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Lifestyle | 13.03.2020

Die Macht der Schönheit

Glatter, straffer, jünger – Schönsein als Leistung, der ­nachgeholfen werden kann. Lidstraffung, Schamlippenkorrektur oder Penis-­Bleaching: Ein Blick auf die Trends und Gespräche mit Experten.

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© Shutterstock

Filterüberladene Selfies, die geschönte Social-­Media-Welt, der vermeintlich unbarmherzige Druck der Gesellschaft – trotz Emanzipation und neuem Selbstbewusstsein sind viele Frauen, was ihren eigenen Körper angeht, immer noch stark verunsichert. Wir alle werden von verschiedensten Seiten beeinflusst, wie wir auszusehen haben, was als „schön“ gilt. Dabei entscheiden wir selbst, wie stark wir diese Beeinflussung zulassen. Das hängt einerseits mit unserer inneren Einstellung zusammen, andererseits mit unserer Prägung und unseren bisherigen Erfahrungen.


Eine neue Lippe ist wie ein neues Leben.

Einen großen Anteil an der Veränderung in der Welt der Schönheits­ideale haben Schönheitsoperationen. Im Jahr 2017 gab es laut der International Society of Plastic Surgery (ISAPS) in Deutschland 290.900 Schönheitsoperationen. Unsere Nachbarn gehören damit zu den Ländern mit den meisten ästhetisch-plastischen Eingriffen weltweit. Die Brustvergrößerung war 2019 in Deutschland die beliebteste Schönheitsoperation und führt das Ranking nach 2016 erneut an, verdrängte die Augenlidkorrektur und Fettabsaugung auf Platz zwei und drei. Deutsche Männer ließen sich am häufigsten die Nase richten. Die nachfolgenden Plätze belegten Lidstraffung, Fettabsaugung und Bauchdeckenstraffung (Quelle: Statista.de). Für Österreich gibt es keine offiziellen Zahlen, „das ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass plastische Chirurgen hierzulande nicht verpflichtet sind, die Anzahl ihrer Eingriffe zu melden“, so Maria Michaelidou, plastische Chirurgin und Oberärztin am Universitätsklinikum St. Pölten mit Privatordinationen in Wien und Niederösterreich.

Schätzungen zufolge gibt es in Österreich jährlich rund 50.000 Schönheitsoperationen. „Schönheit gilt heute tatsächlich als Leistung, die von der Gesellschaft belohnt wird. Studien haben gezeigt, dass schöne Menschen mehr Chancen sowohl privat als auch beruflich bekommen. Durch den permanenten Meinungsaustausch über soziale Medien werden sogenannte ‚Schönheitsideale‘ rasch verbreitet.“ Es komme sehr oft vor, dass Patienten mit Fotos von Personen aus dem Internet in die Praxis kommen und „genau diese Lippen“ oder „genau diese Brust“ möchten. „Ich finde es schade, dass die individuelle Schönheit zugunsten von ‚Schönheitsidealen‘ verschwindet und ein kollektives Körperbild entsteht“, erklärt die Ärztin. Auch Klemens Heinrich, plastischer Chirurg mit Praxis in Eisenstadt, bestätigt dies: „Es kommt täglich vor, sowohl im Krankenhaus als auch in der Privatordination, dass Patienten mit einem Foto ankommen, wie sie aussehen wollen. Es ist hier die Aufgabe eines seriösen plastischen Chirurgen, die Möglichkeiten und vor allem die Grenzen von Behandlungsmethoden aufzuzeigen.“ Der plastische Chirurg Martin Grohmann (KH Oberwart und Schwarzl Klinik, Stmk.) bestätigt diese Entwicklung ebenso. Zur Verantwortung des Arztes zähle auch, Eingriffe abzulehnen. „Wenn jemand unrealistische oder unnatürliche Veränderungen wünscht, dann lehne ich die Therapie ab. Ich bin Arzt und muss die Gesundheit des Patienten wahren. Das ist eines meiner wichtigsten Anliegen“, so Grohmann. Dabei weist er darauf hin, dass die viel gewichtigere Seite der plastischen Chirurgie die rekonstruktive, Lebensqualität verbessernde ist. Auch Wolfgang Michlits sieht sich in seinen Ordinationen in Eisenstadt und Wr. Neustadt mit diesem Thema konfrontiert. „Alles, was machbar ist, muss und sollte nicht immer gemacht werden. Die allumfassende Aufklärung für eine altersentsprechende Behandlungsform ist essenziell.“ Maria Michaelidou bringt ein Beispiel: „Eine Patientin hat sich mit 40 Jahren in Deutschland einer Facelift-­Operation unterzogen und sich bei mir 5 Jahre später wegen einer Nachstraffung erkundigt. Ich lehnte diesen Eingriff damals ab, weil ich im Gespräch mit der Patientin eine übertrieben kritische Haltung gegenüber dem eigenen Körperbild mit Hinweisen auf eine verzerrte Körperwahrnehmung erkannte.“

Zitate
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„Ich finde es schade, dass die individuelle Schönheit zugunsten von ‚Schönheitsidealen‘ verschwindet und ein kollektives Körperbild entsteht.“

Maria Michaelidou

Fachärztin für plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie, Oberärztin am Universitätsklinikum St. Pölten

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„Wichtig ist, den Jugendlichen schon im Kindesalter das nötige Rüstzeug mitzugeben, um ein reflektiertes und gesundes Selbstbild zu entwickeln.“

Klemens Heinrich

Facharzt für plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie in Eisenstadt, Mattersburg & Salzburg

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„Als verantwortungs-voller plastischer Chirurg muss im Rahmen jeder ästhetischen Behandlung oder Operation die Gesundheit des Patienten gewahrt werden.“

Martin Grohmann

Bereichsleiter Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie,
LKH Oberwart & Schwarzl Klinik

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„Es zeigt sich bereits eine Trendumkehr, da auf Dauer mit Filler, Botox & Co. nicht die gewünschten Ergebnisse erreicht werden können.“

Wolfgang Michlits

Leiter des Departments für plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie am Landesklinikum Wr. Neustadt

Ist meine Vagina schön genug?

International nehmen Beauty-Trends eine immer stärkere Rolle ein. Neben kosmetischen Schamlippenstraffungen oder Anal-Bleaching ist Penis- oder Hoden-Bleaching ein Trend, der derzeit vor allem in Asien boomt. Dabei wird die Haut in der Leistengegend mithilfe eines Lasers aufgehellt. Allein in Thailand sollen sich monatlich mehr als 100 Männer im Alter von 25 bis 55 Jahren diesem Eingriff unterziehen. Helle Haut stellt vor allem im asiatischen Raum ein Schönheitsideal dar.
Die Intimchirugie wurde in den letzten Jahrzehnten immer beliebter (vermutlich durch den anhaltenden Trend zur Intimrasur): Schamlippenkorrektur, Venushügelstraffung, Vaginalverengung und G-Punkt-Unterspritzung sind längst keine Tabus mehr. Doch oft liegt es nicht nur an kosmetischen Unzulänglichkeiten, wie Wolfgang Michlits weiß. „Der Intimbereich ist insgesamt eine sehr heikle und sensible Zone. Aus meiner Erfahrung sollte man Intimkorrekturen nicht als Spinnereien abtun, da viele Patient*innen Probleme in diesem Bereich und oft einen jahrelangen Leidensweg hinter sich haben. Vielmehr ist hier größte Sorgfalt bei der Therapieplanung und -durchführung notwendig.“ Klemens Heinrich weist auch auf die Relevanz von medizinischen Indikationen hin: „Es gibt Patientinnen, die unter vergrößerten Schamlippen leiden. Wenn eine medizinische Indikation gegeben ist, wird der Eingriff oft von der Krankenkasse bezahlt.“ Auch Martin Grohmann weist auf die hohe Nachfrage nach Intimchirurgie hin, die nicht immer aus einer medizinischen Notwendigkeit heraus entsteht. „Beim Mann beschränkt sich die mögliche Verlängerung auf wenige Zentimeter. Eine Verdickung des Penis durch Eigenfettinjektion ist aber durchaus nachgefragt. Venushügel-Straffungen sind eher nach Gewichtsabnahme oder im höheren Alter ein Thema. Durch Fetteinspritzung in diesem Bereich kann eine Straffung erzeugt werden.“


Invasiv vs. nicht-invasiv. ­

Weiters geht der Trend auch in Richtung nicht-invasive Eingriffe, also ohne Operation: Botox- oder Hyaluronsäure-­Behandlungen sowie Fadenliftings beispielsweise. Die plastischen Chirurgen sehen diese Entwicklung kontrovers. „Nicht-invasive Eingriffe dürfen in Österreich auch ohne langjährige Facharztausbildung durchgeführt werden. Hier reicht als einschlägige Qualifikation mitunter ein Wochenendkurs, oftmals ohne jemals selbst am Patienten tätig gewesen zu sein. Somit steigen diese Eingriffe logischerweise zahlenmäßig sehr stark an. Dass die Qualität in gleichem Maße mitsteigt, bezweifle ich. Einen Rückgang bei invasiven Eingriffen konnte ich bislang nicht beobachten. Aus meiner Sicht ist es wichtig, den Patient*innen die Grenzen und Möglichkeiten beider Varianten aufzuzeigen und optimale individuelle Lösungen bereitzustellen“, so Heinrich. Auch Michlits beobachtete in diesem Bereich interessante Entwicklungen in den letzten Jahren: „Einerseits kam es durch sogenannte ‚Schönheitsspezialisten‘ zu einem Anstieg an nicht-invasiven Eingriffen, wodurch es möglicherweise kurzfristig zu einem leichten Rückgang der Operationen kam. Es zeigt sich aber bereits wieder eine Trendumkehr, da auf Dauer mit Filler, Botox und Co. die gewünschten Ergebnisse nicht erreicht werden können und die Patient*innen – teilweise etwas zeitverzögert – beim plastischen Chirurgen vorstellig werden.“ Michaelidou ist davon überzeugt, dass Operationen immer ihre Berechtigung haben werden, sich jedoch mit nicht-invasiven Eingriffen ergänzen können. Ihrer Meinung nach gehen die Trends bei nicht-invasiven Eingriffen deutlich in Richtung Regeneration, das heißt Anregung der Erneuerung des Gewebes. „Beispielsweise sollen innovative Implantationstechniken und Materialien für das Fadenlifting die körpereigene Kollagensynthese stärker anregen und nicht bloß einzelne Falten korrigieren.“ Auch ein wesentlicher Forschungsschwerpunkt der plastischen Chirurgie liege derzeit stark auf „regenerativen“ Behandlungsmethoden. „Das heißt, dass immer mehr Behandlungen entwickelt werden, die das biologische Alter des Gewebes verändern sollen und nicht bloß seine Rückverlagerung in die ursprüngliche Position im Sinne einer Straffung anstreben. Körpereigene Wachstumsfaktoren und Stammzellen aus dem Blut oder dem Fettgewebe sollen dabei die biologische Uhr der Haut zurückdrehen und Alterungserscheinungen teilweise rückgängig machen.“


Word!

Um Aufklärung sind grundsätzlich alle Ärzte bemüht. Und dass das eigene Körpergefühl oft in der Kindheit bereits stark geprägt wird, ist ebenfalls unumstritten. Daher plädiert Klemens Heinrich: „Wichtig ist, den Jugendlichen schon im Kindesalter das nötige Rüstzeug mitzugeben, um ein reflektiertes und gesundes Selbstbild zu entwickeln, was gerade in der heutigen Zeit durch Social Media etc. immer schwieriger wird. Ich finde aber, dass wir Burgenländer hier im Vergleich zu anderen Regionen – auch international betrachtet – einen realitätsnahen und bodenständigen Zugang zu diesen Themen haben.“
Denken wir daher dran: Aussehen ist ein kleiner Teil von uns und noch dazu ein sehr vergänglicher. Wir alle haben Wert, egal wie wir gerade aussehen.

Fotos: Vanessa Hartmann, gitgo gmbh, Tom Mesic, beigestellt