Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 01.05.2018

Wir lachen & weinen

Ministerin Juliane Bogner-Strauß und ihre Mutter Juliane Strauß im Gespräch über Kindheitsabenteuer und Rollen­vorbilder, frühe Selbstständigkeit und unterschiedliche Karrieren, Butterseiten und das emotionale Band.

Bild 1805_ST_ME_Bogner_Stra.jpg
© Erwin Scheriau

Juliane Bogner-Strauß ist im südsteirischen Steinbach bei Gamlitz aufgewachsen. Ihre Brüder Gustav und Karl jun. führen das Weingut Strauss vulgo Schopper. Die Ministerin für Frauen, Familien und Jugend lebt mit ihrer Familie – Ehemann Erik Bogner, dem sechsjährigen Artur, der neunjährigen Johanna und Patchworksohn Julian (18) – in Graz. Die Molekularbiologin war zuletzt Vize-Leiterin am Institut für Biochemie an der Technischen Universität Graz. Mama Juli-ane Strauß blieb ein höherer Bildungsweg versagt. Ihre Arbeitskraft wurde auf dem elterlichen Bauernhof gebraucht, sie war früh dreifache Mutter und -baute mit ihrem Mann das Weingut aus. Wir baten die zwei zum gemeinsamen Blick zurück und nach vorne.

STEIRERIN: Wie sind Sie groß geworden, Frau Strauß?

Juliane Strauß: Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, wir waren sieben Kinder, es war nicht einfach. Ich hätte schon einen Lehrplatz in einem Kauf- und Gasthaus gehabt, aber der Vater hat gesagt: „Daheim haben wir genug Arbeit.“ Also musste ich zu Hause bleiben. Im Winter, wenn weniger zu tun war, bin ich in die Haushaltungs- und Berufsschule gegangen. Ich habe mich durchgekämpft, früh meinen Mann kennengelernt und geheiratet.
Juliane Bogner-Strauß: Mit 20 Jahren hattest du bereits drei Kinder: mich und meine zwei jüngeren Brüder. Wir sind alle innerhalb von nur 22 -Monaten geboren worden.
JS: Ja, ihr seid fast wie Drillinge gewesen, daneben haben wir den Betrieb aufgebaut. Der Vater war zuerst sehr enttäuscht, dass das erstgeborene Kind ein Mädchen ist, allerdings nur im Spital. Später war das kein Thema mehr.


Wie haben Sie die Kindheit im Weingut erlebt, Frau Minister?

JBS: Draußen sein und eine Gaudi haben, das sind meine Erinnerungen. In der Umgebung gab es viele Kinder im gleichen Alter, das war ein Riesenspaß. Wir hatten viele Freiheiten, heute ist alles oft sehr überbehütet.
JS: Gerade erst hat mir ein alter Herr – er war damals bei uns Landarbeiter und ist jetzt 87 Jahre alt – -erzählt, dass er dir immer nachgelaufen ist, wenn du allein zum Bach wolltest.
JBS: Ja, ich war früh selbstständig. Man könnte auch sagen: stur.
JS: Mit sieben, acht Jahren hast du schon selbst Wein verkauft und dem Wirt, der später mit dem Papa verrechnen wollte, gesagt, dass es dir lieber wäre, er würde gleich bezahlen.

Eine Frage des Charakters oder das Ergebnis der Sozialisation im Betrieb?

JBS: Es war eine Mischung. Bei uns hat jeder alles tun müssen und -getan. Holz für den Tischherd bringen oder Milch beim Nachbarn holen, das war der Alltag. Ob man ein Mädchen oder ein Bub war, war egal. Bis ich zehn Jahre alt war, war ich auch nicht als Mädchen zu erkennen.

 

Bild 1803_W_BognerStrauss-6.jpg
© Erwin Scheriau

Welches Role Model war Ihre Mama?

JBS: Man kann das ja immer
nur im Nachhinein sehen. Mama hat viel gearbeitet, Wein zugestellt, war
im Weingarten unterwegs. Aber wir -haben es ja nicht anders gekannt. Was man vermissen könnte, weiß man ja nur aus Erzählungen von anderen. Diese Diskussion finde ich heute ein bisschen aufgesetzt. Gleichberechtigung wurde mir vorgelebt, das war
der Normalzustand. Ich habe so weitergemacht.

Wie hat Sie Ihre Internatszeit bei den Ursulinen in Graz geprägt?

JSB: Es gab schon ein strenges -Regelwerk. Ich denke, das war auch gut, um in eine Routine zu kommen. Das nimmt Emotionalität heraus. Es war eine tolle Zeit. Ich hatte eine großartige Chemielehrerin, viele aus unserer Mädchenklasse haben den Weg in die Naturwissenschaften gewählt.
JS: An den Wochenenden haben wir dich immer aus dem Internat heimgeholt. Dann hast du bei der Hausarbeit geholfen und gekocht.
JBS: Das ist leider kein Scherz (lacht). Andere haben abends im The-ater oder Café gearbeitet. Es war schon okay für mich, dafür wurden mir der Schulbesuch und später das Studium finanziert. Im Sommer hatte ich viele Freiheiten und war mit Interrail unterwegs, das erste Mal mit 16.

Sie als Mutter waren nicht besorgt?

JS: Doch.
JBS: Aber ich war immer extrem vernünftig, das muss man sagen (fragender Blick der Mutter, beide lachen). Na ja, du hast immer gewusst, ich komme auf alle Fälle wieder zurück. JS: Das stimmt allerdings.
JBS: Nachdem ich mit 17 bereits -allein in einer Wohnung in Graz
gelebt habe, musste ich Selbstdisziplin schon früh lernen. Meine Eltern haben ja kein Gymnasium oder Studium absolviert, sie kannten das System gar nicht. Sie wussten nie, wann Prüfungen waren oder ob ich sie geschafft habe, ich -musste keinen Rapport erstatten.

Bild 1803_W_BognerStrauss-5.jpg
© Erwin Scheriau

Was war und ist Ihnen beiden in der Erziehung wichtig?

JS: Ehrlichkeit, Freundlichkeit, Toleranz – und auf dem Boden zu bleiben. 
JBS: Wir konnten immer zu euch kommen, auch wenn wir etwas angestellt hatten. Heute haben Eltern manchmal eine übermoralische Vorstellung. Ich denke, Kinder müssen Erfahrungen durchaus selbst machen.

Der familiäre Zusammenhalt ist ein hoher Wert im Hause Strauß?

JBS: Ja. Wir verstehen uns alle sehr gut. Meine Kinder und die meiner Brüder sind eine Mega-Rasselbande. Wenn wir alle zu Hause sind, bekommt die Oma schon Stress. Aber wir Eltern sind da schmerzbefreit. So akribisch mein Mann bei seiner Arbeit ist, so tiefenentspannt ist er in der Erziehung. Wir diskutieren manchmal darüber, ob wir zu entspannt sind (lacht).
JS: Ich gehe jede Woche zu meinem Heimathaus, wo mein älterer Bruder lebt, in Grubtal bei Gamlitz. Sonst fehlt mir etwas.
JBS: Eigentlich bin ich mit Mitte 40 jetzt wirklich auf die Butterseite
gefallen (lacht). Jetzt kocht die Mama öfter für mich, früher habe ich das -gemacht, oft gemeinsam mit meinen Schwägerinnen. Wenn es mir nicht -gelungen wäre, eine unbefristete Stelle auf der Uni zu bekommen, wäre eine Vinothek und Schman-kerlstube eine Option für mich gewesen. Ich bin aber froh, dass ich meinen Weg gegangen bin. Da ist überhaupt keine Wehmut.

Was bedeutet die Karriere Ihrer Tochter für Sie, Frau Strauß?

JS: Stolz. Freude. Und ein bisschen Sorge, ob familienmäßig alles gutgeht, wie alles mit den Kindern gut gemeistert werden kann. Über den Weg in
die Politik war ich am Anfang, als du für den Nationalrat kandidiert hast, aber nicht ganz glücklich.
JBS: Deine Sorge war vor allem der Zeitaufwand.
JS: Ja, die Arbeit an der Uni war schon so intensiv. Es ist auch nicht leicht, mit persönlichen Angriffen umzugehen?
JBS: Als Politikerin ist man halt eine öffentliche Person, da gibt es immer Kritik. Was man gut macht, wird schnell vergessen, was man schlecht macht, hängt lange nach.
JS: Das hat auch Papa als Gemeinderat und Vizebürgermeister erlebt.
JBS: Ich habe ja auf der TU Graz
in einer Männerdomäne gearbeitet. Da gab es oft Debatten und ich habe -gelernt, hart in der Sache zu sein, Emotionen aber hintanzustellen. Zuerst wird diskutiert, dann geht man ein Glas Wein trinken. In der experimentellen Wissenschaft habe ich damit umzu-gehen gelernt, dass viele Dinge nicht funktionieren und man daher einen ande-ren Weg als geplant gehen muss.

 

Bild 1803_W_BognerStrauss-4.jpg
© Erwin Scheriau

Wie gelingt der Spagat zwischen Wiener Politparkett und Grazer Familien-leben?

JSB: Ich war als Wissenschaftlerin auch schon viel unterwegs, insofern hat sich da nicht so viel geändert. Die Zeiteinteilung war selbstbestimmter, das schon. Ich nutze auch das Homeoffice.

Wie definieren Sie Ihre Mutter--Tochter-Beziehung?

JSB: Extrem freundschaftlich.
JS: In deiner Pubertät war es zwischendurch schon etwas schwierig.
JSB: Schwierig ist untertrieben. Das ging zwei bis drei Jahre so. Schlagartig geändert hat es sich, als du mir
das Leben gerettet hast. Ich hatte mit
15 nicht die diagnostizierte Sommergrippe, sondern eine Gehirnhautentzündung. Du bist intuitiv mit mir ins Krankenhaus gefahren und ich bin vom Schäufelchen gesprungen. Wenn wir jetzt eine Diskussion haben …
JS: … dann bin ich halt still. Was soll man gegen eine Ministerin sagen?

Was wünschen Sie sich für sie?

JS: Dass sie bleibt, wie sie ist. Und dass wir immer gemeinsam lachen und weinen können.