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Lifestyle | 05.06.2019

Fesch, oida!

Isa Stirm ist in Frankfurt Botschafterin für österreichische Lebenskultur: Alias Ösa richtet sie Heurigen aus, lädt zum Dampfablassen beim Schimpf-Wörkshop und verkauft Blaudruck-„Fetzn“.

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Schimpfen ist Entspannung. Ihre Seminare garniert Isa Stirm mit Bohnensterz-Kochen und viel Schmäh. Fotos: Anja Jahn, Claudia Simchen, Isa Stirm

Sie kennen doch sicher den österreichischen Kultfilm „Muttertag“? (Bitte sofort nachholen, falls nicht!) Da gibt es diese eine Szene, als der Familienvater (grandios: Reinhard Nowak) auf dem Mini-Balkon umständlich den Platz fürs Muttertagsgeschenk ausmessen will. Dabei stellt er sich dermaßen patschert an, dass er über Blumen, Griller und Co. stolpert – und schließlich herzhaft seinen Unmut kundtut: „So a Schaaaaas!“, brüllt er und es hallt durch das ganze Viertel. Befreiend herrlich, oder? Abgesehen davon, dass man den Rahmen gut sondieren sollte, in dem man seinen Emotionen auf diese Weise freien Lauf lässt, tut das doch niemandem weh. Im Gegenteil: Es hilft, Aggressionen elegant loszuwerden, findet Isa Stirm, die sich sogar professionell der Vielfalt des österreichischen Schimpf-­Vokabulars widmet. „Scheiß di ned an – Nimms entspannt!“ lautet der Titel ihres vielversprechenden „Schimpf-Wörkshops“, den sie in Deutschland anbietet. Und bevor Sie jetzt die Stirn runzeln: Wir haben uns höchstpersönlich von der Authentizität überzeugt, waschechter geht es gar nicht.

 

Ein bisserl Ö schadet nie: für ein bisserl mehr „Ich-scheiß-ma-nix-Leichtigkeit“.

Isa Stirm, Botschafterin für österreichische Lebenskultur

 


Mariazell im Müllsack.

Ein „bisserl g’schlaucht“ findet sich Isa Stirm, aufgewachsen in St. Margarethen, zu unserem Interview ein. Darf sie auch: Immerhin wagte sie die Tage zuvor mit einer illustren Mädelspartie eine Wallfahrt nach Mariazell. So richtig. Zu Fuß also. Ingesamt 135 Kilometer. Auch da ist es von Vorteil, wenn man fluchend ein bisschen Wut loswerden darf, „wenn am letzten Tag auch noch ein Schneesturm (im Mai, Anm.) aufzieht und du dir aus Müllsäcken Gewand basteln musst“, erzählt die sympathische Nordburgenländerin. „Diese vier Tage haben uns jedenfalls noch mehr zusammengeschweißt.“ Die Bande in die Heimat sind bei Isa bis heute eng, dabei lebt sie seit nunmehr fast 17 Jahren in Deutschland. Sie ist in Frankfurt am Main zu Hause, ist verheiratet und Mama zweier Kinder (7 und 10 Jahre alt). Das „Neee“ ist bei ihr noch immer ein bestimmtes „Na“, österreichisches Mundwerk und Herz sind bei ihr bis dato völlig intakt. Bei so viel Liebe: Warum überhaupt Österreich verlassen? „Ich habe eine sehr große Familie: Mein Papa hat acht Geschwister, meine Mama drei – und die ganze Familie lebt in St. Margarethen“, sagt sie. „Mir wurde es einfach zu eng.“ Sie studiert in Wien Grafikdesign, als sich nahezu aus heiterem Himmel eine Möglichkeit auftut, in Hamburg ein WG-Zimmer zu beziehen. Sie schnappt sich ihren Computer und sitzt quasi im nächsten Nachtzug. „Ich habe es genossen: Ich konnte endlich sein, wie ich wollte, ich durfte meine Rolle selbst definieren. Allerdings hatte ich auch sofort Heimweh“, gesteht sie lachend.

 

 

Männerschlangen.

Isa bleibt trotzdem, jobbt zunächst in einem Café. „Die haben mich dort als Österreicherin geliebt, die Männer standen Schlange – dabei hatte ich kurze Haare und Zahnspange.“ Sie standen auf ihre Aussprache, ihr Vokabular, die neugewonnenen Freunde mochten ihre Kochkünste – und erst den burgenländischen Wein! Bereits in dieser ersten Zeit lernt sie ihren heutigen Mann kennen, der für seine Isa ihren aktuellen Markennamen kreierte: Ösa lautete der Spitzname, unter dem sie damals schon „Entwicklungsarbeit“ zu leisten hatte. „Die haben mich Burgenländerin doch tatsächlich gefragt, ob ich nicht die Berge vermisse!“
Wurstsemmel mit Gurkerl. Isa, Pardon Ösa, arbeitet Jahre hindurch als Grafikdesignerin; in ihrer Freizeit verwöhnt sie – später zieht das Paar von Hamburg nach Frankfurt – Freunde und Kollegenschaft mit Gulasch und Grenadiermarsch und edlen Tropfen. Sie avanciert zur Stimmungsgarantin, wenn sie beispielsweise zum österreichischen Kino-Abend lädt: In der Kiste flimmert „Indien“ – verköstigt werden die Gäste stilecht mit Doppler, Wurstsemmeln mit Gurkerl, Rumkugeln und Soletti. Und dann, vor gut drei Jahren, bekommt ihre Passion eine profesionelle Wende: Sie organisiert in Frankfurt einen wegweisenden Heurigen in einem Lokal. Isa serviert dort einen „Herr Koarl“ (Schweinsbratenbrot garniert) und eine „Sissi“ (saure Presswurst) – oder beides zusammen als Doppelpack alias „Gspusi“; dazu werden Welsch(riesling) und Frizzante kredenzt. Eifrig dabei ihre Kids, die Almdudler und Mannerschnitten unters Volk bringen. „Die zwei lieben das Burgenland sehr, die haben bis heute noch gar kein Meer gesehen, weil sie sich am Badeteich von St. Margarethen und am Neusiedler See so wohlfühlen.“

 

… Hustinettenbär!

 

Von Ungustln und Wapplern.

Jedenfalls brachte dieser sagenumwobene Heurigen die Steine ordentlich ins Rollen; Isa Stirm konzipiert und richtet seither eine Vielzahl österreichischer Events aus. „Eigentlich habe ich mir selbst einen Beruf geschaffen“, sagt sie. Eine Spezialität sind ihre eingangs erwähnten „Schimpf-Wörkshops“. Zielgruppe sind sowohl Unternehmen mit Österreich-Bezug zwecks interkultureller Verständigung als auch einfach interessierte Gruppen. „Dabei nehme ich meine Teilnehmer auf einen vier- bis achtstündigen Kurzurlaub nach Österreich mit“, schildert Isa Stirm. Es wird gemeinsam etwa Bohnensterz und Cremeschnitte zubereitet und „dabei schimpf ma halt auch ein bisserl“, lacht sie. Freilich soll niemand beleidigt werden, das Schimpfen soll der Entspannung dienen, „ich will ein bisserl diese ,Ich-scheiß-ma-nix-Leichtigkeit vermitteln“. Spaß ist allemal gesichert, wenn die deutschen Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Bedeutung von „Ungustl“, „Wappler“ oder „Oarschwarzn“ zu erraten versuchen. Dabei sieht sie ihre Mission auch darin, die beiden Nationen näher zueinander rücken zu lassen. „Meine Kinder haben sowohl einen österreichischen als auch einen deutschen Reisepass. Was ich mir da schon blöde Kommentare anhören musste“, wundert sie sich. Immer wieder müsste sie in Richtung Landsleute betonen: „Die Deutschen lieben euch, seid doch nicht so gemein!“

 

Blunzn? Genussvolles Rätseln beim Workshop.

 

Völkerverständigung.

Das mediale Interesse für ihre pointierten „Schimpf-Wörkshops“ brachte leider nicht nur Schönes zutage. „Ich hab’ sogar Hatermails bekommen“, erzählt Isa Stirm. „Dabei ging es mir nie darum, wer besser ist. Sondern darum, dass die Menschen Spaß miteinander und mit ihren Kulturen haben; es geht hier um Völkerverständigung und darum, sich genussvoll an den Unterschieden zu erfreuen.“
Außerdem ein Herzensanliegen von Isa: „Österreich ist nicht nur Gabalier. Österreich ist auch Bilderbuch, Garish, Cari Cari, Avec und Schmied’s Puls.“ Das scheint aber selbst hierzulande noch nicht bis in alle entscheidenden Etagen durchgedrungen zu sein …


Unter ösa.at findet man unter anderem den Online-Shop von Isa Stirm inklusive „Fesch, Oida!“-Kochschürzen und „Fesche Fetzn“, also Blaudruck-Geschirrtücher.

Impressionen
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Gut lachen. „Gspusi“ nennt Isa ihre gemischte Platte.
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Afoch sche. Salzstangerl im „Feschn Fetzn“.
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