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People | 21.09.2018

„Menschen ist die Wahrheit zumutbar“

Sie sorgte mit ihrem Parteiaustritt aus der FPÖ für viel Wirbel. Die BURGENLÄNDERIN sprach mit Maria Nakovits aus Neusiedl am See über diesen Schritt, die Folgen und ihre persönlichen Gründe.

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"Wenn das Politik ist, dann will ich sie nicht verstehen." Maria Nakovits, Ex-FPÖ-Mitglied © Barbara Amon

Die 42-Jährige spricht mit klarer Stimme. Sie ist überzeugt davon, das Richtige getan zu haben. Vor wenigen Wochen hat sie sich aufgrund von internen Anfeindungen dazu entschlossen, nach knapp zwei Jahren die FPÖ zu verlassen. Sie hatte bereits die Position der geschäftsführenden Stadtparteiobfrau inne. Die alleinerziehende Mutter und diplomierte Krankenschwester (mit der Zusatzausbildung Anästhesie und Intensivmedizin) Maria Nakovits wohnt mit ihrem 17-jährigen Sohn Elias in Neusiedl und arbeitet nun wieder Vollzeit im Krankenhaus Hietzing. Mit uns sprach sie über ihre Beweggründe und wie sie das System Politik von innen erlebt hat.

Als einen der Gründe für Ihren Austritt haben Sie die Ausländerfeindlichkeit genannt, die in der FPÖ herrscht. War Ihnen vorher nicht bewusst, welche Positionen die FPÖ vertritt?
Ich habe gewusst, dass die FPÖ rechtspopulistisch ist, aber ich wollte im Ort etwas bewegen. Und unter meiner Führung habe ich innerhalb der Ortspartei die Ausländerfeindlichkeit schnell abgestellt. Sobald jemand damit anfangen wollte, habe ich das unterbunden. Das interessiert mich nicht. Ich respektiere Menschen und denke sehr pragmatisch. Die Asylwerber bei uns in Neusiedl sind nette Menschen und wollen sich integrieren. Schwarze Schafe gibt es da und dort, genauso wie bei den Einheimischen. Ich hasse Pauschalverurteilungen und radikale Denkweisen.

Wie kam es zu dem Punkt, an dem Sie gesagt haben, Sie steigen aus?
Die Steine, die mir in den Weg gelegt wurden, haben sich immer mehr gehäuft. Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr, die Kraft ist mir ausgegangen. Es gab so viel Neid zwischen den Ortsgruppen, ich wurde von Funktionären und Parteikollegen kritisiert wegen meines Umgangs mit ausländischen Mitbürgern. Als innerhalb der Landespartei bekannt wurde, dass wir bei unseren Festen mit dem Schnitzelhaus in Neusiedl zusammenarbeiten, musste ich mir sagen lassen, ich soll nicht so viel mit Türken zu tun haben. Erstens, habe ich gesagt, stammen die Besitzer aus Serbien und zweitens ist mir das wurscht, weil das fleißige Leute sind, mittlerweile auch Freunde, die uns helfen wollen. Genauso wie der Asylwerber, der uns beim Bürgerfest im Mai geholfen hat. Er will sich inte­grieren und die Gemeinde unterstützen. Das hat zu Irritationen bis in die Parteispitze geführt.

 

Die Familie Brandlhofer sind ehemalige Parteikollegen und sehr gute Freunde.



Sie gehen nach Ihrem Austritt mit der FPÖ und mit der Politik an sich hart ins Gericht, unterstellen Mangel an Sachkompetenz, kein strategisches Denkvermögen sowie wenig Gestaltungskraft und im Gegensatz dazu eine Überbezahlung. Können Sie das näher ausführen?
Sachkompetenz ist mehr als Detailwissen zu einem Thema. Es ist die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen. Und strategisches Denkvermögen hat nichts mit Bildungsintelligenz zu tun, sondern dass ich auch andere Parteiinteressen achte und parteiübergreifend an einer Strategie arbeite, um gemeinsam etwas weiterzubringen. Aber das haben die meisten Politiker nicht. Denen geht es nur um Machterhalt und die Einhaltung der Parteilinie, das ist nicht nur bei der FPÖ so. Doch die FPÖ kritisierte immer diese Systemparteien, unterscheiden tun sie sich von ihnen jedoch nicht. Ich bin dafür, dass alle Politiker leistungsbezogen bezahlt werden und sich auch haftbar machen, wenn sie Wahlversprechen nicht einhalten. Politiker sind die Dienstleister der Bürger.

Haben Sie es je bereut, in die Politik gegangen zu sein?
Nein, ich habe etwas getan, anstatt immer nur zu jammern und zu sudern. Und das kann ich nur jedem empfehlen. Schaut euch das System von innen an und versucht es aufzubrechen. Für mich gibt es kein Zurück mehr, seit ich gesehen habe, wie es da abgeht. Ich möchte, dass die Menschen wissen, wie sehr sie verarscht werden. Der Zwang der Parteilinie, die Freunderlwirtschaft, die fehlende Gerechtigkeit den Bürgern gegenüber, der Drang zum Machterhalt, die Überheblichkeit. Zu mir hat ein Funktionär mal gesagt: „Maria, du verstehst Politik nicht.“ Wenn das Politik ist, dann will ich sie nicht verstehen.

Es wird Ihnen nun von verschiedenen Seiten unterstellt, dass Sie sich nur ins Rampenlicht drängen wollen. Wie gehen Sie damit um?
Ich weiß. Es war mir selbst nicht bewusst, dass mein Austritt solche Wellen schlagen wird. Aber nun ist es mir umso wichtiger, dass die Menschen die Wahrheit kennen, denn die ist ihnen zumutbar. Mir ist Ehrlichkeit wichtig, ich bin so erzogen worden. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und wurde mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn erzogen. Und wenn Menschen vorsätzlich belogen werden, indem vor den Wahlen das Blaue vom Himmel versprochen wird, nur um danach nicht gehalten zu werden, dann ist das ungerecht.

 

Nakovits mit der Chefin vom Schnitzelhaus, die mittlerweile auch eine Freundin geworden ist.



Was machen Sie nun mit der ganzen Aufmerksamkeit? Haben Sie Ambitionen, eine eigene Partei oder Liste zu gründen?
Weiß ich noch nicht. Jetzt bleibe ich erstmal parteifrei im Gemeinderat. Ich möchte keine eigene Partei, ich mag diesen Obmann-/Funktionärskram nicht. Und ich weiß, dass viele so denken, ich habe in den letzten Wochen sehr viele Gespräche mit verschiedensten Leuten geführt, habe viele neue Menschen kennengelernt. Ich bekomme Rückmeldungen aus ganz Österreich, sehr viel Zuspruch. Negative Schreiben sind aber auch ein paar dabei. Eines davon musste ich zur Anzeige bringen, darin hat mir jemand unterstellt, ich will die Islamisierung vorantreiben, und hat mir gewunschen, dass ich von einem Asylwerber vergewaltigt werde. Aber davon lasse ich mich nicht abhalten, weiter Bürgervertreterin zu sein, und konzentriere mich weiterhin auf Neusiedl.

Was können Sie jungen, politikverdrossenen Menschen mit auf den Weg geben?
Ich verstehe, dass viele politikverdrossen sind. Aber mit Jammern und Sudern bringt man auch nichts weiter. Ich empfehle jedem, sich Gemeinderatssitzungen anzuhören, die sind öffentlich. Da lernt man sehr viel über seine Mitmenschen und über die Parteileute im Gemeinderat. Geht selbst mal zu einer Partei dazu, schaut euch an, wie Politik funktioniert – und versucht die alten Systeme aufzubrechen und zu ändern. 


WORDRAP

mit Maria Nakovits

Mein Lebensmotto lautet …
leben und leben lassen.


Angst habe ich vor …
Krankheiten in meiner Familie, meinem Freundes- und Bekanntenkreis.


Politik bedeutet für mich …
eine Lebensaufgabe.


Zutiefst traurig bin ich, wenn …
es meinem Sohn schlecht geht.


Die schönste Erfahrung in meinem Leben war bisher …
die Geburt meines Sohnes.