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Lifestyle | 05.12.2018

Ungeschönt und ungefiltert

Wie orange sind Sie? Die Weinszene zeigt sich dynamisch – aber nicht alle Trends kommen auch bei allen gut an. Wir haben mit burgenländischen Winzerinnen und Winzern darüber gesprochen.

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© Shutterstock

Natural Wine, Orange Wine, Maischekontakt – wem diese Begriffe nichts sagen, der ist wohl nicht sehr vinophil. Dabei gibt es mittlerweile schon sehr viele Anhänger von Naturweinen. Doch bei den Begrifflichkeiten herrscht meist trotzdem noch wildes Durcheinander. So wird Orange Wine oft mit Natural Wine synonym verwendet. Doch während Natural Wine (auch Raw Wine) quasi als Überbegriff auf eine breitgefächerte Kategorie oder vielmehr auf eine ganz besondere Ideologie verweist und für Weine steht, die mit geringstmöglichem Eingriff bei der Vinifikation durch den Winzer hergestellt werden (Voraussetzungen z. B.: spontane Gärung, keine Filtration, keine Schönung, minimale oder keine Schwefeldioxidzugabe), bezieht sich Orange Wine einfach auf eine spezielle Weinbereitungstechnik. Demnach ist jeder Orange Wine ein Natural Wine, aber nicht umgekehrt.

Vierte Weinfarbe.

Orange Wines gelten mittlerweile nach Rot, Weiß und Rosé als vierte Weinfarbe. So wie Roséwein einen Wein aus roten Trauben mit sehr kurzem Maischekontakt bezeichnet, ist Orange Wine ein Wein aus weißen Trauben mit verlängertem Maischekontakt während der Gärung. Es handelt sich also um Weißwein, der wie Rotwein gemacht wird. Er verdankt seine Farbe, seinen Duft und seinen Geschmack, der von Gerbstoffen dominiert wird, ausschließlich der Schale. In Österreich dürfen nur biologisch wirtschaftende Betriebe Landwein mit Trübung und oxidativer Note als Natural Wine oder Raw Wine auf den Markt bringen.

 

Die Brüder Andreas und Hans Michael Nittnaus aus Gols mögen es lieber klassich.

 

Sanft und natürlich.

Die rennersistas aus Gols haben sich bereits seit einigen Jahren komplett dem biodynamischen Weinbau verschrieben und lieben Naturweine: „Wir verwenden den Begriff ‚Orange Wine‘ nicht so gern, weil es wenig über die Art und Weise der Bewirtschaftung der Weingärten oder der Handhabung aussagt. Wir verwenden lieber das Wort Maischekontakt, weil es im Prinzip genau das bedeutet.“ Bei ihren Weißweinen arbeiten Stefanie und Susanne Renner gerne mit Maischekontakt („ein paar Stunden, ein paar Tage“) oder Maischegärung („ein paar Tage, max. zwei Wochen“). Dabei wird die Maische von den Schwestern einmal täglich lediglich mit den Fingern an der Oberfläche ein wenig bewegt. „Alles sehr sanft, um die Extraktion möglichst gering zu halten.“ In ihrer Region, mit deren Böden und Weißweinsorten, haben die Schwestern die Erfahrung gemacht, dass ihre Weine „mit ein wenig Maischegärung mehr Trinkgenuss und Vielschichtigkeit bringen als direkt gepresste Weißweine“.

 

Die rennersistas aus Gols sind die Rockstars der Raw-Wine-Szene.

 

Umami!

Eine, die über alle Trends und das notwendige Know-how in der Weinszene Bescheid weiß, ist Pia Strehn aus Deutschkreutz. Die leidenschaftliche und wissbegierige Winzerin reist gerne durch die Welt und besucht verschiedenste Weinregionen, um sich kulinarisch weiterzubilden und Kontakte zu knüpfen. „Ich finde, Orange Wines sind eine Bereicherung für die Weinwelt. Die neuen Geschmäcker bieten eine Inspiration für unsere Geschmacksnerven und halten die Branche lebendig.“ Um sich inspirieren zu lassen, reiste Strehn vor Kurzem erst in die slowenische Region Karst, in das Weingut Cotar. „Ich habe mich dort direkt mit den Wurzeln der Naturweine auseinandergesetzt. Für die Winzer dort ist das, was wir hier Trend nennen, normal, die arbeiten seit über 40 Jahren so.“ Beflügelt von den Erfahrungen auf ihren Weinreisen wurde heuer bei den Strehns wieder etwas Neues ausprobiert: „Wir haben heuer rote und weiße Trauben zusammengelesen und gemeinsam lange auf der Maische vergoren. Das Ergebnis wird es nächstes Jahr geben: Umami!“ Für diese und andere Naturwein-Experimente im sonst eher klassischen Sortiment kreiert sie derzeit die Weinlinie „Freakshow“. „Zum Thema Raw Wine gibt es bei uns in der Familie oft wilde Diskussionen, da sich meine Brüder Patrick und Andy eher dem traditionellen Weinmachen verschrieben haben. Aber manchmal siegt dann doch meine Neugier und Kreativität.“

 

Trendsetterin Pia Strehn probiert auch im Weinkeller gerne Neues aus.

 

Überzeugt?

Die Familie des Weinguts Hans und Christine Nittnaus aus Gols hat sich bereits vor Jahren mit dem Thema Natural Wine und Orange Wine beschäftigt, kam jedoch zum Ergebnis, dass diese Richtung nicht ihrer Überzeugung entspricht. „Der Orange Wine hat am Markt durchaus seine Berechtigung, er macht die Weinwelt vielfältiger. Aber für uns weisen diese Weine meist die für uns wichtige Fruchtigkeit, Sortentypizität und Trinkfreudigkeit nicht in der Form auf, wie wir sie gerne haben. Und wir füllen nichts ab, wo wir nicht zu 100 % dahinter stehen. Das ist bei Orange Wine nicht der Fall, hingegen Natural Wine finden wir nicht uninteressant. Jeder soll das machen, wovon er überzeugt ist.“ Daher bleibt die wichtigste Rebsorte im Hause Nittnaus der Zweigelt. Gnadenlose Einfachheit. Auch eine Frage der Ideologie ist es für Winzer Uwe Schiefer aus Großpetersdorf, denn seine Naturweine entstehen nicht aufgrund eines Trends, sondern bereits seit dem Jahr 1999 für „schiefer.pur“, alle vergären spontan und reifen in Fässern verschiedener Größen langsam auf der Hefe. Keine Technologie, kein Barrique, einfach gnadenlose Simplizität. Das gilt auch für seine Orange Wines – mit dem Vorsatz, aus unterschiedlichen Rebsorten und auf unterschiedlichem Terroir universell gut einsetzbare Speisenbegleiter zu schaffen. „Und das dem Zeitgeist getreu auf extrem naturnahe Weise, mit minimalem technischen Einsatz, teilweise komplett ohne Zusatz von Schwefel oder sonstigen Hilfsmitteln. Orange Wine ist für mich eine Spielwiese, die aus Neugier entstand, mittlerweile aber eine feste Größe in unserer Produktpalette geworden ist.“ Egal ob Leidenschaft, Nischenprodukt oder Ideologie – sowohl Natural Wines als auch Orange Wines erweisen sich als spannende Ergänzung auf dem Weinmarkt und führen hoffentlich zu weiteren Experimenten der heimischen Winzer, sodass die burgenländische Weinwelt weiterhin dynamisch bleibt.

 

Der Südburgenländer Uwe Schiefer macht bereits seit 1999 Naturweine für seine Linie schiefer.pur.

 

Wein-Glossar

Maische

Masse aus Fruchtfleisch, Schalen, Kernen und Saft, die sich nach dem Rebeln und Quetschen der Trauben ergibt.

Maischekontakt

Kontakt der Traubenschalen mit dem gärenden Most.

Maischegärung

Methode der Gärführung, bei der die Gärung des Mostes auf der Maische in Kontakt mit den Traubenschalen stattfindet. Dabei kommt es zur Auslaugung von Farbstoffen und
Tannin (siehe „Extraktion“).

Extraktion

Vorgang, der das Auslaugen der Gerbstoffe und Farbpigmente aus der Traubenhaut im Laufe der Maischegärung bezeichnet. Die Farbpigmente sind schon nach kurzer Zeit extrahiert, bei den Tanninen dauert es etwas länger.

 

 

© Markus Rössle, Emmerich Mädl, Streulicht / Manfred Langer, Shutterstock, beigestellt