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Lifestyle | 13.06.2019

Mit Tiefgang und Schmäh

Adi und Maddalena Hirschal im ganz persönlichen Interview über grauenhafte Entwicklungen, selbstironischen Humor, die große Liebe und nicht vorhandene Emanzipation.

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Tochter und Vater können viel – auch miteinander. Und meistens sogar sehr harmonisch. © Vanessa Hartmann

Als Schauspieler, Sänger, Kabarettist und Intendant steht Adi Hirschal bereits fast sein gesamtes Leben lang im Rampenlicht. Tochter Maddalena tat es ihm nach. Während sich Adi derzeit auf die Premiere der diesjährigen Kultursommer-Laxenburg-­Produktion am 16. Juni vorbereitet, spielt Maddalena am Bronski & Grünberg Theater in „Schuld und Sühne“ unter der Regie von Alexander Pschill, im Wiener Lustspielhaus ist sie für die Kostüme verantwortlich – und kommenden Sommer will sie mehr Zeit im Burgenland verbringen. Wir trafen Vater und Tochter im Gut Purbach.


Adi, Sie haben letztes Jahr einen Runden gefeiert – ist es mit 70 nun anders als mit 69?

Adi Hirschal: Doch, schon. Ich sehe die 70 als ein Symbol dafür, dass ein großer Teil meines Lebens hinter mir liegt, und ich muss aufpassen, was ich mit der verbleibenden Zeit anfange. Die Entscheidungen wollen gut überlegt sein, Qualität spielt eine große Rolle. Und ich gehe jetzt auf die 80 zu, das hört sich ganz grauslich an.


Sie waren bei Sängerknabe und haben später mit Freunden in Italien eine Punkband gründeten sowie den Urschrei erprobt – wie kam es zu dieser abrupten Richtungsänderung?

A: Die Sängerknaben haben meine inneren Werte geprägt, aber rein vom Äußeren her waren die 68er einfach der Hammer, der auf mich niedergegangen ist. Da hat ein wilder Tanz begonnen, der bis heute andauert und mich stark geprägt hat. Ich bin im Grunde immer noch dieser wilde Tänzer, dieser Hippie, und so will ich die Welt auch wiederhaben.


Was fehlt Ihnen in der heutigen Zeit?

A: Eine offene Gesellschaft, die alle Freiheiten hat und mutige Entscheidungen nicht scheut. Einfach das Sich-nix-pfeifen-Brauchen im positiven Sinn. Die Intensität der Musik von damals – Jimi Hendrix, David Bowie, The Who – alles laut, intensiv und mutig. Dagegen ist unsere heutige Zeit brav und biedermeierig.

 

Adi Hirschal ist darauf bedacht, sich sein inneres Kind zu bewahren. Seine Tochter hilft ihm dabei.



Maddalena, wurden Sie stark von Ihren Hippie-Eltern beeinflusst?

Maddalena Hirschal: Ja, ich glaube schon. Aber ich hatte halt keine Revolution zu leisten. Meine Eltern waren die Revolution. Es gab in den 1990ern keine Gesellschaft, gegen die man sich zu stellen hatte, das war im Prinzip schon alles geklärt.


Sie haben sich beruflich für die gleiche Branche wie Ihr Vater entschieden. Passiert es Ihnen oft, dass Sie darauf reduziert werden, die Tochter von Adi Hirschal zu sein?

M: Wenn man den gleichen Weg geht, wird man darauf angesprochen, damit musste ich rechnen. Würde ich das nicht wollen, hätte ich etwas anderes machen müssen. Ich war nach meiner Ausbildung viel im Ausland. Als das relativ erfolgreich verlaufen ist, kam ich nach Hause. Und jetzt genieße ich es, mit meinem Vater zu arbeiten.

A: Wir mögen uns wirklich.

 

Das merkt man, ihr lacht auch sehr viel miteinander. Welche Eigenschaften sind euch persönlich noch wichtig?

A (lacht): Mit humorlosen Menschen kann ich nur ganz schlecht umgehen. Ich nehme mich selbst nicht so wichtig, als dass ich nicht herzhaft über mich lachen könnte. Eine gewisse Selbst­ironie und distanzierte Sicht auf sich selbst ist das Reifezeugnis fürs Leben. Erika Pluhar hat gesagt, ihr Lieblingswort ist „trotzdem“. Also „trotze dem“ oder „einer Sache trotzen“. Ich finde das Staunen, diese Verwunderung über Dinge, die uns umgeben, sehr wichtig. Kinder können das, Erwachsene haben es meist schon verlernt. Ich möchte dieses Kind in mir nie verlieren.

M: Da mache ich mir keine Sorgen (lacht). Ich kann schon über mich lachen, aber wenn meine Eltern mich auf der Schaufel haben, nehme ich das sehr ernst. Wahrscheinlich weil sie immer mein Gradmesser für alles waren. Sie kennen mich so gut wie sonst niemand – bei anderen tue ich mir da leichter.


Adi, stimmt es, dass Sie Ihre Frau Ela noch am Abend Ihres Kennenlernens gefragt haben, ob sie Kinder möchte? Ein eher ungewöhnlicher Anmachspruch.

A (lacht): Ja, als Anmache ist der Satz sehr vertrottelt. Aber ich habe sie das tatsächlich schon fünf Minuten nach unserem Kennenlernen gefragt, während wir uns zu „Samba Pa Ti“ bewegt haben. Ich glaube, ich habe ihr ganz gut gefallen, und sie mir auch. Da kann man sich schon einige dialogische Fehler leisten.

 

Beim Gedankenaustausch und Interview im „Gut Purbach“: Redakteurin Nicole Schlaffer mit Adi und Maddalena Hirschal.



Ihre Frau steht nicht gerne in der Öffentlichkeit. Ist es nicht schwierig zu vereinbaren, wenn einer immer im Rampenlicht steht und der andere dort gar nicht hinwill?

A: Meine Frau hat einfach Stil. Sie drängt nicht an die Öffentlichkeit. Dass wir schon so lange zusammen sind, ist hauptsächlich ihr Verdienst. Ich war eine Zeit lang ein sehr anstrengender Ehemann. Vor allem in den Jahren des Erfolgs mit den Strizzi-Liedern, als ich mit meinem Freund Wolfgang Böck keinen Abend vor vier Uhr morgens nach Hause gekommen bin. Ich bewundere die Klugheit meiner Frau, dass sie mich an der langen Leine gehalten hat.


Was macht eine gute Beziehung aus? Ihre hält nun immerhin schon über 40 Jahre – und das in einer Branche, in der das eher nicht üblich ist.

A: Ich würde jedem raten, dem ersten Gefühl, das man zu einem Menschen hatte, immer wieder nachzugehen und nachzuspüren. Vor allem in schwierigen Zeiten – die wir natürlich auch hatten. Ich finde dieses Gefühl immer wieder und jetzt bin ich maßlos verliebt in sie. Und es ist wichtig, den anderen als eigenständige Person zu betrachten, also nicht immer im Zusammenhang mit einem selbst.

M: Ich habe meine Eltern nie still einander gegenüber gesehen. Es gab immer einen Austausch, sie sind sehr interessiert aneinander. Ich hätte das natürlich in dem Alter auch gerne so. Mit meinem ersten Freund war ich acht Jahre zusammen und mit meinem Mann bin ich seit zwölf Jahren zusammen. Ob das später mal auch so gut funktioniert wie bei meinen Eltern, weiß ich nicht.


Gehört zum Glücklichsein für Sie auch Familie, also Kinder, dazu? Werden Sie oft mit der biologischen Uhr konfrontiert?

M (lacht): Alle Frauen ab 30 werden das gefragt. Viele meiner Freundinnen haben bereits Kinder. Aber ich lebe halt sehr unkonventionell, habe unregelmäßige Arbeitszeiten. Mein Mann ist Kieferchirurg und wir leben derzeit noch örtlich getrennt. Ich fühle mich von der Gesellschaft aber nicht unter Druck gesetzt, weil ich mich kenne und weiß, was ich in meinem Leben mache und warum.
Männer werden ja nie nach der Familienplanung gefragt oder wie sich Kinder und Karriere vereinbaren lassen …

M: Wenn das so ist, ist das schade. Mein Eindruck ist, dass man als Frau in unserer Gesellschaft erst als vollwertig gilt, wenn man Kinder hat und Karriere macht. In meinem Umfeld erlebe ich viel Schuldgefühl, nicht beidem gerecht werden zu können. Wie und ob ich diese Doppelrolle leben werde und möchte, weiß ich noch nicht. Ich habe noch keinen Masterplan für mich gefunden. Eigentlich sollte ich wissen, wo ich in fünf Jahren sein will, ich weiß es aber nicht.


Vielleicht reicht es schon zu wissen, wo man NICHT sein will …

A: Ein sehr guter Ansatz.

M: Aber diese Selbstoptimierung ist jetzt so modern. Immer weit voraus denken, immer schneller – das ist mir zutiefst zuwider.

 

Adi, gibt es etwas, das Sie in Rage bringt?

A: Als Privatmensch versuche ich mir eine gewisse Gelassenheit anzueignen, aber als Staatsbürger bin, oder besser war, ich in letzter Zeit einigermaßen beunruhigt. Ich hoffe, dass der Spaltung unserer Gesellschaft nun Einhalt geboten wird. Die Zeichen stehen nicht allzu schlecht für eine Rückkehr in ein zivilisierteres Staatswesen und eine offene Gesellschaft. Als Künstler und Freigeist hoffe ich auf das Ende von Hetze und Hass, die uns in letzter Zeit täglich begleitet haben.


Kommen wir zum Burgenland. Sie haben schon viel über die Wiener gesungen und gelesen, nun leben Sie seit sieben Jahren auch im Burgenland. Was macht denn für Sie das Burgenland aus?

A: Wien ist ein sehr spannendes, großes, urbanes Biotop. Es schwimmen dort viele Raubfische herum. Das Burgenland ist gutmütiger! Natürlich, das  ländliche Leben hat nicht nur Vorteile. Man steht ständig unter Beobachtung, ist nicht anonym. Aber ich liebe das Klima! Das gibt es sonst nur in Südfrankreich oder Italien. Die Luft ist anders, man riecht den See. Ein langer Urlaub! Ich bin froh, hier gelandet zu sein.


M: Ich freue mich schon auf den Sommer, heuer möchte ich viele Tage hier in Purbach verbringen. Das war mir leider bisher noch nicht so oft vergönnt. Die Wiener sind ganz begeistert vom Burgenland. Viele meiner Freunde suchen hier ein Haus. Ich bin glücklich, wenn ich hier bin.

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70 Jahre und kein bisschen leise: Adi Hirschal.
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Maddalena Hirschal (36) lebt ihr unkonventionelles Leben gut und gerne.

Traumschiff – alles läuft schief

Ein Desastrical von Christian Deix und Olivier Lendl

Mit Pia Baresch, Christian Deix, Susanne Gschwendtner, Olivier Lendl, Thomas Mahn und Christina Scherrer.

Regie: Viktoria Schubert.

Intendanz: Adi Hirschal – er kehrt selbst im Stück als Entertainment-Officer des Kreuzfahrtschiffs auf die Bühne zurück.

Von 16. Juni bis 18. August, jeweils Samstag & Sonntag um 16.30 Uhr

Franzensburg, Schloss Laxenburg

www.kultursommerlaxenburg.at