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Lifestyle | 08.01.2019

Die Ruhe vor dem Sturm

Stille Entzündungen spürt man nicht, sie richten aber langfristig Schäden im Körper an, weil das Immunsystem nicht zur Ruhe kommt. Strategien, um der „silent inflammation“ entgegenzuwirken.

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© Shutterstock

Kein Fieber, keine Schmerzen, keine Schwellung, keine Rötung: Nichts weist auf eine sogenannte „stille Entzündung“ hin. Und dennoch kann, ohne dass wir es bemerken, unser Immunsystem permanent beansprucht werden. „Das gute und wichtige Abwehrsystem unseres Körpers wird an manchen Stellen auf eine langsame und unbemerkte Weise in eine geringgradige Aktivität versetzt“, erklärt Winfried Graninger, Leiter der Medizinischen Abteilung für Rheumatologie und Immunologie am LKH-Universitätsklinikum Graz, das Prinzip der „silent inflammation“.
Wenn der Körper sich ständig in Abwehrhaltung befindet, bleibt das nicht ohne Folgen. „Etwas, das sich im Grunde genommen nur wenig auswirkt, hat über die Zeit einen sehr negativen Effekt. Die leise Aktivität führt nämlich dazu, dass durch den Immunangriff an einzelnen Organen Schäden entstehen.“ Über Jahre verlaufende und damit chronische Entzündungen, die rheumatischer Natur sind oder durch eine besondes einseitige Ernährung gefördert werden, begünstigen nämlich Ablagerungen an den Gefäßwänden. Ist die Arterienverkalkung weit fortgeschritten, droht ein Schlaganfall oder Herzinfarkt. „Die ,silent inflammation‘ ist so tückisch, weil sie unbemerkt zu einer verfrühten Schädigung und Alterung führt. Strukturelle Veränderungen lassen sich ja nicht mehr rückgängig machen“, sagt Graninger.

 

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Unsere Abwehrkräfte sorgen dafür, dass Viren und Bakterien unschädlich gemacht werden. Manches Mal schießen sie allerdings über das Ziel hinaus. © Shutterstock

Funktionierendes Frühwarnsystem. Eine Entzündung ist eigentlich eine lebenswichtige Reaktion des Körpers und auch alltäglich. Immer tun unsere Abwehrkräfte ihre Wirkung und versuchen, Krankheitserreger wie Bakterien, Viren, Parasiten und Krebszellen zu eliminieren oder unschädlich zu machen.  Ist die Gefahr gebannt, fährt das Immunsystem seine Aktivität grundsätzlich wieder herunter. Minimale Wunden auf der Haut oder kleine Verletzungen beim Zähneputzen, die Bakterien aus dem Speichel in die Mundschleimhaut eintreten lassen und eine kurze Rötung verursachen, sind schnell wieder verheilt. Abwehrreaktionen können aber auch dramatisch verlaufen, das ist beispielsweise bei einer Lungenentzündung der Fall.
„Das Immunsystem ist sehr mächtig und braucht viel Energie, die Immunzellen müssen in Schach gehalten werden. Ist diese Regulierung nicht mehr möglich, kommt es zu Autoimmunerkrankungen, die die Haut, Gelenke und innere Organe betreffen können und eine immunterdrückende Medikation, also Cortison, notwendig machen“, führt der Fachmann aus.
Ein Parameter im Zusammenhang mit Entzündungen ist der CRP-Wert. Mithilfe dieses sogenannten C-reaktiven Proteins, das im Blut nachgewiesen werden kann, lassen sich Rückschlüsse auf entzündliche Prozesse im Körper ziehen. Man kann den Marker zwar schon länger messen, allerdings hat ihn erst US-Wissenschaftler Paul M. Ridker Anfang der 2000er-Jahre in seiner Forschungsarbeit empfindlicher eingestellt und  schließlich zutage gefördert, dass in Gruppen von Menschen mit einem höheren Maß an CRP auch deutlich mehr Herzinfarkte verzeichnet wurden. Die Standard-CRP-Messung gibt allerdings keinen Hinweis auf stille Entzündungen, da diese ja subklinisch – also noch ohne klinische Krankheitszeichen – verlaufen. „Wenn man im Blut die Aktivierung des Immunsystems durch die Bestimmung des CRP-Wertes bereits festlegen kann, handelt es sich ja nicht mehr um eine ,silent inflammation‘, der Patient hat bereits offenkundige Beschwerden“,  sagt Graninger.

 

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Stress ist ein Risikofaktor für stille Entzündungen, er kann Immunfaktoren negativ beinflussen. Ausgleich und Entspannung sind daher enorm wichtig. © Shutterstock

Anti-entzündlicher Lebensstil. Was kann man nun dieser heimlichen und schleichenden Gefahr bestmöglich entgegensetzen? Es ist gerade unser westlicher Lebenswandel, der entzündliche Prozesse im Körper fördert – eine Kombination aus falscher Ernährung, zu wenig Bewegung und zu viel Stress. Viele Indizien deuten darauf hin, dass körpereigene Fettdepots eine wichtige Rolle bei der Entgleisung des Immunhaushalts spielen, vor allem das Bauchfett. Übergewicht ist in vielerlei Hinsicht ein Risikofaktor, das persönliche Ernährungsverhalten sollte man also auch unter dem Aspekt dieser verborgenen Vorgänge grundsätzlich und nachhaltig überdenken. Stille Entzündungen durch die Einnahme von besonderen Nahrungsergänzungsmitteln oder speziellen Bakterienkulturen unterdrücken zu wollen, hält Graninger nicht für sinnvoll, „es richtet allerdings auch keinen Schaden an“.
Konsequent Bewegung zu machen, ohne dabei jedoch in eine übersteigerte Aktivität zu verfallen, ist eine der weiteren Säulen im Dienste der Gesundheit, rät Graninger zu einem vernünftigen Mittelmaß. „Wesentlich ist auch, den Stress im psychosozialen System optimal einzustellen, abstellen kann man ihn ja ohnehin nicht“, sagt der Mediziner, „aber man kann ihn zumindest in einer positiven Form als Eustress in den Griff bekommen.“ Stress kann Immunfaktoren negativ beeinflussen, auf dem Fachgebiet der Psychoneuroimmunologie beschäftigt man sich intensiv mit den Zusammenhängen und Wechselwirkungen von Psyche, Gehirn und Immunsystem.