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People | 30.04.2018

Das Heute durch das Gestern erklären

… das ist die Motivation, die die Wahlburgenländerin Barbara Glück an ihrem unsagbar geschichtsträchtigen Arbeitsplatz antreibt.

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Barbara Glück © Vanessa Hartmann

Sie war erst 27, als sie die Leitung der Gedenkstätte eines Ortes übernahm, an dem rund 190.000 Menschen inhaftiert waren (inkl. Außenlagern) und wo mindestens 90.000 davon gestorben sind. Die heute 39-jährige Barbara Glück ist seit 2005 Leiterin der Gedenkstätte Mauthausen mit all seinen Außenlagern und wohnt seit rund einem Jahr in Donnerskirchen, von hier aus pendelt sie zwischen Burgenland, Wien und Oberösterreich. Mit uns sprach die Mutter zweier Söhne (1 und 7) über die Aufgabe, an einem der traurigsten Orte Österreichs zu arbeiten und gleichzeitig so positiv und motiviert in die Zukunft zu blicken.

Einige Menschen stehen dem Gedenken kritisch gegenüber und wollen die Vergangenheit ruhen lassen. Warum ist es wichtig, diese immer wieder aufzurollen?

Es kommt immer wieder die Aussage: „Kann man nicht endlich mal damit aufhören?“ Ja, das wär super, wenn’s keinen Antisemitismus mehr gäbe, keinen Hass gegen Minderheiten, dann könnte man damit aufhören. Wenn man über Vergangenheit redet, kann man aufzeigen, wohin Ausgrenzung und Alltagsrassismus führen können. Die Menschen stumpfen ab, schauen nicht mehr hin, es wird normal.

Großen Wert legen Sie auf die Zusammenarbeit mit Schulen. Wie nehmen Jugendliche das Thema an?

Die jungen Menschen werden oft unterschätzt, welche Bezüge sie herstellen können. Wir erzählen ihnen die Geschichte von Menschen, die einerseits Handlungsoptionen hatten, und von anderen, die in Ohnmachtssituationen hilflos waren, und dann noch über deren Umfeld. Was hat es bedeutet, dass Menschen gegenüber vom Steinbruch wohnten und jeden Tag dorthin geschaut haben? Dann kommt sofort: „Aber dann müssen die ja etwas gesehen haben, wieso haben die nicht geholfen?“

Wie erklären Sie das dann?

Auf diese Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Das ist oft auch frustrierend für Besucher, Erwachsene und Jugendliche, wenn sie mit mehr Fragen nach Hause gehen, als sie zu uns gekommen sind – doch genau das regt zum Nachdenken an. Gedenken muss in die Zukunft gerichtet sein. Wir fragen die Jugendlichen, die zu uns kommen: Was gedenkst du zu tun? Für dich, für deinen Alltag, für dein Leben? Da geht’s nicht darum, die Welt zu retten, sondern im persönlichen Umfeld, in der Klassengemeinschaft bezüglich Ausgrenzung und Alltagsrassismus aufmerksam zu sein. Es geht um Herzensbildung, Thematisieren von Menschenrechten.

Sie waren erst 27, als Sie die Leitung der Gedenkstätte Mauthausen übernahmen, waren davor Lehrerin. Was hat Sie dazu bewogen, sich zu bewerben?

Geschichte und vor allem das Vermitteln von Geschichte interessierte mich schon immer. Ich wollte immer erklären, warum etwas passiert, die Hintergründe selber recherchieren und dann auch weitergeben. Man kann das Heute nur durch das Gestern erklären.

Sie haben das Konzept der über 40 Jahre alten Ausstellung in der Gedenkstätte komplett neu überarbeitet, nicht ganz ohne Befangenheit. Wa­rum?

Die alte Ausstellung wurde in den 1960er-Jahren vom Überlebenden Hans Maršálek erarbeitet. Als ich übernommen habe, war mir klar, dass ich eine neue Ausstellung entwickeln möchte, weil sie nicht mehr den neuesten wissenschaftlichen und pädagogischen Standards entsprach. Aber es hat geheißen, das kannst du nicht machen, das hat ein Überlebender gemacht. Schließlich habe ich Maršálek besucht und mit ihm über meine Pläne gesprochen. Er sagte: „Gott sei Dank, dass ich das noch erleben darf.“ Das war für uns alle eine große Motivation. Leider ist er ein paar Monate vor der Eröffnung 2013 gestorben.

Was war eines der prägendsten Ereignisse in den letzten 13 Jahren?

Es gab so viele, gerade mit Überlebenden. Wir haben in der Ausstellung ein Schachspiel mit aus Holz gefertigten Figuren. Bei der Überlieferung der Geschichte ist jedoch verloren gegangen, wer es gemacht hat. Wir wussten nur, dass es im Lager angefertigt wurde, und das stand auch auf dem Schild, mehr nicht. Eines Tages  kommt plötzlich ein älterer Mann zu uns und sagt: „Mein Name ist Pál Ferenczi und ich bin Überlebender von Mauthausen. Ich habe gehört, ihr habt eine neue Ausstellung, und wollte einfach nur wissen, ob es mein Schachspiel noch gibt.“ Wir haben gemeinsam seine Geschichte aufgearbeitet und er hat das Schild mit seinem Namen selbst in die Vitrine neben das Spiel gestellt. Heute kommt er regelmäßig, um sich sein Schachspiel anzusehen.

Warum ist es wichtig, die Geschichte aufzuarbeiten?

Es ist unsere eigene Geschichte. Wenn wir uns nicht damit auseinandersetzen, wer tut es dann? Wenn wir es nicht machen, holt sie uns irgendwann ein, davon bin ich überzeugt. Man hat es ja gesehen, als Österreich sich jahrzehntelang als erstes Opfer dargestellt und sich auf diese Geschichtserzählung verlassen hat. Wie hart und mühsam der Weg nachher war, die Geschichte tatsächlich aufzuarbeiten, das betrifft uns heute noch.

Welche großen Projekte haben Sie in der Gedenkstätte noch realisiert?

Unser größtes Forschungsprojekt hat über 10 Jahre gedauert, da ging es um die namentliche Erfassung all jener, die verstorben sind. Nach dem Krieg wurden alle Dokumente auf der ganzen Welt verstreut, in Österreich hat man sich nicht gekümmert. Das war ein Riesenprojekt, alles zusammenzutragen, wir wissen heute von der Mehrheit der Menschen, die in Mauthausen inhaftiert waren, die Namen. Somit konnten wir auch rund 81.000 Namen von Menschen, die in Mauthausen oder einem seiner Außenlager verstorben sind, erfahren. Seit 2013 haben wir schon wieder mehr als 3.000 zusätzlich recherchiert, indem sich neue Quellen erschlossen haben.Wir arbeiten auch eng mit anderen Gedenkstätten, z. B. Auschwitz-Birkenau, zusammen. Das Projekt läuft weiter, es ist wie ein Puzzle, das sich immer mehr vervollständigt.

Welche Bedeutung haben die Gedenkjahre für Ihre Arbeit?

Natürlich sind wir dankbar für diese Gedenkjahre, die müssen wir nützen. Unser Anliegen ist es aber, dass man sich auch unabhängig von Jahrestagen und Gedenkjahren mit der Geschichte auseinandersetzt. Wir haben es uns über die Jahre hinweg, muss ich selbstkritisch anmerken, gemütlich gemacht und haben gewartet, bis die Menschen zu uns kommen. Dann erreichen wir aber auch nur jene, die zu uns kommen wollen. Aber unsere Aufgabe ist eine viel größere. Wir müssen hinausgehen und das Wissen, das wir haben, denen nahebringen, die vielleicht noch gar nicht damit in Berührung gekommen sind.

 

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Die Leitung der Gedenkstätte Mauthausen ist für sie nicht nur ein Job: „Ich möchte den Menschen etwas mitgeben, ihnen Augen und Ohren öffnen.“ © beigestellt

Gibt es auch Besucher, die Schaden anrichten, die Gedenkstätte beschmutzen oder die Taten von damals verherrlichen?

Die überwiegende Mehrheit kommt, um der Opfer zu Gedenken oder um aus der Geschichte des Ortes etwas für die Zukunft zu lernen. In meinen bald 13 Jahren ist es drei Mal passiert, dass die Außenmauer beschmiert wurde, und einmal wurde die Webseite der Gedenkstätte durch Hacker angegriffen.

Wie viele Besucher kommen jährlich zu den Gedenkstätten?

2017 hatten wir 250.000 Besucher, das ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. In Gedenkjahren haben wir natürlich einen enormen Anstieg. Die Hälfte der Besucher kommt aus dem Ausland. Sie müssen bedenken, die Häftlinge kamen aus über 40 Nationen.

Wie kam es dazu, dass Sie als Wienerin, die großteils in Oberösterreich arbeitet, ins Burgenland gezogen sind?

Uns hat es immer wieder aus der Stadt hinausgezogen, vor allem an den Wochenenden. So kam es, dass wir uns ein Haus für das Wochenende im Burgenland gesucht haben, und sind in Donnerskirchen fündig geworden. Kurz danach haben wir uns an einem Sonntagabend angeschaut und gefragt: „Und wieso müss ma jetzt nach Wien fahren?“ Dann ist die Entscheidung relativ schnell gefallen. Die Lebensqualität ist hier einfach besser, für die Kinder ist es ein Paradies. Mein Sohn hat sich in der Schule auch sehr schnell eingelebt.

Was tun Sie, um abzuschalten und Ihre Gedanken nicht mit nach Hause zu nehmen? Wie gehen Sie persönlich mit den Erlebnissen um?

Zur Ruhe komme ich am besten in meinem Garten in Donnerskirchen. Ich hab so eine innere Überzeugung und Motivation für diese Arbeit. Das ist für mich nicht nur ein Job, sondern eine positive Aufgabe, weil ich Menschen etwas mitgeben und die Augen und Ohren öffnen möchte. Viele der Überlebenden sagen: „Bitte, passts ma auf die Jugend auf, vergessts ma die Jungen nicht.“

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Redakteurin Nicole Schlaffer mit Barbara Glück beim Gedankenaustausch in der Mole West. © Vanessa Hartmann