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Lifestyle | 25.12.2019

Familie hat viele Gesichter

Die Realität weicht oft vom vermeintlichen Mutter-Vater-Kind-Idealbild ab. Manchmal passiert Trauriges, aus dem Schönes hervorgeht. Und umgekehrt. Drei bewegende Familienporträts.

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Ernestine Rosenberger mit Josefin, 5, und Kathrina, 3. © Vanessa Hartmann

Ernestine Rosenberger

Alleinerziehende Mutter

Ernestine Rosenberger mit Josefin, 5, und Kathrina, 3.

Kathrina ist noch unschlüssig. Sie schwankt zwischen dem Schoko-­Birnenkuchen und der kroatischen Karamellwaffel. „Das wissen sie schon: Hier dürfen sie Kuchen essen“, lacht Ernestine Rosenberger, während sie ihrer Tochter ein Sockerl richtet. Im Eisenstädter „Freu-Raum“ ist die junge Mutter nicht nur wegen des Backgrounds der Speisen unbesorgt. Das wohnzimmerartige Flair des Lokals bietet ihren beiden Minis genug Freiraum zum Schauen und Spielen. Dort erzürnt man sich kaum darüber, dass die 27-Jährige Anhängerin „einer anti-autoritären, bedürfnisorientierten Erziehung“ ist, wie sie beschreibt. In der Tat ist sie mit bemerkenswerter Geduld ausgestattet, redet mit ihren Töchtern auf Augenhöhe. Gute Nerven sind kein Nachteil, wenn die Dreijährige just die Aufbruchstimmung nutzt, um sich in ein Holzmemory zu vertiefen. Welche Früchte ihr Erziehungsstil tragen kann, wird aber selbst bei einer kurzen Begegnung sichtbar. So bespricht die fünfjährige Josefin selbstständig ihre Bestelloptionen mit der Kellnerin und kehrt triumphierend mit einer Speise ihrer Wahl zum Tisch zurück. Unser Treffen ist freilich nur ein idyllischer Ausschnitt aus Ernestine Rosenbergers Realität. Das Leben als Alleinerziehende, gerade wenn man relativ neu in einer Stadt ist, steckt voller Herausforderungen. Rund um die Uhr. Wie es ihr geht? „Als Frau gut“, sagt sie. Eine Anspielung auf den Beziehungsstatus ist das keineswegs, für einen neuen Partner hätte sie weder Kopf noch Zeit. „Als Mutter schlecht“, ergänzt sie und schluckt. „Da ist ständig diese Diskrepanz zwischen dem, wie ich gerne meine Kinder großziehen möchte, was tatsächlich gelingt und wie die Gesellschaft da­rauf reagiert.“ Dass sie – wenn es ihre Zeit erlaubt – ihren Mädchen gerne auch 20 Minuten gönnt, um sich in Ruhe gehfertig zu machen, werde beispielsweise kritisiert. Dass es alle immer besser wissen, das gehört zum Elterndasein dazu. Nur wartet bei ihr eben niemand zu Hause, der ihr den Rücken stärkt. Sie ist froh, dass sie die Phase hinter sich lassen konnte, in der sie sich ständig schuldig fühlte, „eine Familie zerstört zu haben“. Und das, obwohl sie nicht an der Entscheidung zweifelte. „Keine Frau setzt so einen Schritt leichtfertig.“ Als die Beziehung zum Vater der Kinder in die Brüche geht, zieht sie für einen Neuanfang in den Landesnorden. Da war Erleichterung da, aber auch Überforderung, gesteht sie. Sie wandte sich an die Kinder- und Jugendhilfe und ist bis heute dankbar für die unkomplizierte, stärkende Unterstützung beim Start. Vieles habe sich mit der Zeit gut eingespielt. Also beschloss Ernestine Rosenberger, ihren lang gehegten Traum zu verwirklichen: Die ausgebildete Behindertenbetreuerin will Soziologie studieren. Hürde Nummer eins ist die Studienberechtigungsprüfung. Sie bekommt ein Stipendium, große Sprünge kann sie nicht machen. Kürzlich musste sie einen Kurs canceln: Ihr Zeitmanagement-Problem hätte ein Babysitter lösen können, das aber sei finanziell nicht drinnen. Was sie ärgert, ist, dass Alleinerziehende stets stigmatisiert werden. „Vielen Vermietern ist das Gesicht eingeschlafen, als ich allein mit meinen Kindern auf Wohnungssuche war“, berichtet sie. „Noch immer haftet dieses ,die hat’s nicht geschafft‘ an uns.“ Was sie sich wünscht? „Ein Netzwerk an Menschen, die gerne unterstützen, ohne fordernd zu sein.“

 

 

 

Sabine Ecker

Im Kinderdorf aufgewachsen

Sabine Ecker

Sabine und ihre kleine Schwester hatten Angst. Es war einmal mehr ein Streit zwischen der Mutter und dem älteren Halbbruder eskaliert. Flaschen und Aschenbecher flogen durch die Wohnung. „Es regnete in Strömen, aber wir schlüpften in unsere Plüschschlapfen und kletterten aus dem Fenster“, erinnert sich die junge Frau. Ihre Mutter war alkoholabhängig, sei immerzu an die falschen, auch gegenüber den Kindern gewalttätigen Männer geraten. Die Mädchen waren noch im Volksschulalter; sie liefen in dieser Nacht zur Polizei. Die Wochenenden beim Vater waren schön. Sonst hat Sabine Ecker, 36, eher schlimme Erinnerungen an ihre Kindheit. Bis sie und ihre Schwester eines Tages in der Schule von der Kinder- und Jugendhilfe abgeholt wurden. „Ich war ein Fluchtkind“, sagt sie. „Ich hab’ beim Fenster hinausgeschaut und überlegt, wie ich abhauen könnte.“ Man hätte auf sie eingeredet, wie gut es ihnen im Kinderdorf gehen werde, „wir haben nur geweint“.
Bald nach ihrer Ankunft verbündet sie sich mit anderen Mädchen, wenig später ist sie mit ihnen auf und davon. „Als der Kinderdorf-Bus kam, versteckten wir uns filmreif im hohen Gras.“ Das Quintett bleibt nicht unentdeckt. Es war ein erster Aha-Effekt, als der damalige Leiter sich trotz des Fluchtversuchs verständnisvoll zeigte. „Eine Leberkäs’-Semmel hat er uns versprochen, damit wir in Ruhe reden“, erzählt Sabine Ecker, die daraufhin erneut abhaut, um dann wenig später in Wr. Neustadt aufgelesen zu werden.

 

Selbst Mama. Sabine mit ihrem Lebenspartner und ihren Kindern.


Neues Zuhause.

Doch irgendwann – ihre Mutter verlor später auch die Wohnung – habe sie eingesehen, dass das Kinderdorf in Pöttsching ihr neues Zuhause ist. Und es wurde ein gutes, sagt sie. Eines, wofür sie heute dankbar ist: „Wir durften viel erleben und lernen; wir konnten schwimmen und reiten, machten Radtouren und Reisen. Ich hätte kein besseres Leben haben können. Heute bin ich froh über meine große Kinderdorf-Familie.“ An den Wochenenden besuchten die Mädchen den Vater und die Tante, auch die Mutter. „Wir haben ihre Verletzungen gesehen, später wollte ich sie überreden, ins Frauenhaus zu gehen“, erzählt Sabine. Die Mutter richtet schließlich ihre Wut gegen die Tochter, die Fronten verhärten sich. „Heute weiß ich, dass vieles am Alkohol lag.“ Oft ist es der damalige Kinderdorf-­Direktor Hermann Jansa, dem sie sich „wie einem zweiten Papa“ anvertraut, der auch ihr sportliches Talent fördert. Mit Bravour gelingt ihr die Aufnahmeprüfung an eine Sportakademie. „Drei Monate habe ich in Wien gelebt, ich habe neue Freunde gewonnen, hielt aber das Heimweh nicht aus. Ich wollte ins Kinderdorf zurück, zu meiner Schwester und meinem Freund“, erzählt sie. Dass sie die Ausbildung abbrach, bereut sie heute. Doch damals, nach all dem Erlebten, ging es nicht anders, sagt sie. Daraufhin klappert die junge Frau viele Unternehmen auf der Suche nach einer Lehrstelle ab; sie wird in einem Sportgeschäft fündig und bleibt rund 15 Jahre, bis zur ersten Schwangerschaft, treue Mitarbeiterin. Der Kontakt zum Vater blieb stets bestehen. Als er schwer krank wird, pflegen Sabine und ihre Schwester ihn neben ihren Jobs. Sein größter Wunsch geht in Erfüllung: „Er erlebte noch sechs Monate sein erstes Enkelkind.“ Bei einem der Kinderdorf-Sommer­urlaube in Griechenland hatte Sabine Ecker ihren Lebenspartner kennengelernt. Er kam damals vom Kinderdorf in Hinterbrühl in „ihres“ in Pöttsching. Als sie etwa 16 ist, ziehen sie gemeinsam aus; sie sind heute seit mehr als 20 Jahren ein Paar und zweifache Eltern. „Ich könnte mir keinen besseren Papa für unsere Kinder vorstellen und er ist für mich immer die starke Schulter zum Anlehnen“, beschreibt sie. Erst kürzlich kauften die beiden ein Haus in Wiesen, das sie gerade an ihre Bedürfnisse anpassen. „Weihnachten wollen wir schon hier verbringen“, strahlt die junge Frau, die ihre Wut gehen ließ. „Ich hatte eine Kindheit, die ich niemandem wünsche“, sagt sie und will einmal mehr betont wissen: „Aber ich hatte eine gute, eine schöne Zeit im Kinderdorf; unser Leiter Hermann Jansa und unsere Erzieher und Erzieherinnen haben mich so bestärkt, damit ich zu der Frau und Mama werden konnte, die ich heute bin.“


 

 

 

Angelika Radax

Mutter eines Pflegekindes

Seit sechs Jahren Seite an Seite: Angelika Radax (49) und Jordan (8).

 

Die Angst, dass Pflegekinder traumatisiert sind und nie wie normale Kinder aufwachsen können, ist in den Köpfen vieler Menschen fest verankert. Ebenso die Befürchtung, dass das Pflegekind irgendwann wieder seinen leiblichen Eltern rückgeführt wird (dabei passiert das in nur zwei Prozent der Fälle). Angelika Radax ist seit sechs Jahren Mutter eines Pflegekindes. Jordan ist acht und einer der Besten in seiner Klasse. Seine Eltern stammen aus dem Kongo und seine Mutter war nicht imstande, sich gut um ihn zu kümmern, wollte ihn jedoch trotzdem nicht hergeben. Die Abnahme erfolgte dramatisch und unfreiwillig. Für viele Mütter eine Horrorvorstellung, doch dem kleinen Jordan rettete dies das Leben.

Tränen & Geschrei.

Dann ging es relativ schnell, dass der zweijährige Jordan in Angelikas Leben kam. Bevor man sich für ein Pflegekind entscheidet, gilt es zunächst einige Hürden zu überwinden. Die behördlichen sind nicht so groß wie die innerhalb der Familie. Auch Angelika Radax musste viele Vorurteile abbauen, um an ihr Ziel zu kommen. Es gab große Bedenken, doch spätestens nach ihrer festen Entscheidung konnte sie auf die Unterstützung der Familie bauen. Drei Tage nachdem sie den Behörden sagte, sie würde sich für ein Pflegekind interessieren, bekam Angelika Radax den Anruf, dass man ein Kind für sie hätte. Doch der Gegenwind von Jordans leiblicher Mutter war groß. Bei ihrem ersten Treffen (noch bevor sie Jordan traf, traf sie auf dessen Eltern) gab es viele Tränen und Schreie seitens der Mutter. „Ja, es stimmt, viele Pflegekinder haben einen schweren Rucksack mit, einige sind traumatisiert. Aber darauf war ich eingestellt. Doch es war viel leichter, als ich es mir vorgestellt hatte. Jordan und ich hatten von Beginn an eine besondere Verbindung.“ Und den Moment, als sie ihn zum ersten Mal sah, wird sie nie vergessen. Jordan saß auf dem Boden in einem Zimmer bei seiner damaligen Krisenpflegemutter (bei der er vorübergehend wohnte, als er seiner leiblichen Mutter entzogen wurde), schwer krank und immer noch unterernährt. Als Angelika reinkam und sich zu ihm setzte, nahm er eine Bürste und kämmte ihr die Haare, hat gelächelt. Als sie wieder hinausging, drehte sie sich um und er hauchte ihr ein leises „Mama“ hinterher. Von da an wusste sie, dass dieses Kind für sie bestimmt war. Angelika brauchte keine Bedenkzeit, sagte sofort zu. Innerhalb von 1,5 Monaten baute sie ihre komplette Wohnung um, organisierte einen Kinderbetreuungsplatz (was nur durch großes Glück – oder Schicksal – funktionierte). Sie hatte nur sieben Wochen Urlaub ab dem Tag, als Jordan zu ihr kam (und das unbezahlt, da es keine Karenz für Pflegemütter gibt). „Die ersten Wochen, als er bei mir war, waren anstrengend. Mein Leben war auf den Kopf gestellt und seines natürlich auch. Doch wir sind schnell zusammengewachsen und ich habe es noch keine Minute bereut, dass er bei mir ist. Er ist ein total sonniges Kind und vielseitig interessiert, ein Vorzugsschüler, sportlich und sozial.“ Angelikas Mutter aus dem Mittelburgenland, bei der Jordan viele Ferien und Wochenenden verbringt, ist der kleinen Familie eine große Stütze und kümmert sich liebevoll um ihren Enkel.

 

Als Angelika Jordan das erste Mal sah, war er schwer krank und unterernährt, doch sie wusste trotzdem sofort, dass er zu ihr gehört.


Alle Chancen.

Was für viele Pflegeeltern nicht leicht ist, sind die verpflichtenden Besuchskontakte zu den leiblichen Eltern. Anders als bei der Adoption hat das Pflegekind ein Mal pro Monat Kontakt mit den leiblichen Eltern. Vor allem am Anfang war dies sehr schwierig für Angelika und Jordan, da die Mutter ihr Kind ja nicht freiwillig in Pflege gab. „Ich habe über die Jahre hinweg mit sehr viel Bemühen versucht, ein gutes Verhältnis aufzubauen, und das haben wir mittlerweile auch geschafft.“ Es sei wichtig für die Kinder, ihre Herkunft zu kennen, besonders wenn die Kultur und Identität eine andere ist als die der Pflegefamilie. „Jedes Kind kann sich gut entwickeln, wenn es die Chance dazu bekommt, egal was es vorher erlebt hat.“

 

Fotos: Vanessa Hartmann