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People | 06.08.2018

Homecoming unterm Taubenkobel

In der Cselley Mühle nahm David Kleinls Multimedia-Karriere ihren Anfang. Im August erzählt er dort ein ungewöhnliches Märchen und uns vorab von einer Bauchlandung und Höhenflügen.

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© Vanessa Hermann

Es war einer dieser schmerzhaften Rückschläge, die vom Weg abbringen können, wenn man erst den familiären Schoß verließ. Die Formation „Charmant Rouge“ hatte ein Festival namens „Synart3“ auf die Beine gestellt. „Ich ließ größenwahnsinnig 16-Bogen-Plakate produzieren. Wir hatten das Bedürfnis, mindestens so groß an der Straße zu hängen wie die Seefestspiele“, lacht David Kleinl. Es war ein Happening mit Musik, Videoinstallationen, Performancekunst, die Cselley Mühle in Oslip pulsierte. Trotzdem: Die erhofften Subventionen blieben aus. „Die Technik musste bezahlt werden, ich war 19 und bin finanziell so richtig auf die Gosch’n gefallen. Es kamen die Anwaltbriefe, das war furchtbar. Wir haben alles eineinhalb Jahre lang abgestottert.“

Zum Interview treffen wir uns in der Cselley Mühle – gute 20 Jahre später. Dort wird David Kleinl im August mit der Ausnahmepianistin Clara Frühstück einen ungewöhnlichen „Märchenabend“ zelebrieren (siehe Info). Dort, unter dem Taubenkobel und drohenden Gewitterwolken, blicken wir auf schillernde Zeiten mit ausverkauften Tanz Baby!-Konzerten und Musikvideos für Künstlerkollegen wie Bilderbuch oder Ankathie Koi zurück. Nein, David Kleinl, der schon mit 14 von Eisenstadt nach Graz „zog“, um einen kreativen Weg einzuschlagen, ließ sich nicht vom Weg abbringen …

 

BURGENLÄNDERIN: Kürzlich wurden die Schlepper verurteilt, die für die Pannenbucht-Tragödie an der A 4 verantwortlich waren. Du hast eine packende Medienarbeit dazu gemacht.
David Kleinl: Thema des Kunstsymposiums in der Cselley Mühle („eu-art-network“) war 2016 „Fluchtpunkt Europa“. Ich habe tagelang ORF-Material gesichtet und geschnitten. Dann war da dieser Bericht vom 27. August 2015; Andreas Riedl war der Gestalter, Max Hofhansl der Kameramann. Du siehst den Lkw, die Forensiker – einen Zoom zur Laderampe und wie es raustropft auf diesen Fleck am Boden … (Verwesungsflüssigkeit aus der Ladefläche, Anm.) Zwei Sekunden lang. Das ist irrsinnig unangenehm anzuschauen und ich habe mir sofort gedacht: Das ist so arg, ich werde nichts gestalten. Das ist Fluchtpunkt Europa: der stetige Tropfen. Ich habe daraus einen Videoloop gemacht, also die Sequenz mehrfach aneinander gereiht, das kriegt dadurch eine Vehemenz in der Zeit, es wird zur temporären Skulptur.

Mit der Mühle verbindet dich viel: du bist hier 1994 mit der ersten Band „Brackish Gargle“ aufgetreten; später ging daraus „Charmant Rouge“ hervor. Ihr habt performt und wurdet auch Veranstalter – mit mutigen Ideen. Wer hat euch da so tun lassen?
Robert Schneider (er gründete 1976 mit Sepp Laubner die Mühle als Künstlertreff, Anm.) hat gemerkt: Uns geht es nicht nur um Party, wir wollen Kunst machen. Bis 1999 war der Freitag unser Herzensprojekt, das „Cabaret Charmant“, in Anlehnung an das „Cabaret Voltaire“ der Dadaisten. Wir hatten schräge Bands, Literatur- und Film-abende. Manchmal kamen nur 15 Leute, dafür wussten wir samstags bei unseren Partys nicht, wohin mit ihnen. Wir haben damit unsere Freitage finanziert, aber es hat uns angezipft. Was war das schon?! Leg FM4-Charts auf und die Leute springen dazu he-rum. Das war wie ein Zeltfest – und das war der Feind (lacht). Heute, wenn ich als DJ Johnny Love auflege, liebe ich die Unterhaltung. Aber damals war für uns wichtig, dass man sich gegen das leicht Konsumierbare stellt. Intellektuell sein war sexy.

Nach der Matura an der Ortweinschule Graz, einer HTL für Kreative, hast du in Wien an der „Angewandten“ Medienkunst studiert. Welche Richtung hast du eingeschlagen?
Ich habe nicht das gemacht, was gerade en vogue war – wie Internetkunst. Eines meiner Projekte war: obdachlos im Jahr 2000. Ich hatte eine Videokamera in ein Bahnhof-Schließfach gesperrt und etwas gemacht, das man heute Blog nennen würde. Ich wollte wissen, wie das geht, wenn ich mich durchschnorren, mir die Nächte um die Ohren schlagen muss. Danach habe ich meine Erfahrungen auf einer Website veröffentlicht.

 


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Smartphone-Video-Tipps

Zwei Tage dauert ein Smartphone--Video-Workshop bei David Kleinl, ein paar Tipps haben wir ihm abgeluchst:

• Für möglichst gute Tonqualität steckt man am besten sogenannte Lavalier-mikrofone an (schon ab circa 10 €) oder nützt das Headset-Kabel als Mikro.
• Nützlich gegen Wackelbilder sind Stative (kleine gibt es schon ab 6 €), wenn man keines zur Hand hat: eine Wand als Stativ zum Fixieren verwenden.
• Schönes Insert für Videos aller Art: Das Handy hinlegen, die vorbeziehenden Wolken auf Zeitraffer filmen.


Warum das alles?
Unser Professor Karl Dudasek hat auf den Tisch gehauen und gesagt: Denkt nicht immer in der Galerie, ein Medienkünstler muss mit der Öffentlichkeit arbeiten – wie Schlingensief (Regisseur, Aktionskünstler, Anm.) Der hat mir imponiert! Ich habe viel Projektionskunst gemacht – mit der Band Mimi Secue war ich auf Europa-Tour – und interaktive Video-Installationen.

Wie kam es zu  „Tanz Baby!“?
Eines Tages ruft mich Kristian Musser an und sagt: „Komm vorbei, ich zeig’ dir was.“ Dann spielt er mir auf seiner Bontempi-Orgel das Lied „Ich bin traurig“ vor – und sagt, ich soll für ihn singen. Ich darauf: „Ich kann nicht singen. Was glaubst du, warum ich aufgehört habe?!“ Da hatte er schon einen Konzerttermin ausgemacht und ich habe mich überreden lassen.

„Tanz Baby!“ schlug sofort ein – zu einer Zeit, als deutsche Songs nicht in waren. Ihr habt YouTube-Videos gemacht, als die Plattform noch in den Kinderschuhen war. Im Mittelpunk du als eine überzeichnete Figur. Wieso?
Das Improvisieren fühlte sich anfangs nicht gut an. Also habe ich beschlossen, eine Figur einzunehmen: den Crooner (Crooning: Gesangsstil der 1920er, Anm.) in einer Bar mit schwarzem Anzug und roter Rose, eine Überhöhung von mir selbst: Conchita Wurst oder Lady Gaga light.

2013 spielt ihr im Wiener WUK ein ausverkauftes Konzert und hört danach auf. Wieso?
Die Geschichte war zu Ende erzählt. Es war schon das zweite Album eine schwere Geburt. Aber wir haben gesagt: Seid nicht traurig, 2023 feiern wir ein Comeback in der Wiener Stadthalle mit dem Tanz Baby!-Musical.

 

Andere gehen segeln,
wir machen Kinderhörspiele nach.

David Kleinl

2016 habt ihr dann doch noch eine „Geburtstagsplatte“, eine Best-of, he-rausgebracht und sogar ausverkaufte Konzerte gespielt. Doch wehmütig?
Ich mache immer wieder gerne was zum Spaß. Anstrengend ist die System-erhaltung. Für uns gab es damals keine vernünftige Management-Struktur, also habe ich das gemacht: Interviews und Konzerte vereinbart, technische Anforderungen mit Veranstaltern ausgemacht; da bist du ständig beschäftigt, machst aber nicht mehr das, womit du Geld verdienen kannst.

Wie sieht dein Privatleben aus?
Ich bin sehr low-life. Ich habe kein großes Auto, lebe seit neun Jahren in einer Beziehung, habe keine Kinder …

Eine bewusste Entscheidung?
Vielleicht. Ich habe das Gefühl, Kindern muss man eine super safe Basis bieten. Ich aber bin mein ganzes Leben selbstständig – in einem prekären Umfeld, wo auch viel Preisdumping passiert. Ich finde den Satz aus dem FM4-„Sumpf“ super: „Könnte man auf ehrliche Art reich werden, würde ich das wollen. Da man dies aber nicht kann, folge ich meinen Neigungen.“ Nicht umsonst mache ich so einen Blödsinn wie „Die großen Ferien“! (lacht) Andere gehen segeln, wir machen Kinderhörspiele nach (mit namhaften Mimen wie Hilde Dalik oder Christoph Krutzler, Anm.).

Ein Fokus ist auch auf Musikvideos etwa für Bilderbuch oder Ankathie Koi gerichtet. Was ist dabei dein Anspruch?
Ich will eine Atmosphäre schaffen, die vielleicht vom Inhalt her auch eine Tür woandershin aufmacht; ich will metaphorisch arbeiten – mit einem unterstützenden gestalterischen Anspruch zur Musik.

Deine Zukunftsvision?
Eine ganz romantische Vorstellung: Vielleicht gründe ich 2020 das Institut „Audiovisual Culture“, vielleicht wird es ja vom Ministerium bezahlt und vielleicht werde ich Direktor. Kann man das bitte in die Wege leiten?! (lacht)

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David Kleinl

… wurde 1977 geboren und wuchs in Eisenstadt auf. Er war Gründungsmitglied der Band Brackish Gargle, der Künstlergruppe Charmant Rouge sowie der Formation Tanz Baby! mit Kristian Musser (2006–2013). Kleinl maturierte an der HTL Ortweinschule Graz und studierte unter anderem Visuelle Mediengestaltung und Digitale Kunst. Der Konzepter, Regisseur, Kameramann, Cutter, Musiker und DJ Johnny Love realisierte eine Vielzahl an Musikvideos für prominente Künstler und Spots für namhafte Unternehmen.
Er ist außerdem Trainer für Smartphone-Videoproduktionen.

„Sitzen und Schauen – Märchen, Sounds, Musik“ lautet der Titel der Live-Performance mit Pianistin Clara Frühstück: 10. August 2018, 20.30 Uhr, Innenhof Cselley Mühle (bei Schlechtwetter Kellertheater).

www.cselley-muehle.at
www.davidkleinl.com