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Lifestyle | 03.12.2018

Stimmung! Applaus!

„Talkshow 1933“. Die Ideen aus den historischen Protokollen klingen erschreckend aktuell. Regisseurin Angelika Messner schreitet kühn durch die Zeiten und Petra Piuks erstes Theaterstück fürs OHO.

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"Je mehr Angst den Menschen gemacht wird, umso mehr spaltet man sie." Angelika Messner, Regisseurin © Vanessa Hartmann

Ihr Vater, der Komponist und Musikpädagoge Karl Messner, saß im elterlichen Haus in Oberwart am Klavier, sie schlief abends bei Beethoven-Sonaten ein. Mit vier Jahren spielte Angelika Messner selbst Geige. „Wir haben kaum Musik gehört, wir haben Musik gemacht“, sagt sie. Irgendwann treten Sehnenscheidenprobleme im Handgelenk auf. Das war es aber nicht vorrangig, was sie von einer professionellen musikalischen Karriere abhielt. „Ich merkte intuitiv, dass ich woandershin will.“ Sie studiert Musikwissenschaft, kombiniert mit Germanistik, Geschichte, Theaterwissenschaft. „Bei ,Antonia und der Reißteufel‘, meinem ersten Libretto für eine Pop-Oper von Christian Kolonovits, wusste ich: Es war der richtige Weg.“ Ein Weg, mit dem sie auch den des Großvaters fortsetzt, der Schriftsteller war. Das Geigenspielen auf hohem Niveau blieb stets Ingredienz ihres kreativen Schaffens; bis heute tritt sie auch im Orchester auf. Doch eigentlich überlässt sie das Rampenlicht lieber anderen. „Im Endeffekt bin ich ein schüchterner Mensch.“Das ist Angelika Messner, die bereits mit Größen wie José Carreras zusammenarbeitete, hinter den Kulissen nicht. Mit charmanter Bestimmtheit dirigiert sie an diesem Herbstmorgen die Schauspielerinnen und Schauspieler. Keine Selbstverständlichkeit: Die Kostüme für die Aufführung im Offenen Haus Oberwart sind im Entstehen; um den Produktionszeiten unseres Magazins entgegenzukommen, lässt uns das Ensemble schon in einer Anfangsphase der Proben über die Schulter blicken.

 

IM ENTSTEHEN. Talkshow „zwischen den Zeiten“. © Vanessa Hartmann

 

Premiere.

Der Warm-Upper gibt sein Bestes: Applaus! Stimmung! Kochen soll sie, wenn die Moderatorin die Bühne betritt. Ein brisantes Thema steht auf dem Programm, je erhitzter die Gemüter, umso besser. „Talkshow 1933 – Und welche Augenfarbe haben Sie?“ lautet Petra Piuks Titel. Erstmals schrieb die Schriftstellerin ein Theaterstück. Der Ausgangspunkt ist ein historisches Dokument, das einen beim Lesen erschaudern lässt. Es ist dies ein Protokoll von einer Tagung vom 15. Jänner 1933, von der sogenannten „Zigeunerkonferenz“, dem Vertreter der Landesregierung, des Gerichts und der Gendarmerie beiwohnten. Von der „Zigeunerplage“ ist die Rede, davon, dass sie sich „ungleich rascher“, weil sorgloser, vermehrten … Mit absurden Zuschreibungen und Unterstellungen wird dabei eine Volksgruppe be- und abgewertet. Petra Piuk mag das (Verwirr-)Spiel aus Realem und Erfundenem. Erst kürzlich wurde ihr Roman „Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman“ mit einem der höchstdotierten Preise ausgezeichnet. Diesmal kreiert sie „eine Talkshow zwischen den Zeiten“, erklärt Angelika Messner. Aus dem Protokoll entnommene Aussagen treffen auf Statements und Schlagzeilen aus der Gegenwart – und auf Fiktives. Die einstige Roma-Frage wird zur aktuellen Migrationsfrage, aber die wird so verfremdet, dass sie plötzlich jeden von uns treffen könnte – im skurrilen Rahmen einer Talkshow.

 

MACHTSPIELE AUF VIELEN EBENEN. Die Star-Moderatorin muss „ihre Politiker“ zurückpfeifen. © Vanessa Hartmann

 

Heimspiel.

Wenngleich Messner in ganz Österreich und auch im Ausland inszeniert und schreibt, die Verbindung nach Oberwart und damit auch zum Volksgruppen-Thema blieb stets aufrecht. Sie brachte beispielsweise das pannonische Musical „Coming Home“ gemeinsam mit Christian Kolonovits auf die Bühne; als Elfriede Jelinek die Aufführung ihrer Stücke in Österreich untersagte, war 2000 Angelika Messners Regiearbeit von „Stecken, Stab und Stangl“ in Oberwart die einzige, die stattfinden durfte.

 

IM GESPRÄCH. Angelika Messner (r.), V. Kery-Erdélyi (Burgenländerin). © Vanessa Hartmann

 

Der Zukunftspolitiker.

Mit „Talkshow 1933“ greift Petra Piuk Themen auf, die Angelika Messner von Beginn an bewegten. „Der Faschismus von heute basiert auf dem Faschismus von damals“, sagt sie. Immer wieder erschreckend aktuell seien die Zitate aus dem historischen Protokoll. „Als Lösung wurde bei dieser Tagung vorgeschlagen, die Roma auf Inseln in der Südsee zu bringen. Ich hätte zunächst schwören können, dass die Autorin dieses Zitat aus der Gegenwart hatte.“ Was aber bietet den Nährboden für Ausgrenzung, für feindliche Gesinnung gegenüber anderen? „Ich glaube, das hat viel mit Angst zu tun. Je mehr Angst den Menschen gemacht wird, umso mehr spaltet man sie“, sagt die Regisseurin. Groß und vielfältig sei das Instrumentarium mit den Sozialen Medien geworden, falsche und gefährliche Informationen zu verbreiten. Nicht zuletzt bietet es viele Möglichkeiten zur Selbstinszenierung je nach Geschmack. „Im Stück taucht ein Zukunftspolitiker auf; er tritt als höflicher, netter Heilsbringer auf – und bringt die radikalsten Vorschläge mit.“ Die Inhalte gehen tief, gerade deswegen tastet sich Angelika Messner mit viel Fingerspitzengefühl heran. „Wir wollen die Menschen nicht verschrecken, sondern zum Nachdenken bringen. Ich freue mich auch sehr auf die Schulvorstellungen.“
Für die Produktion ziehen übrigens die Theaterinitiative Burgenland, die Roma Volkshochschule Burgenland und das Offene Haus Oberwart an einem Strang; vor Ort soll es auch die Möglichkeit geben, das historische Dokument aus 1933 zu lesen.


Die Produktion

Premiere … war am 8. November 2018 im Offenes Haus Oberwart; auf Grund des Erfolges der November-Vorstellungen gibt es weitere Termine:

Sonntag, 13. Jänner und Montag, 14. Jänner 2019 / jeweils 20 Uhr – im Off Theater Wien, Kirchengasse 41; Donnerstag, 17. Jänner und Freitag, 18. Jänner 2019 / jeweils 20 Uhr – im ORF Landesstudio Eisenstadt (Publikumssaal), Buchgraben 51, 7000 Eisenstadt.

Es spielen: Marie-Christine Friedrich, Alexander Braunshör, Jens Ole Schmieder, David Wurawa, Niki Kracher, Johannes Steininger, Joseph Cyril Stoisits.

Hinter den Kulissen: Angelika Messner (Regie), Martina Theissl (Dramaturgie, Regieassistenz), Heike Werner (Bühne, Kostüme), Phlo Krämmer (Ton, Musik).


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Angelika Messner © Vanessa Hartmann

Angelika Messner …

… wuchs als Tochter des Musikers und Komponisten Karl Messner und der Volksanwältin Evelyn Messner in Oberwart auf. Sie spielte Geige und studierte später Musikwissenschaft in der Fächerkombi mit Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaft. Sie wirkt als Librettistin, Dramaturgin und Regisseurin für eine Vielzahl an erfolgreichen Produktionen und kollaboriert mit internationalen Größen. Eine bunte Auswahl: Elfriede Jelineks „Stecken, Stab und Stangl“ in Oberwart, die mit Christian Kolonovits gemeinsam geschaffene Musicalproduktion „Csaterberg“ (2006, mit Marika Lichter, Willi Resetarits, Wolfgang Ambros), „El Juez“ (2014, mit José Carreras in der Titelrolle). In der Volksoper läuft aktuell abermals „Vivaldi – die fünfte Jahreszeit“, Messner schrieb das Libretto zur „BaRock-Oper“ von Christian Kolonovits. Angelika Messner ist Mutter zweier erwachsener Kinder und lebt in Wien.