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People | 28.03.2018

Soziologin, Frauenrechtlerin, Weltverbesserin:

Die Stegersbacherin Edit Schlaffer setzt sich mit „Frauen ohne Grenzen“ für die Stärkung mütterlichen Selbstvertrauens ein – und damit gegen Extremismus und Radikalisierung.

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"Ein wichtiges Motiv für mich: Sicherheit gibt mir weder ein Mann noch ein Job. Sie ist in mir.“ Edit Schlaffer © Emmerich Mädl

Es ist nach 13 Uhr, sie hat Termine am laufenden Band. Während der Fotograf sich einrichtet, nützt Edit Schlaffer die Zeitlücke – und löffelt aus einem Kaffeebecher Gemüse. „Ich hatte heute noch kein Frühstück“, sagt sie lächelnd und widmet sich anschließend zur Gänze ihrem Gegenüber. Weltweit sitzt die im Südburgenland aufgewachsene Soziologin und Frauenrechtlerin an Verhandlungstischen mit Regierungsmitgliedern, NGOs, Förderern.
Ihre Mission ist groß: Es geht um eine Sicherheitsstrategie „von unten“, wie sie sagt. Mit der Organisation „Frauen ohne Grenzen“ stellt sie international Mütterschulen auf die Beine; Mütter, die oftmals Angst haben, überhaupt zu den Versammlungen zu kommen, sollen gestärkt und gebildet werden, damit sie ihre Kinder vor potenzieller Radikalisierung bewahren. Das Antiterror-Programm genießt großes Ansehen; kürzlich wurde die 67-Jährige wieder ausgezeichnet, als „Europäerin des Jahres 2018“ vom Magazin Reader’s Digest. Edit Schlaffer winkt ab: „Die Anerkennung gebührt den Frauen in unseren Mütterschulen.“ Also teilt sie den Preis mit tschetschenischen und afgha­ni­schen Frauen bei der feierlichen Übergabe in Wien: in der Modern Art Gallery von Birgit Lauda, die sich mit ihrer Foundation der Unterstützung von (weiblicher) Kunst und „Frauen ohne Grenzen“ verschreibt.


BURGENLÄNDERIN: „Frauen ohne Grenzen“ – was steckt dahinter?

Edit Schlaffer: Wir gründeten die Organisation, als die „ersten“ Anschläge unser aller Leben veränderten. Wir wollten Frauen mobilisieren, vermehrt an Verhandlungen teilzunehmen, ihre Perspektiven einzubringen. Die Frage der Sicherheit war in männlichen Händen; aber sie wissen wenig darüber, wie Jugendliche rekrutiert  werden. Am nächsten sind die Mütter; dieses Potenzial müssen wir nützen. Wir führten damals eine Studie mit 1.000 besorgten Müttern von Jugendlichen in Ländern durch, die von Gewalt und Extremismus betroffen sind: Pakistan, Israel, Palästina, Nigeria, Nordirland. Es ging klar hervor: Mütter vertrauen einander, aber sie sprechen nicht über das Problem, weil es ein Tabu ist. Wir fragten sie, was sie brauchen. Die Antwort war: Bildung – um zu lernen, wie sie in heiklen Situationen mit ihren Kindern umgehen sollen, wie sie Anzeichen von Radikalisierung erkennen.

Der Beginn der sogenannten Mütterschulen?

Ich sah das Ergebnis als Bildungsauftrag. Wir konzentrieren uns auf zwei Pfeiler: Kompetenz und Selbstvertrauen. Wir Frauen werden weder für uns noch für die Gesellschaft etwas erreichen, wenn wir nicht selbstbewusst sind. Mütter sind oft der einzige Anker, der emotionale Halt. Emotion ist aber zu wenig. Wenn die Kinder nicht spüren, dass ihre Mutter informiert ist, dass sie den Überblick hat, werden sie sie lieben, sich von ihr versorgen lassen, aber alles, was sie wissen wollen, außerhalb des häuslichen Umfelds suchen. Die Rekrutierer haben ein System: Sie geben Jugendlichen Zeit, sie hören ihnen zu. Mütter sind oft in alle Richtungen zerrissen. Somit trainieren wir auch das aktive Zuhören. Wir haben in unseren Gruppen auch betroffene Mütter. Es zeigt sich: Es ist nie zu spät.

Mit den Mütterschulen sind Sie in elf Ländern aktiv, wie sieht das in der Praxis aus?

Wir gehen in gefährdete Gebiete, knüpfen Kontakte zu Sozialarbeiterinnen, zur Regierung vor Ort, suchen NGOs als Partner. Wir adaptieren unser Standard-Lehrmaterial mit Übersetzern und zukünftigen Lehrerinnen, gehen auf lokale Beispiele ein. Themen sind dann: Wer bin ich, wie präsentiere ich mich, wie finde ich einen Konnex zu meinen Kindern …

Die Frauen bekommen auch einen Abschluss …

Wir fingen mit kleinen Graduierungsfeiern an und sehen mittlerweile, welches Potenzial diese Zeremonie hat. In Indonesien haben die Organisatorinnen drei Dörfer mobilisiert und es gab einen Friedensmarsch der Mütter mit 1.400 Menschen, einem Kochwettbewerb, auf Stelzen tanzenden Kindern … In Skopje (Mazedonien, Anm.), wo es so kritisch ist, weil es hohe Zahlen an „Syrien-Reisenden“ gibt, waren die Frauen misstrauisch, sie trauten sich anfangs nicht zu sprechen. Zum Abschluss reichten wir das Mikrofon durch das Publikum, weil sich so viele Mütter gemeldet hatten, etwas sagen zu wollen. Was für eine Courage, was für ein Durchbruch!

Sie sprechen Mütter an, liegt die erzieherische Verantwortung einmal mehr nur bei den Frauen?

Genau das habe ich mir auch gedacht. Ja, die Mütter sind in erster Linie verantwortlich, sie haben die Nähe, Väter kümmern sich oft nicht. Wenn wir sie ansprechen, geht es um Maskulinität, um das Gefühl, als Versorger, Beschützer versagt zu haben. Ein heikles Terrain; viele wollen ja nicht einmal, dass ihre Frauen in die Mütterschulen kommen. Ein ganzes Kapitel unseres Programms widmet sich der Frage, wie man Väter inkludiert. Wir dachten uns: Selber werden wir mit den Vätern kaum etwas machen können. Da sind wir im indischen Teil von Kaschmir, in einer sehr armen Gegend, eines Besseren belehrt worden. Bei einer Graduierungsfeier hörten wir draußen plötzlich Aufruhr und Geschrei. Ich ergriff die Flucht nach vorne und habe die Männer hereingebeten. Es waren die Ehemänner und Brüder. Die Frauen waren zunächst erschrocken, aber die Männer waren vor allem neugierig und es kam zu einer positiven Diskussion.
Wir sind uns noch nicht sicher, ob wir das „Väterschule“ nennen: Aber es fand mittlerweile unsere erste Versuchsgruppe in Tirol statt.

Die Angst der Frauen ist aber leider oft berechtigt …

Das Problem der häuslichen Gewalt ist ein riesiges. Wir sehen viele Frauen, die betroffen sind. Das ist ein globales Phänomen, sonst hätten wir in Österreich keine Frauenhäuser. Aber: Je abhängiger eine Frau ist, umso ausgelieferter ist sie. Die Gefahr, dass sie misshandelt wird, wenn sie sich wehrt, wenn sie spricht, ist da, aber in den Mütterschulen wird auch die Widerstandskraft gestärkt, sodass diese Frauen nach Alternativen suchen, sich zusammenschließen. Eine Situation aus Sansibar: Eine Mutter kommt humpelnd zum Unterricht, weil ihr Mann sie geschlagen hat. Sie kommt trotzdem und bleibt dabei, weil sie die Unterstützung der anderen Mütter dringend braucht.

 

Impressionen
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SANSIBAR. E. Schlaffer in der Mütterschule.
Bild 1803_B_Le_Edit Schlaffer_MotherSchools in Zanzibar (beim MotherSchools Training)_image001.jpg
 
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GEEHRT. Von Michael Kallinger (Reader’s Digest), mit Birgit Lauda (B. LA Art Foundation).
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Edit Schlaffer im Gespräch mit Redakteurin Viktória Kery-Erdélyi.

Sie sind international viel unterwegs, jammern wir Frauen in Österreich „auf hohem Niveau“?

Nein. Denn wenn wir es nicht schaffen, ist es für die Frauen „dort“ hoffnungslos. Wir müssen alles mobilisieren, um für Gerechtigkeit zu sorgen. Frauen müssen an die Macht, an die Verhandlungstische, um ein anderes Klima zu schaffen. Wenn ein diverses Klima vorherrscht, wenn alle miteinbezogen werden, gibt es keinen Grund für extreme Auswüchse. Ich bin optimistisch: Wir sind an einer Wende, weil Frauen sich jetzt gezielt mit Missbrauch von Autorität und Macht auseinandersetzen.

Wie geht es Ihnen mit der #metoo-Bewegung?

Ausgezeichnet. Das sind tektonische Verschiebungen und nicht die Wehleidigkeit von irgendwelchen glamourösen Schauspielerinnen. Da bricht jetzt was auf, es ist wie ein Erdbeben!

Was braucht es, um mit typischen Rollenbildern zu brechen?

Mut, Unterstützung und auch eine gewisse Kompetenz. Ein wichtiges Motiv für mich ist immer schon gewesen: Die einzige Sicherheit gibt mir weder ein Mann noch ein Job, sie ist in mir.

Was ist die treibende Kraft in Ihnen für Ihr Engagement?

Soziale Neugierde. Meine Arbeit erlebe ich nicht als Last, sondern als Reise. Jedes Jahr ist anders. Als wir nach Sansibar zurückfuhren, stellten wir fest: aus den Mütterschulen sind Mütterzirkel geworden; die Frauen tragen das Gelernte nach dem Tupperware-Prinzip weiter. Sie bekommen ihr Kofferl mit Unterlagen, die Teilnehmerinnen werden „local leaders“.

Wohin geht die Reise?

Ich habe einen Traum, ich hoffe, ich habe genug Zeit dafür: Die Mütterschulen sollen eine Bewegung werden wie die SOS-Kinderdörfer.

Sie selbst sind Mutter; wie haben Sie den Alltag gemanagt, als Ihre Kinder klein waren?

Da muss man realistisch sein: Meine Schwiegermutter aus Kärnten zog bei uns ein, es unterstützten mich meine Mutter und eine Tante; wir hatten Au-pairs und es war keine Frage, dass mein Mann ein aktiver Vater sein muss.

Ist das eine Botschaft?

Ja. Wir Frauen müssen weniger nachgiebig sein. Besser eine echte Partnerschaft und Forderungen stellen als alles selber machen und dann missmutig ein privilegiertes Monster dulden. Wir Frauen dürfen nicht in die Emotionsfalle stolpern: Lieber eine erfreuliche Alternative als ein traditionelles Leben mit Fragezeichen. Am wichtigsten für uns: die Konsequenz, auf sich selbst zu schauen, auf sich zu hören.

 

Edit Schlaffer

 

… geboren 1950, wuchs bis zum sechsten Lebensjahr in Stegersbach bei ihrer Großmutter auf, lebte dann mit ihrem Bruder und ihren Eltern in Eisenstadt. Sie studierte Soziologie, macht sich seit den 1980ern für die Rechte von Frauen stark. 2001 gründete sie die internationale Organisation „Frauen ohne Grenzen“, für die sich heute sowohl ihr Mann Ulrich Kropiunigg, Professor für Medizinische Psychologie, als auch ihre erwachsenen Kinder engagieren. Rafael Kropiunigg, 29, machte seinen Doktor in Oxford, Cambridge, in Moderner Geschichte/Holocaust Studies. Laura Kropuinigg, 31, studierte in England Physik und arbeitete unter anderem in den USA in der Industrieberatung. Edit Schlaffer schrieb eine Vielzahl lesenswerter Bücher, die vor allem darauf abzielen, das Selbstvertrauen von Frauen zu stärken. Sie lebt heute in Wien, hat aber eine Vision: von einem „alten kleinen Haus mit einer Wiese im Burgenland“.

Fotos: Emmerich Mädl, Rafael Kropiunigg, Frauen ohne Grenzen