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Lifestyle | 18.12.2019

Der Weg aus dem Kreisverkehr

Es heißt nicht mehr Jugendamt und das Team hilft nicht erst, wenn Feuer am Dach ist. Die Kinder- und Jugendhilfe gewährt Einblicke in ihre Aufgaben und will mit Vorurteilen aufräumen.

Bild 1912_B_EM_Matuschek.jpg
© Shutterstock

Pascal ist 15 Jahre alt. Seinen Namen und kleine Details änderte Lina Wegleitner, um seine Privatsphäre zu schützen. Seine Geschichte ist real. Als sie ihn kennenlernte, wohnte er in einer Wohngemeinschaft. Der Vater war nie präsent, „seiner Mama gelang es nicht, seine Bedürfnisse zu erkennen“, erklärt die Sozialarbeiterin. Dennoch wollte er wieder zu ihr zurück. Also wurde das in die Wege geleitet, ist es doch oberstes Ziel, familienerhaltend zu agieren. „Aber es funktionierte nicht“, schildert Lina Wegleitner. Die Sozialarbeiterin gehört zum Team der Kinder- und Jugendhilfe an der Mattersburger Bezirkshauptmannschaft. Referatsleiterin ist Dagmar Matouschek, selbst seit 1993 Sozialarbeiterin. Die Expertinnen bereiteten gemeinsam Pascals Beispiel für diesen Artikel auf, um ihren Alltag, ihre Vorgehensweise näherzubringen. Kinder- und Jugendhilfereferate gibt es in jeder Bezirkshauptmannschaft.


BURGENLÄNDERIN: Was passierte mit Pascal, als das Zusammenleben mit Mama wieder nicht klappte?

Lina Wegleitner: Man kann seine Situation so beschreiben: Er fährt im Kreisverkehr, ich zeige ihm die Ausfahrten. Das braucht viel Beziehungsarbeit,  es muss auf beiden Seiten Vertrauen aufgebaut werden. Pascal ist der Experte seines Lebens. Er weiß am besten, was ihm guttut; ich bestärke ihn darin, sich das bewusst zu machen, und zeige ihm, was er gut kann, damit er seinen Weg aus dem Kreisverkehr findet.

Dagmar Matouschek: Das ist unsere Methode: nicht die Defizite, sondern die Ressourcen im Fokus zu haben.

Wegleitner: Pascal entschied sich für eine betreute Wohnform, die stark auf Selbstständigkeit ausgerichtet ist. Er kann seine berufliche Zukunft vorbereiten, selbst kochen und putzen, es gefällt ihm dort.

Matouschek: Ein Erfolg ist, wenn die Jugendlichen andocken können. Krisen gibt es überall; die Kunst ist es, die Kids in den WGs nicht fallen zu lassen, sondern sie mit ihnen durchzustehen, vielleicht sogar wenn ein Jugendlicher einmal straffällig wird.

Wie ist sein Kontakt zur Mutter?

Wegleitner: Er verbringt regelmäßig Wochenenden bei ihr; das Konfliktpotenzial wurde herausgenommen, weil er nicht zu Hause wohnt, ihre Beziehung wurde viel besser.

Matouschek: Seine Mama trägt die Lösung mit; das ist ein wichtiger Indikator, ob Eltern eine Maßnahme akzeptieren oder dagegen ankämpfen. Denn dazwischen zu stehen, ist für Kinder sehr schwer auszuhalten; sie bemühen sich immer, die Eltern nicht zu enttäuschen.

 

Im Team entscheiden. Referatsleiterin Dagmar Matouschek, Bezirkshauptmann Werner Zechmeister, Sozialarbeiterinnen Lina Wegleitner und Stefanie Wallner.

 

Wie funktioniert die tägliche Arbeit, woher kommen Informationen, dass etwas nicht so läuft, wie es laufen soll?

Matouschek: Meist sind es Schulen oder Kindergärten, die sich Sorgen um ein Kind machen. Sie sind auch verpflichtet zu melden, wenn sie Kindeswohlgefährdung wahrnehmen. Auch Eltern wenden sich direkt an uns.

Das ist ein großer Schritt, oder?

Matouschek: Manchmal begleiten wir Eltern eine Zeit lang und sie kommen nach Jahren wieder, wenn sie ein Problem haben. Das ist ein schöner Erfolg. Aber leider haben wir manchmal auch ein Sündenbock-Image.

Wie geht es Ihnen damit, dass Sie als Sozialarbeiterin bewusst einen Beruf ergreifen, um zu helfen, und letztlich bei Familiendramen auch mit negativen Schlagzeilen konfrontiert sind?

Matouschek: Das macht wütend, weil dabei oft auch viele Informationen fehlen. Wir erleben immer wieder Tage, an denen wir hart an unsere Grenzen gehen, wenn etwa mehrere Krisenfälle zusammenkommen … Das Gute ist: Wir sind alle Idealisten, machen unsere Arbeit gerne und der Zusammenhalt ist sehr stark. Wir besprechen im Team sehr viel und haben auch Supervisionen. Wir sind natürlich nicht immer beliebt, agieren wir doch zwischen Hilfe und Kontrolle. Aber vor allem sind wir eine Kinderschutzeinrichtung.

Wegleitner: … und stehen oft in einem Zwangskontext mit Familien.

Matouschek: Allerdings kann aus dem Zwangskontext eine gute Arbeitsbeziehung mit den Eltern entstehen.

Wenn nun von einem Kindergarten oder eine Schule eine Gefährdungsmeldung kommt, wie geht es weiter?

Matouschek: Die zuständige Kollegin – alle haben ihre Stammortschaften – bespricht die Meldung mit mir als Leiterin, dann versuchen wir so viele Infos wie möglich zu sammeln. Wenn etwa Verletzungen auf Schläge hindeuten, kann es sein, dass wir sofort in die Schule fahren. Wir gehen immer mit Bedacht vor, können uns aber natürlich nicht endlos Zeit lassen.

Wegleitner: Um die Situation richtig einschätzen zu können, haben wir das Vier-Augen-Prinzip.

 

"Pascal ist der Ex­perte seines Lebens. Ich bestärke ihn darin, sich das bewusst zu machen.", Lina Wegleitner, Sozialarbeiterin

 

Niemand entscheidet also alleine?

Matouschek: Genau. Wenn es um eine Abklärung vor Ort geht, fährt nach Möglichkeit eine zweite Person sogar mit. Wir holen viele Sichtweisen ein; danach richten sich weitere Maßnahmen oder eben keine, das gibt’s auch.

… denn es steht ja nicht hinter jeder Meldung ein misshandeltes Kind?

Wegleitner: Keineswegs. Das ist leider ein Vorurteil.

Matouschek: Ein Kindergarten kann auch melden, dass das Kind nie eine gesunde Jause mithat oder immer wieder einen Ausschlag im Windelbereich. Solche Dinge besprechen wir mit den Eltern, suchen gemeinsam Lösungen und ziehen uns schnell zurück.

Wegleitner: Dass wir Kinder akut woanders unterbringen müssen, ist zum Glück nicht Alltag.

Matouschek: Aber wenn das sein muss, kann das mitunter auch heftig sein. Eltern können hochemotional reagieren. Einmal ging ein Vater auf eine Kollegin los, da wäre mehr passiert, hätte die Polizei nicht eingegriffen. Aber: Das ist eine Ausnahmesituation für Eltern, es geht um ihre Kinder.

Dass ein Kind von zu Hause wegkommt, ist also das Äußerste?

Matouschek: Absolut. Wir sind angehalten, die gelindeste zum Ziel führende Maßnahme anzuwenden. Ob nun ein Kind von daheim wegmuss, darüber entscheidet letztlich als oberste Instanz das Gericht.

Und wenn Gefahr in Verzug ist?

Matouschek: Wenn Leib und Leben des Kindes bedroht ist, dürfen wir sofort handeln und dann binnen acht Tagen einen entsprechenden Antrag stellen, über das ebenso das Pflegschaftsgericht entscheidet. Dabei werden Gutachter – etwa Psychologinnen und Psychologen – ins Boot geholt.

Mit welchem Gefühl fahren Sie zu einer Familie, über die Sie eine Gefährdungsmeldung bekommen haben?

Wegleitner: Natürlich kann es sein, dass man nervös ist. Wichtig ist: Ich komme nicht sofort mit Vorwürfen, sondern begegne der Familie respektvoll und versuche, gemeinsame Lösungen zu finden.

Woran scheitert es in den Familien?

Wegleitner: Während die Kinder- und Jugendhilfe früher etwa mit Vernachlässigung konfrontiert war, sind es heute eher psychische Erkrankungen. Da ist der mediale Einfluss, die Verschiebung der Pubertät nach vorne und es gibt zu wenig Unterstützungsmaßnahmen für Kinder. Familien können auch in eine Multiproblemlage rutschen, wo alles zusammenkommt: finanzielle Nöte, psychische Erkrankungen, Ehekrise, Schulprobleme.

Gelingt es Ihnen, den Fällen wertfrei zu begegnen?

Wegleitner: Je länger man unseren Job macht, desto größer ist die Gefahr, in Schubladen zu denken. Das ist die sozialarbeiterische Kunst, ständig zu reflektieren, warum ich glaube zu wissen, was mich bei einer bestimmten Familie erwartet. Es bewahrheitet sich auch viel, aber davon muss man sich distanzieren. Keine Familie ist wie die andere. Denkt man zu sehr in Schubladen, ist die Gefahr zu groß, Ressourcen zu übersehen.

Umgekehrt: Erleben Sie perfekte Fassaden, hinter denen er schlimm zugeht?

Wegleitner: Vor allem bei Scheidungen. Das ist für alle eine Ausnahmesituation. Da gibt es keinen Unterschied, woher ich bin, was ich gemacht habe, uns allen kann es passieren, dass es zu einem Scheidungskrieg kommt, in dem man die Kinder übersieht.

Was wünschen Sie sich für Ihre Arbeit?

Wegleitner: Was mich oft belastet, ist, dass ich viele Ideen für Lösungen habe, aber Zeit und Ressourcen fehlen.

Matouschek: Es gibt zu wenig Kassenplätze für Therapien, hier ist die Politik gefragt. Wenn wir eine Gefährdung feststellen, suchen wir passgenau, welche Hilfe das Kind braucht. Das kann sein, dass es eben Psychotherapie ist, sei es, weil ein Elternteil verstorben ist, weil das Kind massive Schulängste hat oder Gewalterfahrungen zu verarbeiten hat. Aber mindestens 250 Euro im Monat, das können sich viele Familien nicht leisten. Dabei könnten Kinder auf diese Weise gestärkt werden, das sollte eigentlich Standard sein.