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Lifestyle | 12.03.2018

Iss mich!

Paleo, Keto und Co.: Immer neue Ernährungstrends versprechen Schönheit, Gesundheit, ewige Jugend. Was können Nahrungsmittel wirklich leisten? Der Check aus wissenschaftlicher Sicht entlarvt einige Mythen und gibt Aufschluss darüber, was im Körper tatsächlich wie wirkt.

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Mythische Lüge oder doch zauberhafte Wahrheit? Essenmythen im Check! © Shutterstock

Es erinnert ein bisschen an Alice im Wunderland. Die Titelheldin gelangt nur deshalb durch die viel zu kleine Tür in den magischen Garten, weil sie ein Fläschchen mit dem Hinweis „Trink mich!“ leert. Der Inhalt lässt sie auf die passende Größe schrumpfen, während ein Stück Kuchen im Haus des weißen Kaninchens sie wiederum in ungeahnte Dimensionen wachsen lässt. Ähnlich verhält es sich mit immer neuen Ernährungstrends – es eröffnet sich gleichermaßen ein Wunderland, in dem eine spezielle Zusammensetzung auf dem Speiseplan die Kilos purzeln, das Immunsystem jubilieren, die Falten schwinden lassen soll.

Steinzeitkost ist so ein Thema.

Mit der Paleo-Diät hat der Fleischkonsum neuen Aufschwung erfahren, Kohlehydrate werden weitgehend eliminiert, Limonaden, Süßigkeiten und Alkohol sind beispielsweise tabu. „Man geht bei diesem Trend davon aus, dass eine Ernährung, wie sie unsere Vorfahren als Jäger und Sammler genossen haben, optimal für unseren Körper ist und das ganze ,Übel‘ erst mit dem Ackerbau und dem Getreide über uns kam“, erklärt Molekularbiologie Fritz Treiber, Kursleiter im Geschmackslabor auf der Karl-Franzens-Universität Graz, in dem unter anderem auch wissenschaftliche Kochkurse für alle Interessierten angeboten werden. „Neue Forschungsergebnisse zeigen aber, dass der Mensch schon immer komplexe Kohlenhydrate zu sich genommen und diese Energie auch dringend benötigt hat.“

Steinzeitkost.

Eine Rekonstruktion des täglichen Steinzeitspeiseplans sei ohnehin nur in Bruchstücken möglich. „Tier- und Pflanzenarten sowie die Obstsorten haben sich durch die Züchtung dermaßen verändert, dass ein direkter Rückschluss auf die Nährstoffzusammensetzung nicht mehr möglich ist“, sagt der Experte. Der empfohlene Fasttag macht aus wissenschaftlicher Sicht durchaus Sinn, „in der Steinzeit blieb der Magen aber wohl häufig unfreiwillig leer“, so Treiber. Positiv an der Sache: der Verzicht auf industriell verarbeitete Produkte.

Dass weniger oft mehr ist, gilt auch für den Smoothie-Hype. Vitaminbomben von früh bis spät? Treiber winkt ab: „Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass zu viel Obst die Leber belasten kann.“ Gerade in flüssiger Form kann man nämlich in relativ geringer Zeit sehr viel davon zu sich nehmen. Äpfel, Trauben, Rosinen, Bananen, Feigen und Datteln beispielsweise sind aber reich an Fructose. „Diese wird im Körper, anders als Glucose, unter anderem in der Leber verarbeitet“, so Treiber. Spätfolgen können eine nicht alkoholische Fettleber sein. Damit erhöht sich auch das Risiko für Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Dickdarmkrebs. Empfehlenswert ist aus wissenschaftlicher Sicht daher der Genuss von maximal einem Glas am Tag, verarbeitet werden soll vor allem grünes Gemüse.

Dass in unserer Gesellschaft zu viel Zucker genossen wird, ist hinlänglich bekannt. Die WHO empfiehlt, rund 50 Gramm freien Zucker pro Tag zu sich zu nehmen – das sind rund zehn Teelöffel. Eine Dose Energydrink enthält im Durchschnitt bereits um die 30 Gramm Zucker. Eine Low-Carb-Ernährungsweise soll den Körper dazu zwingen, aufgrund des Kohlehydratmangels auf die Fettreserven zurückzugreifen. Das funktioniert auch, die Ernährung sollte aber nicht zu eiweiß- und fettreich werden, „als Dauer-ernährung ist das Low-Carb-Prinzip nicht geeignet“. Welche Kohlenhy-drate geeignet sind? „Am besten eignen sich komplexe Kohlenhydrate wie jene in der Süßkartoffel. Der Körper muss diese aufschließen, der Insulinspiegel steigt langsam an und bei diesem Freisetzungsvorgang werden Kalorien verbrannt.“

Super Food
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Weniger ist oft mehr: Das gilt auch für den Smoothies-Hype. Zu viel Fructose kann sich auf die Leber schlagen. © Shutterstock
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Ob Brain Food oder Beauty Food: Nahrung wird immer im Magen zerlegt. © Shutterstock

Ketone im Visier.

Gerade besonders im Fokus des Interesses stehen Ketone, die mittlerweile neben Proteinen, Fetten und Kohlehydraten als vierter wichtigster Baustoff im Körper gesehen werden. Sind die Kohlehydratspeicher aufgebraucht, bildet die Leber aus Fett Ketone, die der Körper als Energiequelle nutzen kann. Mit der klassischen Low-Carb-Ernährung ist der Eiweißgehalt dafür aber zu hoch, der Fettgehalt zu niedrig. Die Keto-Diät, bei der die Energie aus der Nahrung zum größten Teil in Form von Fett zugeführt wird, wird unter anderem bei manchen Krebserkrankungen eingesetzt. Alles in allem gilt: „Maß und Ziel nicht aus den Augen verlieren“, betont Treiber.

Hält Superfood, was es verspricht?

Nahrungsmittel mit besonders hohem Nährstoffgehalt sind genauso in aller Munde und haben längst die Welt erobert, daher kommen sie auch oft von weit her. „Auf teure Exoten kann beruhigt verzichtet werden, um Geldbörse und Klima zu schonen“, betont Treiber. Denn Superfood wie Leinsamen wächst vor unserer Haustüre. Der Unterschied in der Nährstoffkonzentration mit Mineralien, Spurenelementen und Fettsäuren sei im Vergleich zu kostspieligen, weitgereisten Produkten minimal. Spritzmittelbelastung und Mineralöle kratzen ohnehin am Image von Goji-Beeren und Chia-Samen.
„Man darf sich vom Essen einfach kein Heilsversprechen erwarten“, resümiert der Wissenschafter. Subjektives Empfinden und objektive Wirkung sind ohnehin zwei Paar Schuhe. Das gilt beispielsweise für das Thema Entschlacken, „denn eine menschliche Schlacke wurde noch nie nachgewiesen“, so Treiber. Und Beauty Food? „Lebensmittel können nicht schöner machen, weil Nahrung im Magen zerlegt wird und etwaige Wirkstoffe damit nicht dort ankommen, wo sie selbiges bewirken könnten.“
Vielen Kuren gemeinsam ist eine Reduktion von Kalorien. Sind die Zuckerspeicher einmal aufgebraucht, werden zur Energiegewinnung Fettdepots, bei längerem Fasten allerdings auch Muskelmasse angezapft. Der Körper stellt sich auf einen Hungerstoffwechsel um. Beendet man die Kur, schlägt sich das dann gleich verstärkt auf der Waage zu Buche, weil der Körper im gelernten Sparmodus auch weniger Verbrennungsarbeit leistet.

Pause.

Eine kulinarische Pause von 16 Stunden einzulegen, etwa einmal pro Woche – das hat sich für den Körper als tatsächlich sinnvoll herausgestellt. Für die Flüssigkeitszufuhr sind in diesem Zeitrahmen Wasser, aber auch schwarzer Kaffee ohne Zucker sowie ungezuckerter Tee erlaubt. Die guten Gründe für periodisches Fasten aus zellbiologischer Sicht erklärt Treiber so: „Durch die ständige Energiezufuhr werden auch Körperzellen, die beschädigt oder mutiert sind, erhalten. Findet diese Energiezufuhr in einem Zeitfenster von 16 Stunden nicht statt, so werden diese Zellen im Körper als Erstes entsorgt.“ Und das ist gut so.