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Lifestyle | 20.05.2020

Die Liebe und die Pandemie

Die letzten Wochen waren eine intensive Zeit für Paare und Familien. Entfremdung oder Zusammenhalt? Was macht Corona mit unseren Beziehungen und wie können wir retten, was noch zu retten ist? Eine Analyse.

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© Shutterstock

Sowohl mehr Scheidungen als auch mehr Geburten werden von Experten für die kommenden Monate prognostiziert. „Beides ist wahrscheinlich“, meint auch die südburgenländische Paar- und Sexualtherapeutin Silvia Messenlehner. Mit der Ausgangsbeschränkung hat sich für viele Menschen der Alltag stark verändert und die Herausforderung für Paare und Familien war und ist groß. „Krisen können Paare verbinden, zusammenschweißen. Paare, die in einer harmonischen, liebevollen Beziehung leben, einander vertrauen und viel miteinander reden, entwerfen gemeinsam Bewältigungsstrategien“, erzählt Messenlehner aus der Praxis. „Aber es gibt auch die andere Seite: Paare, die die Krise trennt. Entweder es gab schon vorher Probleme oder sie entstanden aufgrund der vorherrschenden Belastungen – mit den Kindern, dem Haushalt, weil es plötzlich zu viel Nähe gibt oder man sich in völlig neuen Lebenssituationen befindet.“ Das bedeutet, dass Konflikte, die bereits vor der Coronavirus-Krise im Raum standen, sich nun im ständigen Zusammensein verstärken. Durch die Nähe kommen Verhaltensweisen, die vorher vielleicht toleriert wurden, mehr zum Vorschein und können oft nicht mehr ausgehalten werden. Meist ist es ein Zusammenspiel mehrerer Aspekte, Probleme verhärten sich dann schnell. „Wichtig ist, keine Schuldzuweisungen zu machen. Kommunikation trägt wie immer zur Lösung bei. Wenn das Gegenüber kein Mensch der großen Worte ist, dann hilft es auch schon, wenn nur einer darüber redet. Auch die Angst und Unsicherheit, die viele im Moment spüren, schürt eine gewisse Perspektivenlosigkeit, dadurch wird Vertrauen minimiert. Angst macht immer eng, auch im Körper. Viele können die eigenen Ressourcen nicht mehr aktivieren und lassen sich von der Angst gefangen nehmen. Da hilft eine Aussprache.“ Sich vorher für sich selbst zu überlegen, was die Problematik ist: Welche Bedürfnisse, welche Ängste und Unsicherheiten habe ich, was nervt und was halte ich im Moment nur schlecht aus – wenn das für einen selbst klar ist, kann es auch klar kommuniziert werden.

Sex in der Krise

Bei Frischverliebten hingegen ist die Sehnsucht nach dem anderen groß und man will ohnehin am liebsten immer zusammen sein. „Es ist die Zeit der höchsten Gefühle und des intensivsten sexuellen Begehrens. Der andere wird idealisiert und auf ein Podest gestellt. Alles Störende wird ausgeblendet. Dafür ist diese Zeit sicher ein Geschenk, das verliebte Paare genießen und auskosten. Die andere Möglichkeit ist aber auch, dass die rosarote Brille frühzeitig endet.“ Bei vielen Paaren ist Sexualität in Zeiten der Krise nicht sehr populär. Sie rückt im Ranking der Bedürfnisse sehr weit nach hinten. Man sieht sich permanent, reibt sich ständig aneinander, durch die Nähe kann Unlust aufkommen. „Permanente Nähe kann unerotisierend sein. Wenn man ständig zusammenklebt, stellt man sich den anderen nicht mehr vor, sehnt sich nicht mehr nach ihm – und neben dem teilweise aufreibenden Alltag bei Paaren mit Kindern kommt nur schwer Erotik auf.“ Dagegen rät die Sexualtherapeutin neben dem klassischen und immer helfenden Ansatz des Aussprechens, dass die Partner sich gegenseitig Freiraum gewähren. Das kann durchaus auch in Form einer „Beziehungskarenz“ sein: sich zwei, drei Tage oder mehr von gegenseitigen Bedürfnissen freispielen. Keine körperliche Nähe, keine Küsse, quasi das Paarsein aussetzen. Zusätzlich sich bei der Betreuung der Kinder abwechseln, sodass jeder Partner Zeit für sich selbst hat. „Distanz nährt das Begehren. Oder auch nicht – das ist dann auch eine Erkenntnis.“ Es käme natürlich auch darauf an, ob die Unlust schon vor der Krisenzeit vorhanden war oder erst durch die ständige Nähe entstanden ist. Das größte Handicap von vielen Paaren sieht Messenlehner aber immer noch darin: Dinge nicht anzusprechen. Dabei sollte immer in der Ich-Form gesprochen werden. Sätze wie „Ich brauche mehr Freiraum“, „Ich fühle mich überfordert“ sind besser als Anschuldigungen in Du-Form. Nach dieser Auszeit können Paare dann wieder zueinander finden, indem sie – wenn die Kinder schlafen – ein gemeinsames Bad nehmen, gemeinsam kochen oder sich gegenseitig massieren oder streicheln. „Sex ist alles – auch streicheln und küssen –, nicht nur der Geschlechtsverkehr.“

Trennungen & Gewalt nehmen zu

Nichtsdestotrotz gehen Experten davon aus, dass die Trennungsrate in den kommenden Wochen und Monaten steigen wird. So auch die beiden Rechtsanwältinnen Mag. Anna Kölly (Kölly Anwälte in Oberpullendorf) und Mag. Romi Andrea Panner aus Rudersdorf. „Seit den Beschränkungen haben wir in diesem Bereich vor allem Anfragen zum Thema Kontaktrecht. Partner wollen Kinder nicht dem Ex-Partner anvertrauen, wenn die Basis zwischen den Eltern ohnehin schon nicht gestimmt hat bzw. ein Kontaktrechtverfahren aufrecht ist“, so Kölly. Beim Thema Scheidung sei es wichtig, sich früh genug rechtliche Unterstützung zu holen. Sonst gehe die Tendenz dahin, dass man auf zu viel verzichtet, weil man so rasch wie möglich aus der Beziehung raus möchte. „Die andere Tendenz ist, dass die Klienten vor lauter Hass wichtige Punkte übersehen oder sich bei Kleinigkeiten zerstreiten. Essenziell ist hier ein neutraler Partner, der in dieser schwierigen Situation hilft.“ Telefonisch immer erreichbar sind die Anwälte bei Kölly Rechtsanwälte auch in Krisenzeiten – wie auch Rechtsanwältin Mag. Romi Andrea Panner aus dem Südburgenland. Panner arbeitet bereits seit 20 Jahren im Bereich Familien- und Scheidungsrecht, führte lange Zeit die juristische Frauen- und Mädchenberatung für das Land Burgenland in den Frauenberatungsstellen des Südburgenlandes durch und arbeitet in verschiedensten Kooperationen mit Gewaltschutzzentrum, Kinderschutzzentrum und Frauenberatungsstellen. „Ein Thema, das leider immer noch häufig unter den Tisch gekehrt oder aus Scham verschwiegen wird, ist Gewalt in der Familie.“ Durch die räumliche Nähe können Aggressionen, denen man nicht aus dem Weg gehen kann, entstehen oder sich verstärken. Panner geht davon aus, dass die Häufigkeit in Zeiten der Krise zunimmt. Sie empfiehlt Betroffenen, sich so früh wie möglich Hilfe zu holen durch einen Anruf bei den Helplines oder direkt bei den Rechtsanwält*innen des Vertrauens. „Sich über die verschiedenen Lösungswege aus der Krise zu informieren, ist wichtig. Nicht immer ist die Scheidung der einzige Weg. Oft reichen bereits ein Antrag auf gesonderte Wohnungsnahme, eine einstweilige Verfügung oder ein Betretungsverbot, um Änderungen zum Positiven herbeizuführen.“ Bedenken wir auch, dass wir Eigenverantwortung uns selbst gegenüber haben – frei nach dem Philosophen Konrad Paul Liessmann, der einmal sagte: „Krisen provozieren immer beides: das Beste und das Böseste im Menschen.“ Holen wir also das Beste aus uns heraus.

Statements
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Trennungs- und Scheidungsphasen sind emotional schwierig, wichtig ist hier, sich früh genug rechtliche Unterstützung zu holen, auch wenn eine einvernehmliche Scheidung angestrebt wird.

Mag. Anna Kölly, LL.M., Rechtsanwältin aus Oberpullendorf

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Permanente Nähe kann unerotisierend sein. Hier könnte es helfen, Distanz zu schaffen. Sich ein paar Tage ‚Beziehungskarenz‘ zu nehmen, in der das Paarsein bewusst ausgesetzt wird.

Silvia Messenlehner, Paar- und Sexualtherapeutin aus St. Michael

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Bei Gewalt in der Familie ist es essenziell, sich so rasch wie möglich über das vielfältige Hilfsangebot zum Schutz der Gewaltopfer zu informieren – bei Helplines oder direkt bei darauf spezialisierten Anwält*innen.

Mag. Romi Andrea Panner, Rechtsanwältin aus Rudersdorf