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Lifestyle | 01.07.2019

Eine schwere Zeit

Jeder Vierte ist im Laufe seines Lebens von einer psychischen Erkrankung betroffen. Depressionen kommen sehr häufig vor. Wie Hilfe für die Seele aussehen und man in Krisen unterstützen kann.

Extreme Müdigkeit. Schwere. Gedrückte Stimmung.  Antriebslosigkeit. Mangel an Freude. Schuldgefühle. Schlafstörungen. Geringe Belastbarkeit. Alles dreht sich im Kreis. Man kommt aus dem Grübeln einfach nicht heraus. Gleichzeitig ist man enttäuscht, dass man die Situation nicht bewältigen kann. Menschen mit einer Depression kennen die Symptome oft. Um besser nachempfinden zu können, wie es Betroffenen geht, hat Andrea Zeitlinger, Gründerin des Unternehmens pro mente Steiermark, die Wanderausstellung  „schau auf di! – Psyche erleben“ konzipiert.
Im Selbstversuch gehe ich langsamen Schrittes durch einen dunklen Tunnel, nachdem man mir eine 15 Kilogramm schwere Weste umgelegt hat. Über Kopfhörer höre ich wiederholt Sätze wie: „Eigentlich habe ich auf gar nichts Lust. Andauernd bin ich müde. In der Früh komme ich gar nicht aus dem Bett. Die Last wird immer größer. Manchmal muss ich weinen, grundlos. Ich bringe nichts auf die Reihe.“ Am Ende dieser Erfahrung bin ich froh, die schwere Weste wieder ablegen zu können, die meine Schultern gehörig belastet hat, „das ist ein Privileg, Betroffene haben diese Möglichkeit nicht“, sagt Katharina Donaczi, die bei pro mente Steiermark die mobile sozialpsychiatrische Betreuung leitet. 2016 waren acht Prozent der Bevölkerung in Österreich von einer Depression betroffen, das sind 700.000 Menschen. Oft gehen Symptome wie Ängstlichkeit und innere Unruhe mit der Erkrankung, die unterschiedliche Schweregrade haben kann, einher. „Eine Depression fühlt sich immer dort wohl, wo ich mich schwach fühle“, so die Expertin. Das kann sich schleichend bemerkbar machen. Man vernachlässigt zunehmend persönliche Interessen, zieht sich sozial immer mehr zurück, kümmert sich weniger um den eigenen Körper und die Ernährung, das Selbstwertgefühl sinkt.

 

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© Shutterstock

Resilienz. Je stärker die  psychische Widerstandskraft, desto weniger verletzlich ist man. Die Resilienz hängt allerdings von der persönlichen Biografie ab, von belastenden Erfahrungen in Kindheit und Jugend. Daher kommt es vor allem auch auf den Umgang von Freunden und Familie, Vorgesetzten und Kollegen mit der Situation an. „Unterstützung und die Möglichkeit zum Austausch sind wichtig“, betont die ausgebildete Sozialarbeiterin.
Psychopharmaka können Schwankungen im Hormonhaushalt ins Lot bringen, bedürfen aber immer einer guten ärztlichen Begleitung. „Durch die Einnahme von Medikamenten verändert sich der persönliche Antrieb, man fühlt sich wieder fitter und leistungsfähiger. Allerdings bleiben die Ängste und Sorgen, die der Depression zugrunde liegen, unbehandelt. Daher sind begleitende Psycho- und Gesprächstherapien wesentlich“, sagt Donaczi. Pro mente Steiermark bietet unter anderem eine mobile sozialpsychiatrische Betreuung, unterstützt dabei, wieder in den Arbeitsmarkt einzusteigen, und steht mit tagesstrukturierenden Maßnahmen zur Seite. „Die Hemmschwelle, sich Hilfe zu holen, ist immer noch hoch. Niemand sagt gerne: Mir geht es schlecht, ich tue mir schwer, aufzustehen, zu duschen, zu kochen, den Alltag zu bewältigen“, so Donaczi, „es ist jedoch stark und mutig, zu sagen, dass man Unterstützung braucht.“ 

 

Es ist stark und mutig,
wenn sich jemand Unterstützung
holt. Darin bestärken wir.

– Katharina Donaczi

Gute Strategien. „Wir schauen in unserer Begleitung darauf, was der Person gut gelingt, worauf sie stolz sein kann und wo die Ressourcen liegen, in diese Richtung motivieren wir auch. Wir stecken gemeinsam Ziele, was in einer bestimmten Zeit anders werden soll“, erklärt Donaczi. Betroffene haben auch selbst oft gute Strategien, mit ihrer Erkrankung umzugehen. „Jeder bleibt Experte über sein Leben“, betont Donaczi.  Wie können nun Angehörige unterstützen? Offen darüber reden, das Thema enttabuisieren, dem Stigma entgegenwirken. „Es ist wichtig, dass das Umfeld die Person ernst nimmt. Aufforderungen wie ,Stell dich nicht so an‘ sind nicht hilfreich.“ Freunde und Angehörige sollten sich vielmehr gut über das Thema informieren. „Wenn man der Person nahe steht und daher selbst besorgt ist und sich überfordert fühlt, ist Wissen sehr wertvoll. Wir alle hatten schon einmal einen grippalen Infekt und wissen, was man dagegen tun kann. Wenn man sich allerdings nicht vorstellen kann, wie sich eine Depression anfühlt, kann man sich auch nicht vorstellen, was die Person im Augenblick brauchen könnte.“ Und: „Man darf der Person keinesfalls alle Kompetenzen absprechen.“ Dazu anzuregen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, ist vollkommen in Ordnung, „wichtig dabei ist aber, dass auch die Betroffenen das wollen“. 
Pro mente Steiermark ruft unter dem Leitgedanken „schau auf di!“ mit zehn wirkungsvollen Schritten die psychische Gesundheit für uns alle ins Bewusstsein: 1. Darüber reden. 2. Um Hilfe fragen. 3. Sich nicht aufgeben. 4. Sich selbst annehmen. 5. Mit Freundinnen und Freunden in Kontakt bleiben. 6. Aktiv bleiben. 7. Sich beteiligen. 8. Etwas Kreatives tun. 9. Sich entspannen. 10. Neues lernen.

Termine und Orte der Wanderausstellung sowie Informationen: www.promentesteiermark.at