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Lifestyle | 06.07.2018

Next Generation

Was müssen Erziehung und Bildung für glückliche Männer von morgen leisten? Wohin sich Rollenbilder entwickeln sollen, was Mütter und Väter tun können und wo das Bildungssystem gefordert ist.

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© Shutterstock

Versierter Hausmann, liebevoller Papa, gleichgestellter Partner, sensibler Beziehungsmensch, erfolgreicher Karrierist. Männer sehen sich heute mit vielen Erwartungshaltungen konfrontiert. Längst sind kritische Stimmen laut geworden: Männer sollten immer weicher werden und dabei immer härtere Kritik ertragen. Schon in jungen Jahren würden sie in Watte gepackt und verweichlicht. Die weiblich dominierte pädagogische Welt habe sich gegen sie verschworen, um ihnen männliche Eigenschaften abzugewöhnen. Erziehen wir unseren Nachwuchs unter falschen Vorzeichen? Sind Burschen Verlierer im Bildungssystem? Wie sollte der  Weg von Anfang an aussehen, damit Männlichkeit gut gelebt werden kann?



Bandbreite

Wie geht es „dem Mann“ überhaupt mit diesem Anforderungspaket und der Debatte darüber? „Das ist eine schwere Frage“, sagt Christian Scambor, Klinischer und Gesundheitspsychologe vom Verein Männer- und Geschlechterthemen Steiermark, „der Mann als pauschales Wesen ist ja schwer definierbar. Vielleicht ist das aber auch der große Unterschied oder das Neue an der Entwicklung der letzten Jahrhunderte. Dass nämlich die Möglichkeiten, das Leben  und Biografien zu gestalten, einfach größer und bunter geworden sind.“ Soziale Einbindung, Alter, Generation, Migrationshintergrund, sexuelle Orientierung – sie alle haben Einfluss, „Männlichkeiten unterscheiden sich sehr stark“. Als wesentlichen Aspekt nennt der Experte auch die sozialökonomische Lage.  Die Normalbiografie wie sie lange Zeit Standard war, gibt es immer seltener, „damit musste sich auch das Selbstkonzept ändern“. Heutzutage gehört es dazu, öfter einmal umzulernen, Jobs zu wechseln, es kann Phasen der Arbeitslosigkeit geben. Das verlange nach grundsätzlicher Flexibilität, „etwas, das Frauen schon länger können, ja können müssen“. Kann Mann damit umgehen, tut er sich leichter, „als wenn er mit der Hypothek eines veralteten Männlichkeitskonzepts im Kopf herumläuft, das hält nicht mehr“. Gesellschaftliche Veränderungen wirken sich immer auch auf Rollenbilder aus. Scambor führt die Frauen-, die Schwulen-, die Umweltschutzbewegung an, letztere ließ beispielsweise durch die Verknüpfung von „streetfighting“ und „caring“ neue Männlichkeitsbilder entstehen.  „Es wird mehr möglich, aber gleichzeitig wird es auch anstrengender, alles auszuverhandeln. Das betrifft Männer und Frauen.“ 50 Prozent der Männer, die in die Männerberatung kommen,  tun sich schwer im Bereich Trennung. „Heute ist das aber Normalität. Hier gilt es gerade bei den Burschen auch in der Jugendarbeit anzusetzen und Trennungskompetenz zu entwickeln. Diesbezügliches Selbstbewusstsein aufzubauen ist wichtig, um konstruktive Lösungen möglich zu machen.“

 

Stereotypien gegen den Strich bürsten,
überhaupt möglichst wenig Geschlechterrollen
transportieren,Vielfalt erlauben, lautet der Rat.



Scham

Gefühle wie Scham und Schuld seien für Männer auf Basis der Sozialisation noch immer schwer auszudrücken, „die alten Schienen sind noch da“. Wo sollte man also in der Erziehung der Jüngsten ansetzen? „Die Vorstellung, dass es etwas Natürliches gibt, das gut entwickelt werden muss, ist ein Mythos. Das Beste, was man meiner Ansicht nach tun kann, ist, möglichst vielfältige Männer- wie Frauenbilder anzubieten.“ Mütter und Väter sollten Stereotypen gegen den Strich bürsten, um mehr Handlungs-, Wahrnehmungs- und Empfindungsräume anzubieten. Das gilt auch für den Betreuungs- und Bildungsbereich. „Spielen nur die Kindergartenpädagogen Fußball, ist das kontraproduktiv. Da ist gleich ein rein weibliches Team besser, denn dann machen das auch die Frauen.“ „Geschlechtsdifferenzierter und geschlechtssensibler Unterricht sollte konsequent Bestandteil des Regelunterrichts sein“, betont Helga Thomann. Dass im Schulsystem Buben und Mädchen in der Koedukation am besten aufgehoben sind, davon ist die Pionierin der schulischen Integration, die 16 Jahre lang Landesschulinspektorin für rund 500 Volksschulen in der Steiermark war, überzeugt. „In der Beschäftigung mit dem anderen Geschlecht, gerade in der Diversität, liegen so viele Chancen.“ Den Begriff „Geschlechtsdifferenzierte Pädagogik“ gibt es übrigens seit 1994. Die Erziehung zur Gleichstellung von Männern und Frauen ist heute als Unterrichtsprinzip festgeschrieben. „In der Grundschule fordert der österreichische Lehrplan Individualisierung, das Eingehen auf die Bedürfnisse des jeweiligen Kindes.“ Damit sollten die durch Studien wie PIRLS und TIMSS belegte geschlechtsbezogene Unterschiede automatisch in den Fokus rücken. Das heißt: Begabungen fördern, aber auch geschlechtsensibler Lesestoff für Buben, die mehrheitlich informationsorientiert lesen, bewegungsorientierter Unterricht. „Im nationalen Bildungsbericht 2015 wird deutlich, dass bis zum Ende der Volksschulzeit geschlechtsdifferenzierte Leistungen nur eine untergeordnete Rolle spielen“, sieht Thomann Sensibilisierung und strategische Maßnahmen inzwischen greifen, „am Ende der 8. Schulstufe gehen die Unterschiede in Mathematik auf nicht signifikante zwei Prozentpunkte zurück“. Kurzfristige Trennung im Unterricht hält sie durchaus für sinnvoll: „Durch Leserunden für Buben und naturwissenschaftliches Forschen für Mädchen beispielsweise, Ergebnisse werden dann gegenseitig präsentiert.“ In der geschlechtergerechten Sprache sieht Thoma noch großen Handlungsgedarf unter den Lehrerinnen und Lehrern, „zumeist ist beispielsweise nur von Experten die Rede“. Deutlich ist aber der sozialökonomische Hintergrund. Bei Kindern mit Migrationshintergrund  kommen Geschlechterunterschiede weitaus weniger zum Tragen als der Bildungstand der Eltern. Thomann sieht in ganztägigen Schulformen Lösungsansätze. Gerade bei Burschen wird das Thema der Bildungsverlierer brisant werden. „Es besteht das Risiko, dass sie aus einem Loser-Status Protestmännlichkeit generieren. Es ist immer noch leichter, sich aufzuführen, als einzugestehen, dass man Probleme in Mathematik hat.“ Es würde auch bedeuten, dass der Bildungslevel für die nächste Generation niedrig bleibt. „Es müssen darüber hinaus Angebote für jene geschaffen, werden, die aus dem Bildungssystem fallen. Die Möglichkeit zu einem Abschluss muss auf dem aufbauen, was man kann, um Perspektiven zu  eröffnen.“ Stärken stärken,  Halt und Orientierung geben, klare Ansagen tätigen, das ist auch wesentlich.  „Männlichkeit ist im Grunde genommen das, was Männer tun“, definiert Christian Scambor. In einem modernen, positiven Männlichkeitsbild hat damit vieles Platz.