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Lifestyle | 16.07.2018

Fang-Frage

Beim Fliegenfischen pirscht man sich im Wasser heran, bringt die Schnur mit der Rute in einem eleganten Wurf auf Distanz, serviert die Fliege dem Fisch als mundgerechten Happen – und der beißt an. So weit die Theorie.

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Fliegenfischen im Selbstversuch. STEIRERIN-Redakteurin Elke Jauk-Offner mit ihrem Mann Erich Offner. © Marija Kanizaj

Genau genommen ist es ja ganz einfach: Overknee-Gummistiefel oder Wathose angezogen, Angelrute zur Hand genommen, das Mantra „Man muss an seine Fliege glauben“ gesprochen und rein ins fließende Gewässer. Da warten schon die Fische, so viel ist sicher. Müssen sie bloß noch anbeißen. Mein erster Selbstversuch belehrt mich natürlich eines Besseren. Das Wasser ist ganz schön frisch, die Strömung viel stärker als erwartet und vor lauter Konzentration auf die Wurftechnik – Handgelenk nicht kippen, mit dem Ellbogen eine Ellipse beschreiben, die Schnur beim Rückwurf unterhalb der Rutenspitze vorbei, beim Vorwurf oben drüber manövrieren, dann gefühlvoll auf der Wasseroberfläche aufsetzen – kann ich nicht mal ansatzweise darüber nachdenken, wie und wo ich mich aktiv heranpirschen und dem auserwählten Fisch die Fliege als mundgerechten Happen servieren könnte. Je besser man wirft, desto besser fängt man auch, heißt es. Na bravo. Aber zum Glück habe ich ja meinen Mann dabei, heute an der Mürz. Erich betreibt das Fliegenfischen seit vielen Jahren mit großer Begeisterung – als meditativen Ausgleich zum Bürojob und zum quirligen Familienleben, weil er das Naturerlebnis so schätzt und die Technik ihn fasziniert. Und ich, unser dreijähriger Sohn und unsere siebenjährige Tochter, ich gebe es gerne und ehrlich zu, schätzen die Frische und Qualität der Fische, die nach Erichs erfolgreichen Ausflügen ans Wasser auf unserem Teller landen. Eine Fanggarantie gibt es freilich nicht. Das ist auch gut so.


Naturnah

Den Köder möglichst naturnah auszuwählen und damit die potenzielle Beute des Fisches nachzuahmen, darin liegt der Ehrgeiz des Fliegenfischers begraben. Die Fliege – sie ist kunstvolles Herzstück, Epizentrum des Anglerglücks, manchmal auch Mysterium, aber immer Handarbeit, denn für die Herstellung gibt es keinen maschinellen Prozess. Das künstliche Insekt wird hierbei mit viel Akribie und Liebe zum Detail gefertigt. Zu Hause hat Erich ein ansehnliches Kästchen mit allerlei Federn, Fasern und Bindestock. Das zeitintensive Fliegenbinden zu beherrschen, ist allerdings keine Voraussetzung, man kann die perfekten Köder im Fachgeschäft käuflich erwerben. Wir versuchen es zuerst mit der Trockenfliege. Wie ist das Gewässer beschaffen, wie sieht das Fischvorkommen aus, wie der Insektenbestand – all das will noch vor dem Start bedacht werden. Mein Glück, dass Erich das Revier natürlich schon gut kennt. Der fachmännische Blick auf die Kehrseite von Steinen im Wasser, wo sich beispielsweise die Köcherfliege ihre Behausung baut, gibt unter anderem Aufschluss. Es ist gleichermaßen eine Fangfrage, ob man zu Nymphe (Imitat eines am Gewässergrund lebenden Insektes), Trockenfliege (Nachbau eines auf der Wasseroberfläche abtreibenden Insektes) oder Streamer (Imitat eines kleinen Fisches) greift. Ich kann aufgrund der Strömung kaum erkennen, wo sich die Trockenfliege gerade im Wasser befindet, da fehlt mir das geschulte Auge – trotz polarisierter Sonnenbrille, die die Spiegelung im Wasser möglichst aufzuheben vermag. Wir wechseln daher zur Nymphe, die auf den Grund der Mürz sinkt. Ein Bissanzeiger erleichtert in diesem Fall die Erkenntnis, dass ein Fisch gerade nach der servierten Fliege schnappt. Klingt einfach? Ist es aber nicht! „Wir brauchen einen Fisch“, gibt Fotografin Marija Kanizaj jetzt beherzt vor. Das sind ja herausfordernde Vorzeichen, um ruhig und konzentriert sein fragiles Glück zu versuchen.

 

 

Fliegenfischen im Selbstversuch.
STEIRERIN-Redakteurin Elke Jauk-Offner mit ihrem Mann Erich Offner.

 

Zeit und Raum

Und jetzt wiederhole ich mich: Zum Glück haben wir meinen Mann dabei. Erfahrung, Souveränität, Können und Ausgeglichenheit – das sind bessere Voraussetzungen, um beim Fliegenfischen erfolgreich zu sein. Obwohl die Tätigkeit ganz so wirkt, als würde man das Gefühl für Zeit und Raum verlieren, ist man doch ständig mit irgendetwas beschäftigt. Mit dem Werfen der Schnur, mit dem Wechseln des Köders, mit dem Einfetten der Trockenfliege, mit dem Gleichgewichthalten in der Strömung. Und dann ist er auch schon dran, der Fisch. Eine Bachforelle. Fische dürfen nur ab einer bestimmten Größe und in begrenztem Ausmaß entnommen werden. Am Anfang will man einen Fisch fangen, dann viele, dann einen großen, dann nur mehr große Fische – und am Ende ist man wieder zufrieden, wenn man ganz kleine an der Angel hat, weil man dann weiß, dass das Gewässer in Ordnung ist, haben mir andere passionierte Fliegenfischer schon mal gesagt. Fliegenfischen, das ist eine eigene Wissenschaft und vor allem eine intensive Konzentrationsübung. Das merkt man gleich, wenn man kurzerhand selbst im Wasser steht und alles auf die Reihe zu bekommen versucht. Nur wer zu 100 Prozent bei der Sache ist, hat Aussicht auf Erfolg. Die Natur bietet die prächtige Kulisse dafür. Die Steiermark kann hier nicht nur dank Mürz, sondern auch Mur, Salza, Enns oder Koppentraun mit vielen reizvollen Revieren aufwarten. Die Bachforelle wird gelandet, der Haken entfernt, der Fisch ins Wasser zurückgesetzt. Fliegenfischer werden nicht müde zu betonen, dass es sich um die schonendste Art des Fischens handelt, dass Naturschutz ein großes Thema ist, dass keine Widerhaken verwendet werden, dass ein Großteil der Beute nach der „Catch and Release“-Methode unverletzt wieder ins Wasser entlassen wird. Eine geregelte Entnahme ist erwünscht, ja gefördert. Das liegt nicht nur in der Natur des Fischers, ein frischer Fisch aus heimischen Gewässern am Teller sei auch weitaus politisch korrekter als ein weit gereistes Exemplar aus einer riesigen Zucht, so die Argumente, denen auch mein Mann folgt. Motorische Fähigkeiten, Technik statt Kraft, eine intensive Auseinandersetzung mit der Natur, Beobachtungsgabe und Taktik sind – zumeist neben der Fischereiprüfung des jeweiligen Bundeslandes – die Voraussetzung, um diesem Hobby nachzugehen. Daraus resultiert auch die Wahl der Ausrüstung. Für Anfänger wie Fortgeschrittene gibt es Kurse, die Startausrüstung schlägt sich mit rund 500 Euro zu Buche. Edle Liebhaberruten sind aus Bambus gefertigt und können ein Vielfaches kosten. Das Hobby Fliegenfischen zieht sich durch viele soziale Kreise, Berufsgruppen, Altersstufen. „One of the finest fly fisherman I know“, sagte Ernest Hemingway über Hotelierslegende Charles Ritz, der ein Standardwerk über das Fliegenfischen schrieb. Nicht zuletzt hat Brad Pitt in Robert Redfords Streifen „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“ das Fliegenfischen sogar hollywoodreif gemacht. Aber es muss gar nicht dick aufgetragen sein. Der Reiz liegt im Zur-Ruhe-Kommen, im genau Hinhören, im Hinschauen – und natürlich in der Frage: Der Fisch oder ich? Sie wird immer aufs Neue gestellt.  

Die Kunst des Fliegenfischens
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Eine kleine Bachforelle hat angebissen, wurde gelandet und wieder in die Freiheit entlassen. Zur Ausstattung gehört eine Box mit Trocken­fliegen. Der Widerhaken wird vorab entfernt, um die Fische zu schonen. Stets gilt es zu prüfen, ob Vorfach und Knoten halten.