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People | 25.05.2018

Von der Gesellschaft verurteilt

16 Kinder, die von der Gesellschaft gebrandmarkt wurden, mit einer Mutter ohne Träume. Roswitha Jilg-Hübner rollt für uns ihre berührende Familiengeschichte auf.

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"Ich bin stolz darauf, in diese Familie geboren worden zu sein: ohne Luxus, Privilegien, Protektion und Arschkriecherei." Roswitha Jilg-Hübner. © Barbara Amon

Sie hat 16 Kinder zur Welt gebracht. Theresia Hübner wäre heuer im Mai 120 Jahre alt geworden, doch sie starb bereits 1966 mit 68 Jahren. Eine ihrer Enkelinnen trägt nun die Familiengeschichte zusammen und erzählt, wie sehr sie als Kind unter der Stigmatisierung ihrer Familie  gelitten hat: Roswitha Jilg-Hübner ist eine von 148 Nachkommen von Theresia und Ferdinand Hübner aus Eisenstadt. Die Familie kämpfte gegen Vorurteile, Armut und Schikanen.


Euthanasie-Wahnsinn.

Theresia Hübner wurde 1898 geboren und bekam mit 17 Jahren ihr erstes Kind, mit 42 ihr letztes. In diesen 25 Jahren machte die Frau 15 Schwangerschaften durch (ein Zwilling starb bei der Geburt und ein Säugling wenige Monate nach seiner Geburt). 14 Kinder zog sie mit ihrem Mann Ferdinand groß. Ihre erste Tochter, Theresia (siehe Familienbild unten hinzuretuschiert), nahmen ihr jedoch die Nationalsozialisten. Sie wurde als „psychisch krank“ in eine Anstalt nahe Wien eingewiesen und starb dort 1945 mit 30 Jahren im Rahmen des Euthanasieprogramms der Nazis. Erhalten hat Theresia Hübner von der nationalsozialistischen Herrschaft das Mutterkreuz in Gold, weil sie mehr als 8 Kinder hatte.

 

Die Familie Hübner – Aufnahme aus den 1960er-Jahren mit Mutter Theresia (ganz vorne in Schwarz) und Vater Ferdinand (ebenfalls vorne in Schwarz).

 


148 Nachkommen.

„Ich habe mich oft gefragt, was in meiner Omama vorgegangen ist in ihrer Jugend“, diese und viele weitere Gedanken beschäftigen Roswitha Jilg-Hübner stark. Als Enkeltochter hat die 65-Jährige ihren Großvater noch gut in Erinnerung. Ferdinand Hübner war als Trommler und Leichenbeschauer in Eisenstadt bei der Bevölkerung bestens bekannt, Leute gaben ihm Essen, wenn er ihnen die neuesten Nachrichten überbrachte, luden ihn auch auf das ein oder andere Glas Schnaps und Wein ein. Den Alkohol trank er, das Essen brachte er nach Hause zu seiner Familie – in ein Miet-Haus am sogenannten „Oberberg“. An Nahrung fehlte es dort also nie, gekocht wurde in riesengroßen Töpfen, Schuhe gab es nur im Winter und geschlafen haben mehrere Kinder in einem Bett. Die größeren Kinder mussten natürlich fleißig mithelfen, sowohl im Haushalt als auch bei der Erziehung der kleineren.“ Rauswurf. Ihre Oma sei eine sehr ruhige und bescheidene Frau gewesen, erzählt uns Roswitha. Sie selbst habe vieles aus ihrem Leben erst innerhalb der letzten 10 Jahre erfahren – und zwar von ihrer „Emmi Tant“, eines der vier noch lebenden Kinder der Hübner-Familie, mittlerweile 89 Jahre alt. Diese beschrieb ihre Mutter als eine Frau, die kaum auf der Straße war. „Sie war immer zu Hause, weil immer war irgendwer da, der was gebraucht hat. Sie war geduldig und aufopfernd. Außer Familie gab es für sie nichts. Sie hatte null Interessen.“ Unter anderem eine Folge der vielen Kinder war auch der körperliche Verfall. Roswitha erinnert sich an ihre Oma nur noch im Rollstuhl bzw. bettlägerig. „Sie hat keinen Lärm mehr ertragen. In beiden Händen hielt sie immer ein Taschentuch, weil sie so gezittert hat. Wenn es mal lauter wurde, hat sie zu wimmern begonnen, das hat sie einfach nicht ausgehalten. Ich frage mich oft, welche Ängste und Wünsche sie hatte. Als sie starb, sah sie aus wie weit über 80, obwohl sie erst 68 war.“ Dazu beigetragen haben sicher auch die Erlebnisse, die die Familie durchstehen musste. Zum Beispiel als der Eigentümer ihres Hauses sie delogierte. „Als sie vor die Tür gesetzt wurden, waren schon alle Kinder auf der Welt, aber nicht mehr alle zu Hause. Sie wurden in einen großen Saal übersiedelt, dorthin, wo heute die Bauernschule ist. Dort drin hat man Gestelle aufgestellt und mit Leintüchern abgetrennt, damit ‚Räume‘ entstanden. Einige der erwachsenen Kinder haben heftig gegen diese Delogierung protestiert und sich sogar mit der Polizei angelegt.“ Mehrere Jahre wohnten Theresia und Ferdinand Hübner mit 5 ihrer jüngsten Kinder in der Notunterkunft, bis sie dann in eine kleine Gemeindebauwohnung in die Ruster Straße umzogen, wo sie bis zu ihrem Tod (Theresia 1966, Ferdinand 1976) lebten und von ihrer Tochter Christl gepflegt wurden.


Hübner-Gsindl.

„Mein Vater und seine Geschwister waren so zufriedene und bescheidene Menschen, das gibt es heute kaum mehr. Die haben sich gegenseitig so richtig aufgefangen. Und sie waren nicht dumm, alle haben einen Beruf erlernt, sind einer ehrbaren Arbeit nachgegangen und waren fleißig. Aufgrund ihrer Armut konnten sie jedoch nie ihre gesamten Möglichkeiten ausschöpfen und sind immer als ‚Hübner-Gsindl‘ abgestempelt worden“, berichtet Jilg-Hübner.
Sie erinnert sich noch gut an ihre eigene Kindheit. Lange Zeit litt sie unter den Vorurteilen und der Stigmatisierung ihrer Familie. „Eisenstadt war damals eine Beamtenstadt und ich war ein Arbeiterkind und stammte vom Hübner-Gsindl ab. Mein Vater war gelernter Maler, meine Mama arbeitete in einem Kaufhaus und putzte bei anderen Leuten, wir waren vier Kinder und wir waren arm. In meiner Klasse waren viele Beamten- und Arztkinder, die wollten nichts mit mir zu tun haben. Das Schlimmste aber war, dass ich die Armut an meiner Person gespürt hab, ich hab immer eine Schuld in mir getragen.“

 

So hat Roswitha Jilg-Hübner ihre Oma in Erinnerung: im Rollstuhl und viel älter, als sie tatsächlich war.



Einfach nur funktioniert. Von der damaligen Armut ist heute nichts mehr übrig. Roswitha Jilg-Hübner hat sich in ihrem Leben hochgearbeitet, eine beruflich erfolgreiche Karriere hingelegt und lebt mit ihrem Mann in Bayern und in ihrem Ferienhaus auf Portugal. Ihre Tochter lebt in Rust und auch Roswitha möchte ihren Lebensabend hier verbringen. Und doch weiß sie, dass von den alten Vorurteilen noch viel in den Köpfen der Leute steckt. „Dabei geht es doch gar nicht darum, ob du arm oder reich bist, sondern dass du emotionale Intelligenz besitzt und dich durchkämpfen kannst.“ Für ihre Tochter Claudia war sie immer da, obwohl der Beruf und der Umzug nach Deutschland ihr Leben nicht immer einfach machten. Denn das konnte ihre Oma Theresia für ihre Kinder nie sein. „Emmi und Christl Tant sagen, sie haben nie mit ihrer Mutter gesprochen, wie eine Tochter normalerweise mit ihrer Mutter spricht. Das haben sie alles mit ihren Schwestern gemacht. Sie glauben, dass ihre Mutter gar keine Träume und Wünsche hatte, sie hat einfach nur funktioniert.“ Roswitha Jilg-Hübner wird ihre Familiengeschichte in einem Buch an die Öffentlichkeit tragen, das Ende 2018 erscheinen soll und mit dem sie ihre Oma im Jahr ihres 120. Geburtstages besonders würdigen möchte. „Trotz der Schwierigkeiten in meiner Kindheit, bin ich sehr stolz darauf, in diese Familie geboren worden zu sein und das alles erfahren und erlebt haben zu dürfen: Armut ohne Privilegien, ohne Protektion und Arschkriecherei. Intellekt drückt sich nicht nur durch ein langes Studium aus, sondern durch ein noch längeres, vielseitiges Sein.“

 

Redakteurin Nicole Schlaffer mit Roswitha Jilg-Hübner im Garten ihrer Tochter in Rust.