Loading…
Du befindest dich hier: Home | Events

Events | 06.02.2019

Sind Sie tatsächlich schon einmal durch die Hölle gegangen?

Unsere Redakteurin Nicole Schlaffer schon. Warum ihr der Ortsteil „Hölle“ bei Illmitz im Laufe der 24h-Burgenland-Extrem-Tour zum Verhängnis wurde … ein ganz persönlicher Erfahrungsbericht.

Bild 1902_B_burgenlandextre-7.jpg
© Nicole Schlaffer

Worum geht's?

Es gibt keine Zeitnehmung, keinen Druck, keinen Wettbewerb – auf der Strecke von 120 km rund um den Neusiedler See warten elf Labe- und Versorgungsstationen. Es gibt drei mögliche Startpunkte und unterschiedliche Längenabschnitte. Ein Shuttle ist auf Abruf für Notfälle bereit und Busse können von allen in Anspruch genommen werden, die nicht mehr weiter können oder wollen. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an die vielen freiwilligen Helfer, die alles getan haben, um uns Teilnehmern ein Stück Motivation, Wärme oder Energie zu geben. Ebenso Respekt an die drei Veranstalter Michael Oberhauser, Tobias Monte und Josef Burkhardt, die für dieses Projekt brennen und ihre gesamte Leidenschaft für Bewegung darin zum Ausdruck bringen.
www.24stundenburgenland.com


Grenzerfahrung, Kick, Reise ins Ungewisse, Herausforderung … klingt nicht sehr sinnvoll? Vielleicht nicht, dafür aber umso reizvoller. Das dachten sich wohl auch rund 5.100 andere Menschen und machten sich auf ins Abenteuer „24h Burgenland Extrem“. So viele Teilnehmer wie noch nie (gestartet ist man vor sieben Jahren mit 58 Teilnehmern). Und 2019 war ich eine davon.

Topmotiviert beim Start in Hegykö: Elke Sommer, Karina Reinfeld, Nicole Schlaffer und Gabi Groß (v. l.).


Extrem motiviert

Mit goßer Motivation ging ich in diese Challenge. Ich wusste nicht wirklich, was auf mich zukommt, außer dass es wetterbedingt etwas ungemütlich werden könnte. Die längste Trainingsstrecke, die ich am Stück in den letzten Monaten zurückgelegt habe, war 14 km lang. Ansonsten versuche ich mich halbwegs fit zu halten: zwei bis drei Mal pro Woche ein bisschen Laufen und Walken, aber eben immer nur ein paar Kilometer. Vor zwei Monaten entschied ich mich dann kurzerhand, das Abenteuer zu wagen und meldete mich an – mutig, unkonventionell und ein kleines bisschen wahnsinnig wie ich bin, habe ich mir die 80 km des „Memorial Trails“ (von Hegykö nach Oggau) rund um den Neusiedler See zum Ziel erklärt. Und dann kam es, wie es wohl kommen musste. Zwei Wochen vor dem Tag der Tage überwältigte mich eine schwere Erkältung und hielt mich rund zehn Tage in Schach. Als diese vorbei war, quälte mich eine komplett unnötige Lidrandentzündung. Hinzu kam die Deadline für das Magazin, das Sie in den Händen halten, die für das gleiche Wochenende angesetzt war wie die 24h-Burgenland-Extrem-Tour. Bis zwei Tage vor der Tour zweifelte ich daran, ob ich aufgrund meiner körperlichen Verfassung überhaupt mitgehen können werde. Doch an besagtem 25.  Jänner packte mich die Motivation mit ungeahnter Kraft und alle Qualen der letzten Wochen und die arbeitsreichen Nachtschichten der letzten Tage waren vergessen: Ich dachte nur noch an das Abenteuer, das mich erwartet.

 

Sturmböen zwischen 70 und 100 km/h und gefühlte minus 12 Grad: die Hölle ist nicht heiß.


Die windige Hölle

Der Start in Hegykö (Ungarn) um 7.30 Uhr war locker und topmotiviert. Während auf ungarischer Seite bis zur Grenze alles noch im grünen Bereich war, erfasste uns der Wind plötzlich rund um den Einser-Kanal vor Apetlon. Das war der Moment, in dem sämtliche Atemwege mit dem Wind um Sauerstoff rangen, und wir uns dem Sturm entgegenlehnten, um nicht nach hinten zu kippen. Die Zeit für Sturmhaube und Skibrille war gekommen. Als wir komplett vermummt Apetlon erreichten, war ich mir sicher, dass es wettermäßig an diesem Tag nicht mehr viel schlimmer werden kann. Ich hatte mich geirrt. Es wurde schlimmer. Hinzu kamen die ersten Schmerzanzeichen. Bei Kilometer 23 wuchs sich dieser anfänglich leichte Schmerz zu einer regelrechten Qual aus. Und zwar dort, wo ich ihn niemals vermutet hätte: im linken Vorderfuß, und wenn auch leichter, in den Hüften. Das Stechen in den Schultern bedingt durch die Computer-Nächte davor war dagegen harmlos. Der Streckenabschnitt beim Illmitzer Ortsteil Hölle machte seinem Namen alle Ehre. Orkanartige Sturmböen zwischen 70 und 100 km/h, gefühlte minus 12 Grad und dazu diese Landschaft, die einem mental alles abverlangt. Der Blick nach links: Steppe soweit das Auge reicht. Der Blick nach rechts: lange, kahle Weingärten. Der Blick nach vorne: kilometerlange Wege durch eine karge Landschaft. In diesen – waren es zwei oder drei oder mehr, ich weiß es nicht mehr – Stunden war ich alleine mit mir selbst und meinen Schmerzen. Nicht nur ein Mal spielte ich ernsthaft mit dem Gedanken, die Notruf-Shuttle-Nummer zu wählen und mich abholen zu lassen. Die Hölle als Endstation?

 

Flachland – auch der Blick wandert. Was bei anderen Extrem-Trails die Berge sind, ist im Burgenland der Wind.


Aufgeben war noch nie so schön …

Ich versuchte meinen Körper mit allen Tricks zu täuschen, drehte mich um die eigene Achse und ging streckenweise quasi rückwärts nach vor, um meine Gelenke und Muskeln zu entlasten. Irgendwie schleppte ich mich zur nächsten Labestation. Im stehenden Zustand ging es mir nahezu hervorragend, die Kondition war vorhanden, mein Wille war stark, der Wind konnte mich nicht umhauen. Doch die Schmerzen in den Füßen … Also, weiter nach Podersdorf. Und auf diesen paar Kilometern verlangte ich meinen Füßen alles ab, was ihnen möglich war. Kurz vor der Versorgungsstation in Podersdorf – mein Gang glich dem eines stark alkoholisierten Samba-Tänzers – fiel irgendwo in meinem Kopf eine Entscheidung: Hier ist Endstation für mich. 38 Kilometer müssen für dieses Mal reichen. Und ich sage Ihnen: Aufgeben hat sich noch nie so gut angefühlt. Am nächsten Tag wurde die starke Muskelzerrung bestätigt, das Schienbein war gelb-grün, der Vorderfuß rot und geschwollen. Aber ich habe gespürt, was dieser Satz bedeutet: Der Weg ist das Ziel. Und das Abenteuer, das dich lehrt, an deine eigenen Grenzen und darüber hinaus zu gehen, sieht mich nächstes Jahr bestimmt wieder – und zwar besser vorbereitet!

Bild 1902_B_burgenlandextre-1.jpg
Die Veranstalter: Tobias Monte, Michael Oberhauser und Josef Burkhardt. © 24h-Burgenland-extrem
Bild 1902_B_burgenlandextre-6.jpg
BM Herbert Kickl hat gut lachen in der Hölle: Er startete mit 180 angehenden Polizisten in Apetlon. © 24h-Burgenland-extrem

Extreme Zahlen 2019

Routen:

„Original Trail“ – 120 km (von Oggau nach Oggau) – 2.000 Starter

„Memorial Trail“ – 80 km (von Hegykö nach Oggau) – 300 Starter

Final Trail“ – 60 km (von Apetlon nach Oggau) – 1.400 Starter

„School of Walk“ – 30 km (von Neusiedl nach Oggau) – 1.200 Starter

„Golden Walker“  – 30 km (von Neusiedl nach Oggau) – 200 Starter

  • Teilnehmer aus 23 Nationen
  • Schwerpunktnationen: Österreich 70 %, Ungarn 20 %, Deutschland 10 %
  • Alter: 10 bis 85 Jahre
  • Altersdurchschnitt: 45 Jahre
  • Frauenquote: 42 % (ein extrem cooler Wert!)
  • Finisher-Quote gesamt: 38 %
  • Schnellster Finisher 120 km – nach eigenen Angaben: 10 h 4 min
  • Es wurden 10 t Lebensmittel ausgegeben (davon 750 kg Bananen) und 2.000 l warmer Tee.