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Lifestyle | 06.11.2019

Den Blick wechseln

Wenn Influencer die schönsten Flecken der Erde bevölkern, schleicht sich Michael ­Hochfellner davon und erfindet ­Reisefotografie für sich neu.

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Nur fünf Minuten konnte sich Hochfellner in der fragilen und einsturzgefärdeten Eishöhle aufhalten. © Michael Hochfellner

Naturfotografie ist seine Leidenschaft. Die hin und wieder Leiden schafft, wie kürzlich auf Bali. Dorthin zog es Michael Hochfellner, um Landschaft, Leute und Motorräder zu porträtieren. Was er dort erlebte, war erschreckend: An Plätzen, die für schöne Ausblicke bekannt sind, fanden sich Gruppen von Instagramern, die sich in wallenden Gewändern (kann man dort ausleihen) auf Schaukeln über den Reisfeldern schwingend ablichten ließen. Für die richtige Stimmung können dort auch zurechtgemachte Reisbauern „dazugekauft“ werden, ebenso Beleuchter, die für die meist Insta-Laien den Shot ins richtige Licht rücken. (Der Reisbauer verdient für seine Statistenrolle übrigens in einer Stunde so viel Geld wie in über hundert Stunden Reisanbau.) Und als Hochfellner, Fan alter Motorräder, mit einem solchen eine bekannte Küstenstraße befahren wollte, um dort Aufnahmen zu machen, musste er warten, bis mehrere Hochzeitsgesellschaften ihr Lebensereignis vor alten Mustangs, Chevrolets und anderen Oldtimern (auch zu mieten) abfotografiert hatten (Foto links). Schluss, Ende, er suchte sich über Instagram einen lokalen Guide, der ihn in eine wunderschöne Landschaft mit Wasserfall führte, die nur zu Fuß erreichbar war. Da geht kein Influencer zu Fuß hin, dachte sich der Fotograf. Die Koordinaten hält er freilich geheim.

 

"Bei dieser Art von Fotografie merkt man, wie klein man eigentlich selbst ist.",

Michael Hochfellner, Fotograf

 

Hochfellner übt seine Leidenschaft in einer Zeit aus, in der Social Media, Smartphones und andere Technologien aus jedem Hobbyknipser scheinbar einen Fotografen machen. Ein richtiges Bild entstehe aber nicht so nebenbei, betont er. Wenn er aus einem Urlaub kommt und zwei richtig gute Fotos mitnehme, sei er hochzufrieden. Die Fotografie und das Reisen haben ihn verändert, sagt Hochfellner, das stundenlange Sitzen im wilden Norden Europas, das Warten auf den richtigen Moment, „da merkt man, wie klein man eigentlich ist“. Oder die Kraft der Natur, die er am eigenen Leib verspürte, als ihn in Island eine 3-Meter-Welle mitgerissen und die Kamera einen halben Meter tief im Sand vergraben hat. Gute Bilder müssen manchmal wehtun, sagt der Fotograf. Damit meint er auch den Unfall am Diamond Beach mit seinen bizarren Eisbrocken, wo die unberechenbaren Wellen pro Jahr vielen Menschen das Leben kosten. „Bei dieser Art von Fotografie lernt man die Natur kennen“, sagt Hochfellner, der nicht davor zurückschreckt, in Island Touristen zu verscheuchen, die mit Fahrzeugen in die fragile Landschaft fahren. „Das Moos braucht dort hundert Jahre, bis es einmal wächst. Es ist schrecklich, wie wir mit den Ressourcen umgehen.“

 

 

Der Wunsch, etwas Eigenes, Bleibendes zu machen, führte den gelernten Mechatroniker an eine Wiener Fotoschule, wo er das Handwerk gelernt hatte. Gleichzeitig gründete er einen Druckereibetrieb, in dem mittels Thermotransferverfahren besonders langlebige, wetter- und kratzfeste Bilder gedruckt werden können. Mit dieser „grünen“ Drucktechnologie möchte er weiterarbeiten und der eigenen Fotografie ein Stück weit in den Kunstbereich verhelfen, sprich in Fotogalerien. Derweil würden Fotos eher als Dekorationsgegenstand gelten, was Hochfellner bedauert. Auch wenn er Instagram zum Planen seiner Reisen nutzt, gibt er die Hotspots seiner schönsten Fotos nicht preis. Die übrigens so gut wie nie beim ersten Mal entstehen würden. Erst wenn Location, Licht und Wetter ausgecheckt seien und auch passten, gelinge das perfekte Bild. Manches Mal gibt es auch nur eine Chance, wie in einer Eishöhle in Island, die er erst bei seinem dritten Island-Besuch betreten konnte – und das nur für wenige Minuten, weil die Körpertemperatur der Besucher die Höhle zum Einstürzen bringen hätte können. In solchen Situationen muss der erste Shot passen. Hochfellners Naturfotografie kommt ohne Filter aus, mitunter dreht er sich auch vom Traumstrand am Meer weg und fotografiert den Müll, der herumliegt. Weil die Welt ja nicht nur aus schönen Bildern besteht. 

Aufnahmen von Michael Hochfellner
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Bild 1910_ST_FR_Reise-3#1.jpg
 
Bild 1910_ST_FR_Reise-5.jpg

Wo dieser Wasserfall ist, weiß nur der Fotograf selbst. Er hat jedenfalls die Abwesenheit von Influencern genossen.

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Bild 19010_ST_FR_Reise-1.jpg

Diamond Beach in Island. Nur wenige Minuten später nahm eine große Welle sowohl den Fotografen, als auch die Kamera mit.

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