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Lifestyle | 06.03.2020

Wissen siegt

Wie genau wissen Sie über Ihren Zyklus und Ihren Körper Bescheid? Wie eine Perlenkette und eine Stoffklitoris in Entwicklungsländern Leben retten können.

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© Aktion Regen

In den Entwicklungsländern verwendet man aus didaktischen Gründen das Tool in Blau. „Aber hier kann ich ruhig das rosa Modell nehmen“, sagt Maria Hengstberger, während sie ein Täschchen öffnet. „Das wissen auch bei uns viele leider nicht“, leitet die 78-Jährige ein, während sie eine Stoffklitoris aus einem Vaginamodell zieht, um sie in ihrer vollen Pracht zu zeigen: „Die Klitoris ist ein wichtiges Organ.“
Fast hätte diese Szene, wie wir beim Interview in einem Restaurant gemeinsam eine Stoffvagina betrachten, etwas Amüsantes, steckte nicht brutale Realität dahinter: Das von der renommierten Frauenärztin entwickelte Tool dient zur Aufklärung gegen Genitalverstümmelung. Weltweit sind rund 200 Millionen Frauen davon betroffen; jährlich kommen drei Millionen Mädchen hinzu, „die mit Messern, Glasscherben oder Rasierklingen den sinnlosen Qualen einer Verstümmelung ausgesetzt werden“, heißt es im Magazin von „Aktion Regen“, jenem Verein für Entwicklungszusammenarbeit, den Hengstberger vor mehr als 30 Jahren mit Gleichgesinnten gründete.


Karlheinz Böhms Anruf

Schon als Mädchen wollte die Niederösterreicherin Entwicklungshelferin werden. „Als ich 1941 geboren wurde, brannte noch die Erde“, erzählt Maria Hengstberger. Und doch habe sie auch schöne Erinnerungen an ihre Kindheit, „weil meine Mutter mir so viel Liebe und Selbstbewusstsein gab. Da wollte ich selbst etwas Hilfreiches für andere tun.“ Sie studiert Medizin, eröffnet später als Gynäkologin eine Facharztpraxis und wird parallel Leiterin einer Spezialklinik für Laparoskopie. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wird sie, als sie blinde Frauen zur Früherkennung von Brustkrebs ausbildet. „Prävention, also dem Leid zuvorkommen, war von Anfang an mein Motto.“


Dann kommt der Anruf des Schauspielers und Entwicklungshelfers Karlheinz Böhm, „ob ich einen Health Worker in Gynäkologie ausbilden könnte“, erinnert sie sich. Volle Terminkalender, leitende Funktionen – der Bitte nachzukommen, schien unmöglich. Sie überlegte dennoch nicht lange – ihre Tochter war bereits erwachsen – und machte sich mit ihrem Mann, dem Chemiker Herbert Hengstberger, nach Äthiopien auf.
Was sie erlebte, ließ sie nicht los. „Unter den dortigen Bedingungen war schon eine Geburt eine Katastrophe; die Frauen hatten aber acht, neun Kinder.“ Schmerzhafte, lebensbedrohliche Erkrankungen waren häufig die Folge unerwünschter Schwangerschaften. Die Menschen hatten keinen Zugang zu Verhütungsmitteln und es fehlte das Wissen über alternative Methoden. Nach ihrer Heimkehr hat sie stets ein Bild vor Augen: Wenn die Menschen noch so arm waren, alle trugen Ketten. Das brachte sie auf die Idee, ein Tool zu entwickeln, das bis heute weltweit – auch hierzulande – im Einsatz ist: die Babykette. Der weibliche Zyklus wird durch Perlen in unterschiedlichen Farben und Formen dargestellt, die frucht- und unfruchtbare Tage kennzeichnen. Um zu wissen, wo man steht, rollt man täglich ein Ringerl auf die nächste Perle.

 

Ehrenamtlich. Regina Steiner, eine der freiwilligen Ärztinnen, bei der Ausbildung der Rain Worker



Wissen gegen Spende

Parallel dazu kam die Vision zu „Aktion Regen“: ein Netzwerk aus sogenannten „Rain Workern“ aufzubauen, die das Wissen über Familienplanung auf Augenhöhe weitertragen sollten. Nur woher sollte das Geld für eine international tätige NGO kommen? Sie nennt es „Wissen gegen Spende“ und reist durch Österreich, um als renommierte Gynäkologin Vorträge für Frauen über Gesundheit und Vorsorge zu halten. Schon in den ersten Jahren kann sie mit den Spendengeldern vier Kliniken in Entwicklungsländern aufbauen. Es gelingt ihr, viele Gleichgesinnte, darunter sowohl Mediziner als auch Spender, für ihre NGO zu begeistern. Ihre Initiativen werden mehrfach ausgezeichnet. Rückschläge erlebt sie aber auch; es kommt vor, dass sie Budgetlöcher aus der eigenen Tasche stopft.


Neue Ära

Vor wenigen Jahren passiert etwas, das sie aus der Bahn wirft. Ein Wechsel in der Geschäftsführung der Organisation misslingt. Von einem Tag auf den anderen muss sich Maria Hengstberger allein um beinahe alles in einer NGO kümmern, die bereits in zwölf Ländern tätig ist. Das erste Mal geht ihr die Energie aus, wenig später erkrankt sie schwer. „Ich glaube, ich habe das nun alles hinter mir“, sagt die Frauenärztin, die ausnahmsweise um ihre eigene Gesundheit kämpfte. Zuversichtlich stimmt sie auch eine neue Expertin im Team: die promovierte Sozialanthropologin Ines Kohl. Sie ist ab dem Frühjahr Generalsekretärin bei „Aktion Regen“. Sie forschte in Libyen und Niger, veröffentlichte mehrere Bücher. Auch privat ist sie mit Afrika eng verbunden, stammt doch ihr Mann und der Vater ihrer Kinder aus Niger. Sie brachte frischen Wind in den Verein: Die für eine NGO, die auf Spenden angewiesen ist, wichtige Präsentation wird laufend aktualisiert, auf der Website findet man nun auch einen ansprechenden „Aufklärungsfilm“ zur Babykette. Forciert wird auch die Wirksamkeitsforschung. Optimistisch stimmt sie etwa der Bericht eines kenianischen Projektpartners, der an zehn Schulen aktiv war: Das durchschnittliche Wissen der Unterrichtenden über Familienplanung lag zunächst bei 54 Prozent, „nach dem Training mit den Rain Workern bei mehr als 94 Prozent“.

 

Little Mom. So heißt das Tool, mit dem hier eine traditionelle Hebamme im Sudan die Gebärmutter erklärt.


Gutes Leben für alle

Maria Hengstberger hält seit mehr als 30 Jahren am Grundsatz fest: „Rain Worker lehren nicht, weniger Kinder zu haben, sondern sie motivieren zur kleineren, gesünderen und glücklicheren Familie.“ Die Mission dient auch einem globalen Zweck: „Familienplanung kann den Klimawandel verlangsamen“, weiß Ines Kohl. Laut Prognosen soll sich die Bevölkerung Afrikas bis 2050 auf mehr als vier Milliarden verdoppeln. Familienplanung ist von den Vereinten Nationen als Menschenrecht und Entwicklungspriorität anerkannt. Man geht davon aus, dass rund 200 Millionen Frauen keinen Zugang zu Verhütungsmitteln haben; dabei gehören für Teenager in Entwicklungsländern Schwangerschaft und Geburt zu den Haupttodesursachen. Weniger Kindern könnten Familien auch leichter Zugang zu Bildung ermöglichen, „je gebildeter die Menschen sind, desto besser funktioniert die ganze Welt“, sagt Ines Kohl. „Wir wollen ein gutes Leben für alle.“


Info: www.aktionregen.at

Fotos: Aktion Regen, Viktória Kery-Erdélyi