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People | 21.02.2018

Reisen als Leidenschaft

Sie reist für ihr Leben gerne und war schon in über 40 Ländern dieser Erde. Ihre jüngste Reise nach Äthiopien brachte sie zu abgeschiedenen Stämmen. Otti Reinfeld aus Deutschkreutz spricht über ihre Leidenschaft und was Reisen aus einem Menschen macht.

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© Otti Reinfeld

Ihre Augen leuchten und ihre Gedanken scheinen in die Ferne zu schweifen, wenn Otti Reinfeld von ihren Reisen erzählt. Sie hat bereits über 40 Länder auf der ganzen Welt besucht, viele davon mehrmals. Schon als junges Mädchen gab sie dem Fernweh oft nach und während ihrer Berufstätigkeit als Steuerberaterin mit eigener Kanzlei war das Reisen ihr Ausgleich zur Arbeit. Jetzt in der Pension frönt die 65-Jährige ihrer Leidenschaft ungehindert und es gibt kaum einen Monat, in dem sie „nur“ zu Hause ist. Pinguine in der Antarktis, Löwen in Afrika und Wolkenkratzer in China – wenn Otti Reinfeld spontan das Reisefieber packt, kann es auch sein, dass sie sich alleine einfach einer Reisegruppe anschließt. Wir sprachen mit ihr zwischen einem Ski-Trip in Österreich und einer dreiwöchigen Reise nach Panama über ihre Erlebnisse, die Faszination Afrikas und wie es ist, in andere Kulturen einzutauchen.

 

Otti Reinfeld, ehemalige Steuerberaterin, reist für ihr Leben gerne. © Emmerich Mädl



In Afrika waren Sie schon in vielen Ländern. Warum fasziniert Sie dieser Kontinent so?

Afrika ist noch so ursprünglich, es lebt. Die Leute dort sind so besonders. In den letzten 20 Jahren, seit ich diesen Kontinent bereise, hat sich nicht viel verändert, auch nicht von den Lebensumständen her. Außer dass in den Großstädten mehr Menschen und mehr Verkehr sind, die Infrastruktur aber nicht mitwächst. Doch die Landschaft und die Tierwelt sind wunderschön.


Unlängst haben Sie Äthiopien besucht und waren beim Mursi-Stamm. Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht?

Die Mursi haben keine Vorstellung von der Welt, nicht einmal von Äthiopien, sie leben komplett abgeschieden, haben keine Schulen. Sie leben in einem Tal in mehreren Dörfern, insgesamt sind es ungefähr 4.000 Leute. Sie leben von Rindern. Das ist ihr Kapital und ihre Nahrung: Rinderfleisch und Rinderblut, dazu ein bisschen Getreide. Wenn ein Mann heiraten möchte, muss seine Familie den Brauteltern an die 70 Rinder geben und eine Kalaschnikow als Brautgeschenk. Eine Familie mit mehreren Burschen hat es schwer, deswegen heiraten manche erst mit 40 oder 50, weil sie nicht so schnell so viele Rinder auftreiben können. Das Leben der Mursi sieht so aus, dass die Frauen sich um die Kinder und das Essen kümmern und die Männer mit den Burschen oft mit den Rindern unterwegs sind. Sie haben keinen Strom, kein fließendes Wasser und glauben zum Beispiel nicht, dass, wenn die Sonne bei ihnen aufgeht, sie woanders auf der Welt untergeht.

 

Der Stamm der Mursi lebt komplett abgeschieden ohne Schulen, Wasser und Strom.

 

Was hat es mit den großen Tellern in den Lippen auf sich?

Die sind ein Schönheitsideal und werden von den Frauen selbst hergestellt. Bei den Mädchen wird nach der Pubertät die Unterlippe aufgeschnitten, die unteren Schneidezähne ausgeschlagen, dann wird die Unterlippe nach und nach gedehnt. Aber nicht mehr alle Mädchen lassen das heutzutage machen, einige aber doch, weil sie auch Geld damit verdienen. Die Touristen zahlen für jedes Foto. Im Alltag tragen die Frauen die Teller nicht immer, meist wenn sie den Männern das Essen servieren. Ein Mann hat mehrere Frauen und er interessiert sich auch nur dafür, wie viele Rinder und Frauen ein anderer Mann hat, das werden die Touristenführer auch manchmal gefragt.

 

Die Teller gelten als Schönheitsideale und werden von den Frauen selbst hergestellt.

 


Welche Stammrituale haben Sie noch erlebt?

Den „Rindersprung“ bei den Hamar (Anm.: ebenfalls ein Volk in Äthiopien). Da geht es darum, dass ein junger Mann eine Prüfung besteht, indem er vier Mal über eine Reihe dicht aneinandergestellter Ochsen läuft. Besteht er, wird er vom Jugendlichen zum Erwachsenen ernannt und darf eine Familie gründen. Das Ganze ist ein großes Fest, das mehrere Stunden dauert. Vor der eigentlichen Prüfung lassen sich Frauen von den werdenden Männern auspeitschen und zeigen ihnen dadurch ihre Zuneigung. Jegliche Versuche von außen, sogar von der Regierung, dieses Auspeitschen zu verhindern, lehnen die Hamar-Frauen ab, sie wollen an dieser Tradition unbedingt festhalten. Diese Stämme sind faszinierend, aber natürlich leben nicht alle in Afrika so. Afrikaner habe ich stets als sehr herzliche und freundliche Menschen erlebt.

Impressionen
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Wunderschöne Tierwelt im Kruger Nationalpark in Südafrika.
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Otti Reinfeld mit einem Touristenführer beim Mursi-Stamm in Äthiopien.
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„Ich habe die Afrikaner stets als herzliche und freundliche Menschen erlebt.“
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Eine Behausung der Mursi (Stamm in Äthiopien).
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„In den letzten 20 Jahren, seit ich Afrika bereise, hat sich der Kontinent nicht viel verändert, außer dass es mehr Menschen und mehr Verkehr gibt.“

Welches Erlebnis auf einer Ihrer Reisen ist Ihnen ebenfalls besonders in Erinnerung geblieben?

Marokko war eine sehr schöne Reise. Da wuselt es von Leuten. Wir waren eine Damenrunde und sind jeden Tag zum Souk (Anm: größter Basar in Afrika) in Marrakech gegangen. Dort habe ich mich wohlgefühlt, das war genau meine Welt. Die Farben, die Gerüche, das Lebendige.

 

Auf dem Souk in Marrakech wuselt es von Menschen und Waren. Gerüche, Farben und laute Stimmen prägen den Markt, der für Besucher ein soziales Erlebnis ist.

 


Haben Sie keine Angst, wenn Sie alleine reisen? Hatten Sie auch schon negative Erfahrungen?

Individualreisen mache ich oft mit Freunden oder der Familie, aber wenn ich niemanden habe, der mitfährt, dann reise ich alleine mit einer Gruppe, da schließt man sehr schnell Kontakte und Freundschaften. Ein extrem schlechtes Erlebnis hatte ich auf einer Reise noch nie. Es wurde mir noch nie etwas gestohlen, obwohl ich nicht der Typ bin, der sich alles doppelt umbindet. Ich bin offen und gehe gerne auf die Menschen zu.

 

Waren aller Art werden auf den Märkten in Marrakech angeboten.

 


Was ist das Besondere am Reisen?

Die Eindrücke kann einem kein Mensch wegnehmen. Viele sagen, das kann ich mir ja auch im Fernsehen ansehen. Aber wenn du das in natura siehst, ist das komplett anders. Als wir mit dem Ballon über die Pagoden von Bagan geflogen sind … ein wunderschönes Erlebnis. In Peru die alte Inkastadt, das ist eine andere Atmosphäre dort, das hat eine eigene Energie.

 

 

Die Pagoden von Bagan mit dem Heißluftballon überqueren, ein faszinierendes Erlebnis für Otti Reinfeld.

 


Was machen diese Erfahrungen auf den Reisen aus einem Menschen?

Man wird weltoffener. Es ist sehr schön bei uns in Österreich, aber nicht alle leben so wie wir und sind trotzdem glücklich. Gegenüber Fremden wird man toleranter. Das Reisen ist für mich einfach ein Lebensgefühl. Unsere Welt in Europa wird sich verändern, das werden wir nicht aufhalten können. Die Kulturen werden sich immer mehr vermischen, und das muss kein Nachteil sein.