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Lifestyle | 12.02.2020

„Ächte die Tat, aber achte den Täter“

Der Leitsatz ist das Fundament für Doris Schiebers Arbeit: Die Klinische und Gesundheitspsychologin bereitet straffällig gewordene, psychisch kranke Menschen auf ein neues Leben in Freiheit vor.

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© Shutterstock

Geistig abnormer Rechtsbrecher. Zum Tatzeitpunkt unzurechnungsfähig. Einweisung in den Maßnahmenvollzug. Und dann? Was er (oder sie) auch getan haben mag, wer der Mensch hinter dem Zeitungsartikel ist, meist lassen wir ihn nach der Lektüre geistig im Nirgendwo verschwinden. Doch sie sind keine Fremdkörper, sie entstammen unserer Gesellschaft, unseren Straßen, unseren Wohnhäusern, wohin viele eines Tages auch zurückkehren. Die Nordburgenländerin Doris Schieber arbeitet seit 2014, seit der Gründung des Hauses, bei pro mente Plus Gemeinnützige GesmbH – Neuland Wien. In einem multi-professionellen Team werden die Klienten – am Standort Wien derzeit ausschließlich Männer – für einen Neuanfang nach dem Maßnahmenvollzug vorbereitet.

 

Baut Brücken. Expertin Schieber – zum Schutz der Privatsphäre von hinten – mit V. Kery-Erdélyi.



BURGENLÄNDERIN: Wieso haben Sie diesen Berufsweg eingeschlagen?

Doris Schieber: Der Kriminalbereich hat mich immer interessiert; ich habe während meines Psychologie-Studiums meinen Wahlfachkorb am Juridicum aus Kriminalwissenschaften und Strafvollzug gefüllt. Später habe ich mit einer Kollegin ein soziales und emotionales Kompetenztraining für straffällig gewordene Leute entwickelt und durchgeführt. Die Sicherheitsmaßnahmen in einem Gefängnis, die speziellen Türen und Hafträume waren anfangs imposant, aber Angst hatte ich vor den Insassen nie. Natürlich Respekt, bis heute. Aber dass das Arbeit mit Menschen ist, habe ich von Beginn an verinnerlicht.

Wie reagiert Ihr Umfeld auf Ihren Job?

Anfangs war das für manche ein Schock. Aber da ist viel Interesse da; die meisten in meinem Bekanntenkreis haben ihre Einstellung geändert. Unsere Klienten sind nicht so, wie sich das viele vorstellen. Wenn man sich die Delikte anschaut, die durch die Medien gehen, glaubt man, diese Menschen seien Bestien.

Kinofilme wie „Schweigen der Lämmer“ nähren dieses Bild …

Das ist einer meiner Lieblingsfilme, weil er extrem spannend ist (lacht). Viele stellen sich vor, dass, wenn diese Leute verurteilt werden, sie für immer hinter Gitter kommen. Selbst wenn sie wissen, dass das nicht sein kann, hält man wohl aus Selbstschutz daran fest, dass alles „Böse“ weg- und nie wieder rauskommt. Filme wie „Schweigen der Lämmer“ verstärken das Bild, dass es sich um eine Randgruppe handelt, vor der man sich fürchten muss.

Um welche Straftaten geht es bei Ihren Klienten?

Sehr häufig um Widerstand gegen die Staatsgewalt. Da ist beispielsweise eine Auseinandersetzung auf der Straße, die Polizei wird gerufen. Möglicherweise ist auch noch keine Handgreiflichkeit passiert, die Polizei will ihn festhalten und er wehrt sich. Das ist das am häufigsten vorkommende Delikt für „unzurechnungsfähig zum Tatzeitpunkt“. Hinzu kommen Vergehen wie Diebstahl, Raub, verschiedene Gewalttaten bis hin zu Bedrohung von Leib und Leben bzw. Mord.

 

"Die Türen und die Hafträume waren anfangs imposant. Angst hatte ich nie. Respekt bis heute.", Doris Schieber, Klinische und Gesundheitspsychologin

 

Was ist das Ziel von pro mente Plus?

Wir bieten Beratung, Behandlung, Assistenz und Wohnmöglichkeiten für Menschen mit psychischen Erkrankungen, die aufgrund ihrer Erkrankung gegen geltendes Recht verstoßen haben; die meisten unserer Klienten wurden für „unzurechnungsfähig zum Tatzeitpunkt“ erklärt. Ziel ist, dass die Klienten den Übergang vom Maßnahmenvollzug in ein möglichst selbstbestimmtes Leben schaffen – und zwar so, dass sie nicht mehr delinquent (straffällig, Anm.) werden.

Welche Erkrankungen haben Ihre Klienten?

Die meisten haben eine Diagnose aus dem schizophrenen Formenkreis. Ein dominanter Begriff ist dabei die Psychose; es kommt zu Verlust der Beziehung zur Realität, gekennzeichnet durch eine verzerrte Fähigkeit, Umweltreize adäquat wahrzunehmen, sie zu verarbeiten, auf sie zu reagieren. Symptomatiken für Schizophrenie sind Wahn, Halluzinationen, man stellt sich vor, verfolgt zu werden. Auf der anderen Seite ist das kognitive Funktionsniveau herabgesetzt; die Merk- und Entscheidungsfähigkeiten gehen zurück. Viele stehen im Berufsleben; wie schlimm muss es da sein, die Leistung vielleicht nicht mehr erbringen zu können, die man mal erbracht hat? Wissenschaftlich belegt ist, dass ein Prozent der Menschheit an Schizophrenie erkrankt ist. Nicht alle haben eine Diagnose und die Symptome sind unterschiedlich ausgeprägt; natürlich läuft nicht jeder wahnhaft durch die Gegend.

Wie kommt es zu einer schizophrenen Erkrankung?

Sie entwickelt sich meist zwischen dem 18. und dem 35. Lebensjahr. Der Grund ist vielfältig. Das Thema Vererbung spielt eine Rolle, ebenso der Stresslevel der Person. Hier kann man präventiv entgegenwirken, gegen das Genetische nicht. Viele Klienten haben eine lange Krankheitsgeschichte, andere werden plötzlich auffällig.

Wie?

Ein Beispiel: Die Polizei wird gerufen, weil ein Mann oder eine Frau leicht bekleidet, bloßfüßig unterwegs ist, Wirres von sich gibt und Leute verbal „belästigt“.

 

"Wissenschaftlich belegt ist, dass einer von 100 Menschen an Schizophrenie erkrankt.", Doris Schieber, Klinische und Gesundheitspsychologin

 

Kann es sein, dass dieser Mensch am Tag davor noch „normal“ zur Arbeit ging?

Ja. Deswegen auch der Begriff „unzurechnungsfähig zum Tatzeitpunkt“. Es kommt auf die Halluzinationen an, die es auf allen Sinnesebenen gibt. Die meisten hören Stimmen, die etwas befehlen. Das müssen nicht böse Dinge sein, aber diese Stimmen sind da. Immer wieder oder auch ständig.

Sie sind Hausverantwortliche für die 24-Stunden-Wohnassistenz. Wie kommen die Klienten dorthin?

Wir werden von Zuweisern kontaktiert, meistens von Justizanstalten, aber auch von Gerichten oder Krankenhäusern. Es wird ein Erstgespräch vereinbart, danach besprechen wir im Team, ob der Klient zu uns bzw. zu unseren Klienten passt (es gibt weitere vergleichbare Einrichtungen, Anm.); es folgt dann noch eine Probezeit. Unser Konzept beruht auf Wertschätzung und Respekt auf allen Seiten.
Wir sind ein Team aus Psycho­log*in­nen, diplomierten Pflegekräften, Psychotherapeut*innen, Sozialarbeiter*innen, Sozialpädagog*innen und unsere Klienten werden auch medizinisch-­psychiatrisch versorgt; Medikamente sind ein Bestandteil der Therapien. In unserem Haus leben 20 Herren in Fünfer-WGs mit einer Gemeinschaftsküche. Wie lange sie bleiben, hängt auch vom rechtlichen Status ab; im Schnitt sind es fünf Jahre.

 

Harter Neuanfang. Ziel ist es, dass die Klienten den Übergang in ein möglichst selbstbestimmtes Leben schaffen und dass sie nicht mehr straffällig werden.

 

Manche sind ein, zwei Jahre, andere sogar knapp 20 Jahre in einer geschlossenen Einrichtung. Wie geht es diesen Menschen danach?

Für manche ist es eine Überforderung, Wurst einkaufen zu gehen, weil es vor ihrer Verurteilung schon allein nicht so viele Lebensmittelgeschäfte gab. Wir arbeiten 24/7 mit den Herren zusammen und setzen in allen Punkten an. Je ein Kollege oder eine Kollegin ist Bezugsassistenz für einen Klienten; das reicht vom Gewandkaufen über Haushaltsführung bis hin zu Existenz sichernden Themen. Da sind Fragen wie: Wo kann ich arbeiten gehen? Eignet sich eine geschützte Werkstätte besser? Außerdem sehr wichtig: Wenn der Klient kein soziales Netz hat, schauen wir anhand seiner Interessen, wie wir eines aufbauen können.

Kann ein schizophrener Mensch ein „normales“ Leben führen?

Glücklicherweise schon, wenn man bedenkt, dass einer von 100 betroffen ist. Ein Vergleich: Wenn bei einem Menschen Bluthochdruck diagnostiziert wird und er aber so handelt, wie es Experten empfehlen, wird er vermutlich ein besseres Leben führen, als wenn er raucht und sich ungesund ernährt. Das ist bei psychiatrischen Erkrankungen ähnlich; die Herren sollen für sich erkennen, was sie aus unserer Multi-Therapie mitnehmen können, was ihnen guttut, was nicht. Manchen reicht ein Medikament, wenn sie dafür regelmäßige Tagesstrukturen haben. Unsere Klienten setzen sich bei uns viel mit ihrer Erkrankung auseinander; jeder muss lernen, auf sein Inneres zu hören, um frühzeitig individuelle Symp­tome zu erkennen und abzufangen: „Kann sein, dass ich jetzt psychotisch werde – kann ich damit umgehen?“ Wichtig ist das Hilfesuchverhalten, zu lernen, wann und wo man sich Unterstützung holen kann.

Wie sind die Lebensgeschichten?

Manche Klienten haben Missbrauch oder einen Alkoholiker-Stiefvater erlebt und hatten nie die Möglichkeit, einen Schulabschluss zu machen, einige wiederum kommen aus einem gut situierten Umfeld. Doch wenn es noch so eine schwere Kindheit war, ist das kein „Pluspunkt“. Wir sprechen nicht von Mitleid, sondern von Mitgefühl für ihr Schicksal. Wir sind eine Nachsorge-Einrichtung; die Herren haben im Maßnahmenvollzug sehr viel Therapie erfahren, ehe sie überhaupt zu uns kommen können. Wir müssen wissen, was passiert ist, welches Delikt begangen wurde. Aber wir arbeiten nicht mit der Tat, sondern mit dem Menschen. Einer unserer Leitsätze ist: Ächte die Tat, aber achte den Täter!

Wie definieren Sie Erfolg?

Bei manchen Klienten ist man froh, dass sie stabil sind, bei anderen ist es ein großer Schritt, wenn sie sich allein zum Arzt trauen. Dann gibt es Herren, die sich intensiv mit ihrer Erkrankung beschäftigen, verstehen, warum sie Medikamente nehmen, und sich an uns wenden, wenn es ihnen nicht gutgeht. Wichtig ist, dass der Fortschritt haltbar ist. Besonders schön ist es, wenn Klienten ausziehen können und ein neues Leben in Kontakt mit Familie und Freunden anfangen.