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Lifestyle | 26.05.2020

Aus deiner Kraft

Neidisch auf Menschen, die selbst in Krisenzeiten gut drauf sind? Wie positives Denken helfen kann und warum auch die Schulmedizin nicht ohne auskommt. Der Talk.

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© Shutterstock

Fotos: Shutterstock, Uschi Zezelitsch, Antonia Kunz, Foto Tschank

 

Burgenländerin-Talk.
Via Video-Konferenz

 

 

Sagt Ihnen der Name Louise Hay etwas? Sie war eine US-Autorin, die vor allem nach ihrer Erkrankung an Gebärmutterhalskrebs viele Bestseller schrieb. Ihre Buchtitel lauten etwa „Liebe deinen Körper“ oder „Meine innere Weisheit“. Sie schwor darauf, dass positives Denken zu einem positiven Leben und negatives eben zu einem negativen Leben führt. Über die Macht der Selbstheilungskraft diskutierten wir mit der Mattersburger Gynäkologin Susanne Kunz, Kräuterhexe Uschi Zezelitsch und der Klinischen und Gesundheitspsychologin Brigitte Benczak.  


BURGENLÄNDERIN: Welchen Einfluss kann unser Denken auf unsere Gesundheit und auf unseren Genesungsprozess haben, wenn wir krank sind?

Kräuterhexe Uschi Zezelitsch: Einen sehr großen! Einen Einfluss hat darauf sogar, mit welchen Menschen ich mich umgebe. Ich bin Anhängerin der Philosophie: Gedanken werden zu Taten. Als ich eine schwierige Zeit in der Vergangenheit erlebt habe, habe ich mit der Hilfe und Inspiration eines befreundeten Tontechnikers (Hans Leitgeb, Anm.) selbst Affirmationssätze (stärkende Gedanken, Anm.) aufgenommen; sie helfen, Krisen und Krankheiten besser zu überwinden.

Klinische und Gesundheitspsychologin Brigitte Benczak: Denken kann Gesundheit und Befindlichkeit negativ oder positiv beeinflussen. Das Hirn ist ein Muskel; es kann wissenschaftlich nachgewiesen werden, wo Aktivitäten stattfinden. Wenn ich positiv und glücklich bin, sind andere Areale aktiv. Wenn ich negativ denke, bin ich im Defizit, im Mangel, das bildet sich in meinem Hirn, in meiner Persönlichkeit ab. Wir wissen heute aber auch: Man kann sowohl die Teile trainieren, wo negatives Denken, als auch die, wo positives Denken stattfindet. Affirmationen sind nachweislich hilfreich.

Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe Susanne Kunz: Ich erlebe das in meiner Ordination: Menschen, die positiv denken, tun sich im Leben leichter und werden leichter mit Krankheiten fertig. Aber: Man muss genauso zulassen, dass man auch mal negativ und traurig ist. Ich empfehle Patientinnen, die ein gesundheitliches Problem haben, gerne die Bücher von Louise Hay. Es ist aber zunächst wichtig, die Diagnose zu wissen; damit kann man dann arbeiten.


Optimal wäre doch eine Kombination aus Schulmedizin und alternativen Methoden. Wie sieht das die Ärzteschaft?

Kunz: Es gibt bis heute ganz strikte Schulmediziner*innen, die noch nie etwas von Affirmationen gehört haben; manche belächeln sogar die Akupunktur. Aber ich schätze, dass mittlerweile an die 70 Prozent der Ärzt*innen, vor allem jene, die Krebs­patient*innen betreuen, automatisch zusätzlich „additive“ (ergänzende, Anm.) Methoden integrieren.


Sie sind Kräuterexpertin mit langjähriger Expertise. Können Sie sich aktiv in schulmedizinische Therapien einbringen?

Zezelitsch: Dafür ist die Zeit leider noch nicht reif. Ich muss sehr aufpassen und immer betonen: Dieses Kraut KANN bei Kopfschmerzen helfen. Ich darf niemals behaupten, dass es hilft. Das verstehe ich, ich bin keine Medizinerin.
Meinen Rat möchten vor allem Menschen, die manchmal von der Schulmedizin enttäuscht sind und alternative Medizin probieren wollen. Ich bin aber keine, die sagt: „Vergesst die Schulmedizin und nehmt Kräuter!“ Hausmittel, Kräuter funktionieren parallel zur Schulmedizin.

Interviewpartnerinnen
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Ob im Haus, in Büchern oder auf CD – Affirmationssätze helfen, Krisen und Krankheiten besser zu überwinden.

Uschi Zezelitsch, Kräuterhexe

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Kranke fühlen sich kompetenter und weniger ausgeliefert, wenn sie etwas tun können. Sie sind dadurch weniger depressiv.

Brigitte Benczak, Klinische und Gesundheitspsychologin

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Positive Menschen werden leichter mit Krankheiten fertig. Aber: Man darf trotzdem auch mal negativ und traurig sein.

Susanne Kunz, Fachärztin für Gynäkologie

Finden Sie, dass zu wenige Ärzt*innen empfehlen, beispielsweise Kräuter als Alternative zu versuchen?

Zezelitsch: Ja. Ich habe sogar Ärzt*innen in meinem Umfeld, die bei einer Bronchitis lieber zunächst einmal Zwiebel- bzw. Schmalzumschläge oder TCM (Traditionelle Chinesische Medizin, Anm.) empfehlen würden, das aber eher nur hinter vorgehaltener Hand tun.

Benczak: Ich habe das Gefühl, dass es oft bei Kindern noch in Ordnung ist, wenn ein Hausmittel „verschrieben“ wird. Aber je erwachsener und älter Patient*innen sind, desto weniger passiert das. Man muss selbst die Ärzt*innen finden, mit denen man persönlich kann. Natürlich gibt es auch im psychisch-psychiatrischen Bereich Erkrankungen, bei denen man nicht ohne Medikamente auskommt.

Interessant zu beobachten ist: Manchmal nehmen die Menschen etwa ein Antidepressivum und fühlen sich nach zwei Tagen besser, obwohl wir wissen, dass es eine Woche dauert, bis erste Erfolge erzielt werden können. Umgekehrt gibt es Patient*innen, denen der/die Psychiater*in sagt, dass sich durch die Einnahme der Medikamente Ängste kurzfristig verstärken können – mit dem Effekt, dass etwa eine Patientin kürzlich zu mir kam, weil sich ihr Herzklopfen so verstärkt hat. Manchmal braucht es auch alternativmedizinische Unterstützung, weil die Menschen eine so große Abneigung gegen Medikamente haben.


Dass Gedanken wie Medizin wirken können, macht sich die Forschung mit dem Placeboeffekt zunutze, auf dessen Basis neue Wirkstoffe getestet werden. Ist Homöopathie ein Placebo?

Kunz: Aus meiner Sicht ist Homöopathie zu hundert Prozent kein Placebo. Wenn das Homöopathikum ideal hergestellt ist, kann es zwar biochemisch nicht nachgewiesen werden, trotzdem kann es meine bioenergetische Köperschwingung ändern. Ich bin überzeugt davon, dass es hilft; gerade für Kinder sind homöopathische Mittel sehr wichtig. Es ist auch alles einleuchtend in der Homöopathie, wie etwa die erste Verschlechterung nach der Gabe, weil man Ähnliches mit Ähnlichem bekämpft.

Benczak: Homöopathie hilft Tieren und Babys, das wäre für mich Beweis genug. Wenn man davon nicht überzeugt ist, wird es womöglich nichts nützen, aber auch nicht schaden.
Zezelitsch: Ich ärgere mich sehr über die Behauptung, Homöopathie nutze nichts. Ich würde mir wünschen, dass für Studien zur Wirksamkeit von Homöopathie genauso viel Geld zur Verfügung gestellt wird wie für andere Studien. Möglicherweise wäre dann die Beweisführung gegeben.

Mich hat eine Dokumentation über die Wirkung des Heilfastens beeindruckt. Darin wird von Mediziner*innen, die das Heilfasten als wirksame Therapie bei schweren chronischen Krankheiten befürworten, der Unwille zur Finanzierung von Studien, die den Beweis für Heilung durch Fasten liefern würden, stark kritisiert. Mit der Therapie „nix essen“ ließe sich natürlich weniger Geld verdienen als mit Medikamenten.  


Wenn man nun kranken Menschen sagt, dass sie selbst und mit ihren Gedanken dazu beitragen können, wieder gesund zu werden, was macht das mit der Psyche der Betroffenen?

Benczak: Da kommt die Selbstkompetenz, die Selbstwirksamkeit zum Tragen. Das ist erforscht: Wenn ich merke, ich kann etwas tun, worin ich eine Lösung sehe, ist das an der Hirnaktivität nachweisbar: Es werden mehr Dopamin bzw. Neurotransmitter ausgeschüttet, was wiederum zum selbstwirksamen Heilungserfolg beitragen kann. Der amerikanische Mediziner Carl Simonton (ein Pionier auf dem Gebiet der Psychoonkologie, Anm.) führte im onkologischen Bereich einige Kliniken, in denen parallel zu schulmedizinischen Behandlungen mit Affirmationen und Visualisierung zur Förderung der Selbstheilung gearbeitet wurde. So ließ man dort etwa die Patient*innen malen, wie sie sich ihre Körperabwehrzellen vorstellen, wie diese gegen die Krebszellen aktiv werden. Die Menschen fühlen sich kompetenter, wenn sie etwas tun können; sie fühlen sich weniger ausgeliefert und sind dadurch weniger depressiv. Das heilt nicht den Krebs, aber trägt zur Befindlichkeit bei und sorgt etwa dafür, dass man gewisse Nebenwirkungen nicht hat.


Steht man da nicht umgekehrt auch unter Druck, dass man nicht alles versucht hat, sollte die Krankheit einen schlimmeren Verlauf nehmen?

Zezelitsch: Ich glaube, dass es vielmehr ein großes Plus ist, wenn vermittelt wird, dass man nicht ausgeliefert ist, dass man sich mit seiner Krankheit auseinandersetzen kann und dass nicht einfach Ärzt*innen für Verbesserung oder Verschlechterung verantwortlich sind. Die Patient*innen sind gefordert, so weit wie möglich Informationen einzuholen, um sich besser damit auseinandersetzen zu können. Das ist wahrscheinlich auch eine gesellschaftspolitische Sache. Menschen mit eigenen Meinungen können unbequem werden, sind schwerer manipulierbar. Ich würde mir wünschen, dass man verstärkt zur Eigenverantwortung animiert.

Kunz: Wenn ich eine Diagnose habe, muss ich diese mitteilen. Ich erlebe häufig, dass die Patientinnen meine Ratschläge, beispielsweise mehr Bewegung zu machen oder abzunehmen, nicht hören wollen. Viele wollen einfach etwas verschrieben bekommen, damit „das“ weggeht; diese Haltung ist leider noch stark verankert.

Für länger währende Erkrankungen baut sich ja eine Patient*in-Ärzt*in-Beziehung auf, um auch einen schlimmeren  Verlauf gemeinsam durchzustehen.

Wenn wir – oder jemand aus unserem Umfeld – eine schlimme Diagnose bekommen, quälen wir uns oft mit der Frage „Warum?“ – welche Antwort würden Sie entgegnen?

Kunz: Ich selbst hatte vor acht Jahren Krebs, mit Chemo und allem, was dazugehört. Mit so einer Diagnose fällt man in ein Loch, aber man hat Kinder und Familie, da marschiert man irgendwie durch. Natürlich fragst du dich auch: Wa­rum? Aber die logische Antwort ist: Es ist eben so. Ich kann gut mit meinen Patientinnen umgehen, weil ich weiß, wovon ich spreche. Bestimmte Diagnosen sind gleich einmal ganz schrecklich, aber ich sage dann auch: „Wir haben es jetzt entdeckt, weil jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, es zu entdecken. Jetzt können wir das Problem angehen.“

Benczak: Manchmal findet man Antworten auf das Warum, manchmal nicht. Ich sehe es als eine notwendige Phase, sich mit der Diagnose auseinanderzusetzen. Diese Zeit braucht es, um zu überlegen: Was bedeutet das? Wie tut man weiter? Wenn es jemanden im Umfeld trifft, kann man für den Betroffenen da sein und einfach gemeinsam überlegen, was hilft, welche momentanen Antworten es gibt und welche Fragen man vorerst beiseite legt. Manches versteht man erst Monate oder Jahre später, wenn man dann vielleicht sogar schon etwas Positives sehen kann.

Zezelitsch: Die Warum-Frage ist eine Alternative zu einem „Um-Himmels-willen!“-Schrei. Man stellt diese Frage nicht, um eine Antwort zu bekommen. Es ist schön, wenn man jemanden ins Tun mitnehmen kann, einen Betroffenen positiv ablenken kann. In schlechten Phasen sagt meine Freundin zu mir: „Uschi, du darfst jetzt was lernen.“ So sehe ich das auch. Trotzdem hilft das nicht immer, man darf auch mal frustriert sein, weil man grad nix lernen will (lacht).