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Lifestyle | 18.12.2017

Weihnachtswunderwahnsinn

Was uns alle Jahre wieder pünktlich vor den Festtagen auf die Palme bringt. Und wie wir wieder herunterkommen. Strategien für sie, ihn und die ganze Familie.

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© Shutterstock

Zeit der Erwartung, Zeit der Vorfreude, Zeit der Besinnlichkeit. Alle Jahre wieder lässt die Weihnachtszeit romantisch verklärte Bilder im Kopf entstehen. Love is all around. So weit die Idealvorstellung. Die Realität sieht oftmals anders aus. Hektische Betriebsamkeit macht sich breit. Die Wochen des Advents bieten viele Möglichkeiten für sie und ihn, sich in die Haare zu kriegen. Er mag sich erst gar nicht mit dem langwierigen Prozess der Geschenksideenfindung auseinandersetzen, geschweige denn ins Getümmel stürzen, sie stresst die x-te Organisation der Präsente für Onkel Gerd und Tante Frida. Beide geraten einmal mehr in heftige Diskussion darüber, wie die Anwesenheitszeit auf diversen Familienterminen im minutiös geplanten Feiertagskalender objektiv gerecht aufgeteilt werden kann, subjektiv bleibt es ohnehin immer ungerecht. Das Drama in mehreren Akten nimmt seinen Lauf.

Das kommt Ihnen bekannt vor? Dann rät Psychotherapeutin Elia Bragagna dringend zu einem klärenden Gespräch. Und das sollte nicht erst mitten im schönsten Trubel, sondern in einer oder besser mehreren ruhigen Minuten rechtzeitig vor dem großen Endspurt stattfinden: „Man sollte sich als Paar wirklich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen.“ Dabei geht es darum, sich die eigenen Bedürfnisse bewusst zu machen und diese auch zu kommunizieren. Klingt einfach, ist es aber nicht. „Oftmals übernehmen Paare schlichtweg Rituale von den Eltern und Großeltern, ohne sich jemals die Frage gestellt zu haben, wie sie sich selbst ein ideales Fest vorstellen“, sagt Bragagna. Wird das unterlassen, bleibt man nach einem gewaltigen Aufwand oftmals frustriert zurück. Traditionen dürfen ruhig kritisch unter die Lupe genommen werden, ohne sich über Rituale lustig zu machen, „die wenigsten trauen sich allerdings, ihre Vorstellungen zu artikulieren“, urteilt Bragagna. Klischees entsprechen zu müssen, hält sie nicht für zeitgemäß. Nachteile und Vorteile diverser Unternehmungen und Verhaltensweisen sollten durchaus beziehungsökonomisch einander gegenübergestellt werden: „Das darf ruhig eine richtige Analyse sein, die man auch zu Papier bringt.“

Wenn das Gespräch nicht nach Wunsch verläuft, darf man nicht schon bei der ersten unliebsamen Antwort die Flinte enttäuscht ins Korn werfen. „Wir haben einfach nicht gelernt, Dialoge zu führen. Meist läuft es so ab: Einer macht einen Vorschlag, der andere lehnt ab und man zieht sich sofort zurück“, analysiert die Expertin. Hier gilt es, dranzubleiben und herauszufinden, was das Gegenüber genau als störend empfindet, worum es einem selbst überhaupt geht, wie man Dinge ändern und gemeinsam neue Rituale schaffen kann, die beide Seiten zufrieden machen.

Jeder sollte vor allem auch mit seiner eigenen Familie klar Schiff machen. Was stresst genau? Was macht die Dichte aus? Geht es um einzelne Tage oder viele Tage hintereinander, die mit Verpflichtungen dicht gefüllt sind? Ziel ist es, eine für alle verträglichere Lösung zu finden. Auch das funktioniere aber nur, wenn man die Dinge in stressfreien Momenten mit allen Beteiligten klar anspricht. „Man muss einfach Luft haben, um etwas genießen zu können. Das verstehen Angehörige durchaus.“

Zentrale Fragen sind: Was erzeugt überhaupt ein Glücksgefühl bei mir? Was wünsche ich mir? „Mir kann am wichtigsten sein, dass einfach viel gelacht wird. Oder dass der Zusammenhalt im Mittelpunkt steht, was sich auch im gemeinsamen Aufräumen ausdrückt. Oder dass man es mit der Ordnung vielleicht einmal nicht so genau nimmt.“ Es ist auch legitim zu sagen: Man wünscht sich einfach Zeit zu zweit.

Weniger ist mehr? In Wochen wie diesen ist das keine leichte Aufgabe. „Die Zeit rund um Weihnachten ist komplett hollywoodisiert und kommerzialisiert“, konstatiert die Psychotherapeutin. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen das Fest durch und durch einfach gehalten war. Immer mehr besinnen sich allerdings wieder auf alternative Modelle als Kontrapunkt zum überbordenden Einkaufswahnsinn. Im Wichtelmodus beschenkt jeder nur ein Familienmitglied. Die Auslosung kann bereits zum zeremoniellen Familienabend unter neuen, entspannten Vorzeichen werden. Eine andere Möglichkeit: Das Geld, das jeder und jede für die Bescherung ausgeben würde, legen alle als Spende zusammen.

Während die einen jedes Jahr zu Weihnachten zu viel des Guten an Familie fühlen, hadern die anderen damit, zu wenig davon zu haben. Gerade Singles rät Bragagna dazu, sich nicht zu verkriechen, sondern aktiv Gleichgesinnte für ein gemeinsames Fest zu suchen und guter Dinge zu sein. „Man sollte nicht immer schmerzlich daran denken, was einem alles fehlt, vielmehr muss man sich dankbar daran erinnern, was man in Leben bereits alles bekommen hat.“