleme! Es lauern im Leben düstere Gefahren, vom Säbelzahntiger bis zu meinem Auto-Navi, das noch immer nicht geschnallt hat, dass ich bei „Jetzt links abbiegen!“ das Lenkrad verlässlich rechtsherum drehe. Und dann gibt es die kleinen Zermürber.


Zermürb, zermürb, zermürb. Querfaden. Querfaden. Querfaden. Ich sammle Strumpfhosen mit Querfäden, um sie irgendwann unter der Hose anzuziehen, dabei ziehe ich unter der Hose nie Strumpfhosen an, außer es hat minus 20 Grad. Wegwerfen geht nicht, wegen der Umwelt. Verschenken ginge, aber welcher unfassbare Schnorrer schenkt Strumpfhosen mit Quer­­­fäden her?
Könnte eine Psychotest-Idee entwickeln: Zeig mir deine Strumpflade und ich sag dir, wer du bist. Nehmen wir mich, als erstes Testimonial: Uschi Fellner sammelt Strümpfe mit Querfäden für „unter der Hose“, um sie nie zu tragen. Was sagt dies über sie aus? Hat sie einen schweren Depscher? Will sie ihren Kindern statt Hab und Gut 800 Strumpfhosen mit Querfäden vererben?
Uschi Fellner weiß nur eines sicher: dass sie morgen früh um elf nach sieben ihre Strumpflade aufzieht. Feststellt, dass Schwarz, blickdicht leider einen Querfaden hat, aber zu schade zum Wegwerfen ist.
Und irgendwann, eines Tages, unter der Hose, wird sie 386 Strumpf­­­­­­hosen mit Querfäden übereinander tragen, ganz bestimmt.