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Lifestyle | 30.10.2019

Ganz schön WOW

Vom Bekenntnis zum Neuanfang, von Coffee-Shops als temporärem Office, vom „Meer“ Lake Michigan und vom ersten richtigen Blizzard. Chicago!

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Mein Chicago © Shutterstock

Alexandra Riegler lebt seit 13 Jahren in den Staaten, seit vier Jahren in Chicago, trotzt eisigen Wintern und Donald Trump und  schätzt das herzliche, bodenständige, glitzernde, stolze, abgebrühte und hippe Flair der Stadt.  


Aus welchen Gründen bist du in die USA ausgewandert?

Dass ich das Leben in den USA für eine Weile ausprobieren möchte, wusste ich wohl, seit ich das erste Mal hier war: in den 1990er-Jahren, meine erste große Reise. Am Chicagoer Flughafen schien sich die Landschaft zu ducken, um den Himmel noch größer zu machen. Alles war aufregend fremd und gleichzeitig vertraut, ein Eindruck, der sich auch bei späteren Reisen einstellte. Als freie US-Korrespondentin arbeite ich seit 2006. Ich berichte über Technik, Wirtschaft und Politik für Medien in Österreich und Deutschland. Die ersten fünf Jahre lang von North Carolina aus, danach in Seattle und seit 2015 in Chicago.

Was macht den Reiz des Landes und der Stadt für dich aus?

Ich mag die positive Grundstimmung in den USA. Die Leute stehen offener dazu, sich selbst und ihre Situation verbessern und es sich hier und jetzt schön machen zu wollen. Dazu kommt ein Bekenntnis zu Neuanfängen. Scheitern ist eine Sache, es nie probiert zu haben, eine ganz andere. Den Reiz von Chicago macht für mich aus, dass es eine herzliche und bodenständige Großstadt ist. Chicago ist aber auch glitzernd, stolz, abgebrüht, hip und nicht kleinzukriegen. Mir gefällt, dass Lake Michigan so groß wie ein kleines Meer ist, dass die Leute nicht murren, ganz egal, wie kalt der aktuelle Winter ist.

Wie sieht dein Alltag aus?

Ich arbeite von zu Hause aus, was in Wahrheit eine Handvoll an Coffee-­Shops bedeutet: für jede Arbeitsstimmung einen anderen. Einmal pro Woche co-worke ich mit einer Gruppe an Frauen aus Kreativberufen. Wenn Zeit bleibt, fotografiere ich, oft gemeinsam mit Freunden, und erkunde die nähere und weitere Umgebung.


Donald Trump  –  wie hältst du das aus?

Die derzeitige Regierung ist ein schwieriges Thema. Die Gräben zwischen den politischen Lagern scheinen immer tiefer zu werden, ein öffentlicher Diskurs, der eine Gegenbewegung einleiten könnte, fehlt. Angetrieben wird das Auseinanderdriften zusätzlich über soziale Medien und unsachliche Berichterstattung mancher TV-Sender. Dass das Abweichen von Fakten hin zum Bauchgefühl zur Tagesordnung gehört, hilft freilich auch nicht weiter. Jeder bleibt in seiner Ecke, nicht zuletzt auch, weil die tägliche Konfrontation mit der Situation an die Substanz geht.


Was gibt dir an deiner neuen Heimat zu denken?

Dass gute Krankenversicherung längst nicht für alle leistbar ist und das Interesse von großen Unternehmen etwa vor den Konsumentenschutz gestellt wird, bleibt schwer zu verdauen. Dasselbe gilt für Waffengesetze.


Was sind deine Lieblingsplätze in Chicago?

Im Sommer zählt der Logan Square Farmers Market zu meinen Lieblingsplätzen: eine Stunde lang bummeln und sich vom französischen Brot über vegane Donuts bis zum Raclette-Sandwich durchkosten. Nordöstlich davon, im Stadtteil Lakeview, ist das Music Box Theater, ein Art-House-Kino, das heuer sein 90-jähriges Bestehen feiert. Mit einem schön altmodischen Prunksaal, Klavierspieler und Cocktail-Lounge wächst einem das Kino rasch ans Herz. Weiter nördlich, in Rogers Park, ist Tobey Prinz Beach Park, ein ruhiges Strandstück am Lake Michigan mit vorgelagertem Vogelschutzgebiet.


Was planst du für die Zukunft?

In möchte vorerst in Chicago bleiben und mich etwas mehr in Richtung Fotojournalismus bewegen. Auch am Plan steht: den ersten richtigen Blizzard erleben.

Chicago
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Die pulsierende Stadt am Michigan See – von der „Cloud Gate“-Skulptur bis zum Botanischen Garten.

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Von der Statue des US-Präsidenten Ulysses S. Grant aus bietet sich eine gute Aussicht auf die Skyline. Gleich nebenan: Lincoln Park Zoo und -Conservatory.

Chicago

Chicago liegt am Lake Michigan in Illinois und ist eine der größten Städte in den USA. Die Metropolregion zählt mehr als 9,7 Millionen Einwohner. Der Name leitet sich aus dem Wort Checagou ab, mit dem die Potawatomi-Indianer das Marschland beschrieben, auf dem später die Stadt gegründet wurde. Die tiefsteTemperatur wurde 1985 mit -33 Grad gemessen. Der Lake Michigan ist mehr als 100 Mal so groß wie der Bodensee. Zeitunterschied zu MEZ: -7 Stunden

 

 

Meine Tipps

  1. Eine Architektur-Bootsfahrt ist ein Klassiker und guter Einstieg für einen Chicago-Besuch. Keine Geheimtipps, aber empfehlenswert: das Art Ins­titute of Chicago und das Museum of Contemporary Art. Danach auf der Dachterrasse des Robey Hotels in Wicker Park die Aussicht genießen. Frühaufsteher könnten den nächsten Tag mit einem Ausflug zum Chicago Botanic Garden beginnen.
  2. Die Stadt ist von unterschiedlichen Wohngegenden geprägt. Wer bloß im Loop bleibt, versäumt das Beste. Daher: U-Bahn-Ticket kaufen und Viertel wie Andersonville, Bucktown, Hyde Park, Lincoln Park, Lo­gan Square, Pilsen und Wicker Park erkunden.
  3. Chicago ist ein kulinarischer Hotspot, das hat sich außerhalb des Landes noch nicht ganz herumgesprochen. Am besten die „Michelin Bib Gourmand“-Liste konsultieren. Neue, angesagte Restaurants findet man häufig in Logan Square und im West Loop. Wer in Wicker Park und Bucktown unterwegs ist, könnte Antique Taco ausprobieren oder The Bento Box: ein kleines Lokal mit asiatischer Fusionsküche.
  4. Im Stadtteil Lakeview ist das Music Box Theater, ein Art-House-Kino, das heuer sein 90-jähriges Bestehen feiert – mit einem schön altmodischen Prunksaal, Klavierspieler und Cocktails.
  5. Chicagoer Winter sind rau und lang, daher möglichst nicht den Jänner oder Februar als Reisezeit wählen, auch wenn die Hotelpreise verführerisch günstig sind. Wer es dennoch wagt: wasserdichte Schneestiefel und eine Winterjacke, die die Knie bedeckt, mitbringen.
  6. Modegeschäfte bekannter Namen reihen sich entlang der Magnificent Mile, Filialen von Marken wie Aesop, Outdoor Voices, Marine Layer oder Warby Parker finden sich in Lincoln Park. Empfehlenswerte Boutiquen für Damenmode sind etwa Una Mae’s und Penelope’s (Wicker Park).
  7. In Andersonville ist „Cowboys und Astronauts“ einen Abstecher wert; Martha Mae: Art Supplies & Beautiful Things, ein Schreibwaren- und Künstlerbedarf-­Shop mit entzückendem Hund, der auf der Theke schläft, und Lost Larsen, eine moderne schwedische Bäckerei, die abends zur Weinbar wird und Smörgåsbords serviert.