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Lifestyle | 12.11.2019

Mehrere Lieben

Polyamorie ist kein Pardon für Affären, sondern ein Lebenskonzept. Das weiß die Psychologin Sina Muscarina, seit sie 15 Jahre alt war.

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© Shutterstock

Den Aha-Effekt gibt es kaum. Oder wenn, dann kommt er langsam und auf leisen Sohlen. Polyamoröse Tendenzen mögen in vielen schlummern, ohne dass man darunter je leidet, sie nicht auszuleben. „Ein Mensch, der sich mehrfach verliebt, ist nicht gleich poly“, stellt Sina Muscarina klar. „Da gehört schon mehr dazu. Nicht zuletzt der Wille, mit Komfortabilitäten zu brechen.“ Wer mehrere liebt und parallel mehrere Beziehungen führt, braucht nicht einfach nur einen gut organisierten Terminkalender.


Die Psychologin war selbst 15, als sie bemerkte, dass in ihrem Herzen Platz für mehrere Lieben gleichzeitig ist. „Ich habe mir schon damals die Frage gestellt: Warum darf ich nur einen Menschen lieben? Muss ich mein ganzes Leben mit einem einzigen verbringen, wo doch andere auch nett und liebenswürdig sind?“, erinnert sie sich. Die Pubertät kam und ging, Sina Muscarina blieb bei ihrem Lebenskonzept. Später studiert sie Psychologie und beschließt, „in eine positiv wertneutrale Richtung über Polyamorie zu forschen“, wie sie beschreibt. Viel zu wenig Literatur sei damals vorhanden gewesen, das meiste davon vorurteilsbehaftet. „Ich habe einen inneren Widerstand gespürt, ich wusste, dass Polyamorie nicht bedeutet, dass man einfach beziehungsunfähig ist.“

 

"Wir entwickeln uns zum Glück von einer Werteein- in Richtung Werte-Vielfalt.", Sina Muscarina © Björn Steinmetz

 


Den Vorwurf weiß sie zu entkräften: „Beziehungsunfähigkeit macht etwa aus, wenn man Vereinbarungen nicht einhält“, beschreibt sie. Damit ist man schon bei einem Kernpunkt: Ein verheirateter Mensch mag seine Neigung zu „Vielliebe“ in einer Affäre gut ausleben, fair ist das aber nicht. Und tatsächlich spricht man erst von poly­amorösen Beziehungen, wenn alle Beteiligten voneinander wissen, also es transparente Vereinbarungen gibt. Zumal sich laut Muscarina Beziehungen immer untereinander beeinflussen, „auch wenn sie heimlich sind“. Eine Affäre hinterlasse immer Spuren, und zwar viel tiefgreifendere als den Lippenstift am Hemdkragen. „Der Partner oder die Partnerin kriegt eine heimliche Beziehung immer mit, nur eben sehr oft unbewusst. Man bemerkt Veränderungen, die oft noch schlimmer wirken mögen, weil man ja nicht weiß, was los ist.“

Liebes-Hierarchien

Für ihre Forschungsarbeit hatte Sina Muscarina biografische Analysen von nicht-monogamen Beziehungen durchgeführt; später gab sie die Ergebnisse auch als Buch heraus (siehe Bild). Dabei beschäftigte sie sich eingehend mit polyamorösen Modellen, die durchaus gewissen Regelmäßigkeiten folgen. So gibt es zumeist die sogenannte „Primary-Beziehung“; in dieser sind zwei Menschen entweder verheiratet oder leben in einer eheähnlichen Beziehung unter einem Dach. Die sogenannte „Secondary-Beziehung“ ist oftmals die mobile Partnerschaft; hier gibt es im alltäglichen Leben weniger Überschneidungen, die Verbindlichkeiten sind laut Muscarina nicht so groß wie bei der Primary-Beziehung. Aber: „Die Dauer der Beziehung sagt über die Qualität nichts aus“, stellt die Psychologin klar. Oftmals klappen auch weitgehend egalitäre Beziehungsstrukturen und manchmal leben polyamoröse Menschen auch in Communitys. Ein No-Go: Wer meint, die eingeschlafene Leidenschaft mit einer polyamorösen Zweitbeziehung auszubalancieren, wird kaum auf Verständnis stoßen. „Man kann nicht einfach zur Bedürfnis-Befriedigung zum Secondary-Partner gehen – so nach dem Motto ,Ich nehme mir die Legosteine, die ich gerade brauche‘, so funktioniert Polyamorie nicht “, erklärt Sina Muscarina.


Kind & Kegel

Wie aber verklickert man nun dem Umfeld sein Liebeskonzept? Sina Muscarina trennt hier streng, „selbst das Interview gebe ich Ihnen mehr als Expertin denn als polyamoröse Person“. Tatsächlich liegt es an jedem Einzelnen, wie viel Offenheit er, sie bzw. die Beziehungen vertragen. Erfreulich sei in unseren Breitengraden, dass die Toleranz steigt, findet die Psychologin. „Die Leute werden offener, wir entwickeln uns von einer Werteein- in Richtung Wertevielfalt. Ich bin mit weniger Vorurteilen konfrontiert, sondern mehr mit Neugier.“ Bei den biografischen Interviews machte sie auch mit Poly-Familien Bekanntschaft. „Wenn alles in einem moralisch und ethisch hochwertigen Konsens stattfindet, kann man Kindern polyamoröse Beziehungen näherbringen. Sie können das gut integrieren.“


Konferenz

Im November ist Sina Muscarina einmal mehr in einen internationalen Kongress eingebunden; die „Non-Monogamies & Con­temporary Intimacies Conference“ (Konferenz für nicht-monogame und zeitgenössische Beziehungen) findet in Barcelona statt. Sie wird einen Vortrag zum Thema Herausforderungen in der Altenpflege von Homo-, Bi-, Inter- und Transsexuellen halten. Der Fokus des Kongresses liegt darauf, „Tabus in der Wissenschaft, im Aktivismus und in künstlerischer Form aufzubrechen“; zudem soll der Austausch von neuen Erkenntnissen über alternative Beziehungsmodelle und Sexualitäten für Wissenschaftler und Therapeuten forciert werden.

www.sinamuscarina.com

www.nmciconference.com

 

 

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