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People | 14.09.2018

Die Quadratur des Kreises

Das Burgenland hat weniger Arbeitslose, der Wirtschaftsmotor brummt. Dennoch gibt es Handlungsbedarf, gerade bei Frauenjobs. Ein Gespräch mit der AMS-Chefin Helene Sengstbratl.

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AMS-Chefin Helene Sengstbratl © Barbara Amon

Die Konjunktur im Burgenland ist gut, die Arbeitslosenzahlen sind tief wie noch nie, vor allem bei Jugendlichen und Senioren. Doch was tun, damit wir weiterhin auf der Konjunkturwelle surfen können? Und wie wird der Arbeitsmarkt in Zukunft aussehen? Die Geschäftsführerin des AMS Burgenland, Helene Sengstbratl, stand der BURGENLÄNDERIN Rede und Antwort.

BURGENLÄNDERIN: Frau Sengstbratl, was muss geschehen, damit die erfreuliche Situation länger anhält?
Sengstbratl: Das Burgenland liegt da ganz im internationalen Trend. Auf der wirtschaftlichen Großwetterlage herrscht momentan strahlender Sonnenschein. Wir haben 2018 ein absolutes Konjunkturhoch. Die Betriebe haben hohe Gewinnerwartungen und investieren. Jetzt kommt es darauf an, dass es zu keinen großen Störungen kommt. Die gute Konjunktur muss trotz verschiedener Risiken anhalten. Und im AMS Burgenland haben wir unsere Vermittlungsaktivitäten intensiviert. Wir nutzen das positive Umfeld, damit möglichst viele Arbeitslose jetzt den Jobeinstieg schaffen.

Welche Risiken sehen Sie?
In manchen Branchen und Regionen könnte die Arbeitskräfteknappheit zur Wachstumsbremse werden. Wenn zum Beispiel der Tourismus in West­österreich nicht mehr genug Kellner und Köche findet. Oder Metallfacharbeiter in der Steiermark und in Oberösterreich fehlen. Trumps Protektionismus könnte sich zur Megakonjunkturbremse entwickeln. Und ein überzogenes Sparprogramm der Regierung könnte die Konjunktur zu stark bremsen. Es ist ein labiles Gleichgewicht, das es zu erhalten gilt.
Das Burgenland hat österreichweit die höchste Auspendlerquote. Gibt es hier Bemühungen, Arbeitsplätze im Bundesland zu schaffen?
Wir haben im Burgenland 42.000 Personen, die täglich das Bundesland zum Arbeiten verlassen, ein Drittel sind Frauen. Alle politischen Akteure im Burgenland bemühen sich, gute Bedingungen für Betriebsansiedlungen zu bieten. Das Nordburgenland punktet mit einer guten Verkehrsinfrastruktur, der Nähe zu großen Absatzmärkten, Personalreserven und Zulieferbetrieben in Wien. Den Stein der Weisen, wie wir mehr attraktive Betriebe ins Südburgenland locken können, haben wir noch nicht gefunden. Da braucht es weitere Bemühungen.

Teilzeit ist auch im Burgenland Frauensache …
Ja. Die Teilzeitquote ist aber in ganz Österreich enorm gestiegen. Sie liegt mittlerweile bei knapp 50 Prozent. Das hat mehrere Treiber. Österreich ist, was die Aufteilung von Betreuungs- und Hausarbeit anlangt, noch immer ein recht traditionelles Land. Das heißt, dass die Frauen enorm unter Druck sind. Arbeit, Hausarbeit, beim Lernen unterstützen, das ist mehr als Doppelbelastung.

Wie sieht die Praxis aus?
Um das durchzustehen, wählen viele Frauen ein Arbeitsleben mit 20 bis 30 Stunden. Im Burgenland sind in den letzten Jahren Branchen stark gewachsen, die viele Teilzeitstellen anbieten: Tourismus und Handel. Wenn wir an Teilzeitarbeit denken, dann denken wir an die Frau, die am Vormittag ins Büro geht, um am Nachmittag ihre Kinder zu betreuen und den Haushalt zu schupfen. Dabei gibt es viele Modelle. Eine Frau reduziert nur drei Stunden, um dem Arbeitgeber entgegenzukommen, die zweite arbeitet nur vier Tage pro Woche und die Dritte hat in ihrer Branche gar keine Chance, mehr als 18 Wochenstunden zu arbeiten. Pendlerinnen wählen oft das Modell, zwei oder drei ganze Tage nach Wien zur Arbeit zu fahren.
In den letzten Jahren ist immer mehr die Rede von einem Arbeitsleben, das sich den Lebensphasen anpasst. Sabbatical und Altersteilzeit wirken sich auf die Teilzeitquote aus.

Wie unterstützen Sie hier?
In den AMS-Beratungsgesprächen informieren wir ganz offensiv über die finanziellen Auswirkungen von Teilzeitarbeit. Frauen, die 15 Jahre daheim sind und dann Teilzeit arbeiten, das wird immer seltener. Die Enttäuschung ist bei ihnen aber groß, wenn bei der Pension nicht mehr als 550 Euro herauskommt. Wir machen unseren Kundinnen klar, dass es einen Unterschied macht, ob sie 15 Stunden oder 30 Stunden Teilzeit arbeiten, weil beides oft für eine ordentliche Pension nicht ausreicht.

Wie sieht es mit der Kinderbetreuung im Bundesland aus?
Bezüglich Kinderbetreuung steht das Burgenland recht gut da. Hier hat das Land die letzten Jahre eine aktive und moderne Frauenpolitik betrieben. Bei der Betreuung von Kleinkindern und Kindergartenkindern liegen wir mit Wien an der Spitze. Schwieriger wird es bei der Nachmittagsbetreuung von Schulkindern. Angebotsverbesserungen braucht es punktuell, wenn es um Öffnungszeiten geht. Was Kinderbetreuungseinrichtungen sicher nicht abdecken können, sind Abend- und Nachtbetreuung oder Wochenendbetreuung. Es gibt im Burgenland viele Jobangebote für Frauen, die solche Arbeitszeiten haben: Im Handel, im Gesundheitswesen oder im Tourismus. Alles Bereiche, die in den letzten Jahren stark zugelegt haben.

Wie unterstützen Sie Frauen beim Wiedereinstieg?
Besonders für Wiedereinsteigerinnen hat das AMS eine Reihe von Angeboten, die ihnen die Rückkehr ins Berufsleben erleichtern sollen. Wiedereinstiegsexpertinnen in jeder Geschäftsstelle, Berufsorientierungskurse und Frauenberufszentren, die bei Qualifizierungsinteresse unterstützen, stärken die Frauen enorm.

 

Drum prüfe, wer sich ewig bindet … die Jobwahl ist nach wie vor herausfordernd.



Sehen Sie neue Jobs oder Beschäftigungsformen im Burgenland?
Eine Gruppe von Frauen arbeitet gerade an einem recht interessanten Genossenschaftsmodell. Ich bin neugierig, wie groß das Potenzial dieses Modells ist. Das Thema Start-ups ist auch im Burgenland angekommen. Die Industriellenvereinigung bringt Start-ups mit arrivierten Unternehmen zusammen und will so eine Absprungrampe ermöglichen. Die Internetanbindung ist überwiegend schon sehr gut im Burgenland. Das ermöglicht immer mehr Menschen, die am PC oder Telefon arbeiten, tageweise von zu Hause aus zu arbeiten. In diesem Bereich ist die Arbeit flexibler geworden.

Welche Wünsche und Vorstellungen haben Burgenländer und vor allem Burgenländerinnen an ihren bzw. von ihrem Job?
Burgenländerinnen und Burgenländer legen viel Wert auf ein gutes Arbeitsklima, also nette Kollegen und Vorgesetzte. Die Höhe des Einkommens ist ganz wichtig und auch ein Index dafür, ob man seine erworbene Qualifikation auch umsetzen kann. Wer arbeitet, will sich mit dem Einkommen Familie und Wohnen, aber auch Urlaube leisten können. Und für Frauen ist die zeitliche Flexibilität ganz wichtig, sie wollen Privatleben und den Job gut unter einen Hut bringen. Diesen Themen widmet sich die Arbeiterkammer immer wieder im Rahmen der Befragung zum Arbeitsklimaindex.

In welchen Branchen wird es künftig mehr Arbeitskräfte geben, wo werden sie weniger werden?
In den nächsten Jahren zeichnet sich ein Arbeitsplatzwachstum im Gesundheits- und Sozialbereich ab. Die Nachfrage nach Arbeitskräften im Tourismus dürfte weiter steigen. Die Wirtschaft wird neu organisiert und aufgestellt, sodass der Bereich sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen wachsen wird. Outsourcing oder Abdecken von Auslastungsspitzen durch Arbeitskräfteüberlasser sind hier die Treiber. Banken, Versicherungen und die Energieversorgung sowie die Textilbranche oder die öffentliche Verwaltung dürften sich Redimensionieren und den Personalstand reduzieren.

Was halten Sie für die Jugendlichen bereit?
Jugendliche brauchen definitiv eine Ausbildung. Wir helfen ihnen in unseren Berufsinfozentren, damit sie einen Beruf finden, für den sie sich begeistern können. Einige Jugendliche sind schulmüde oder sie haben kognitive Defizite, Probleme mit Disziplin und Regeln oder es mangelt an der familiären Unterstützung. Wir bieten in Lehrgängen Ausbildung und Betreuung sowie Unterstützung bei der Suche nach einem Lehrplatz. Bei vielen klappt das gut.

Wie steht es mit älteren Arbeitnehmern?
Bei älteren Arbeitslosen setzen wir auf Beratung und bieten Dienstgebern Lohnkostenzuschüsse, damit sie den Personen eine Chance im neuen Job geben. Mit dieser Strategie machen wir gute Erfahrungen. Ein Viertel der älteren Arbeitslosen hat gesundheitliche Probleme. Ein Teil steht knapp vor der Pension und sieht die Arbeitslosigkeit als Übergangsphase. Und ein Teil der älteren Menschen hat immer gearbeitet und wünscht sich jetzt nichts sehnlicher als einen Neuanfang im Arbeitsleben.