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People | 26.09.2018

Mit Petra im Prater

Der „Wortmeldungen“-Preis ist eine der höchstdotierten Auszeichnungen. Warum Autorin Petra Piuk mit dem Geld nach Las Vegas fliegt, es auf dem Markt herschenkt und was sie nach Oberwart führt.

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© Viktória Kery-Erdélyi

Eine bunte Welt. Laut. Lustig. Frisch Gefirmte auf der Achterbahn. Petra Piuk steht mit einem winzigen Lächeln unter dem Riesenrad – und wartet auf das Interview. Das ist also die Frau, deren Buch mich mitten im Familienurlaub so aufgewühlt hat. „Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman“. Darin demontiert die gebürtige Güssingerin die ländliche Idylle. Schonungslos – und trotzdem geht sich Humor aus. Aber nicht zum Schenkelklopfen, wenn die Fassaden bröckeln, bis die fesch gestrichenen Häuser in sich zusammenfallen …

Sie haben den Wurstelprater für das Interview vorgeschlagen. Wieso treffen wir uns hier?
Meine Geburtstage im Prater – das waren immer die Highlights mit meiner Familie! Heuer habe ich das sogar mit meinem Freund wiederholt, weil ich zu wenig Zeit hatte, um eine Party zu organisieren (lacht). Das andere ist: Prater, diese Zuckerwattenwelt … Scheinwelten überhaupt faszinieren mich. Das Thema zieht sich durch meine Romane; in „Lucy fliegt“ ging es um die Castingshow-Szene und die Filmbranche. Und Sexismus und Chancenungleichheit hinter der Glitzerwelt-Fassade … Ich schreibe auch gerne an Schauplätzen, erst letzte Woche wieder im Prater. Das Erste, das ich mir auf meinen Reisen ansehe, sind Märkte und Vergnügungsparks.

Was tun Sie dort?
Ich beobachte, spreche mit den Menschen, mit den Schaustellern beispielsweise.

Auch für Ihren preisgekrönten Roman „Toni und Moni“ haben Sie viele Gespräche geführt. Welche?
Bei mir ist es immer eine Mischung aus Realität und Fiktion. Ich habe auch Zeitungsartikel verwendet, die ich schon viele Jahre gesammelt habe, weil mich das Thema Gewalt interessiert. Ich habe mich auch oft in Wirtshäuser, an Stammtische gesetzt. Als dieses Projekt konkreter wurde, habe ich bewusst Interviews geführt. Ich war verwundert, wie viele Klischees doch zutreffen. In allen Bundesländern und in Deutschland sagen viele bei meinen Lesungen: „Das ist wie in meinem Dorf.“

Vertuschte Dramen, häusliche Gewalt, sexueller Missbrauch kommen vor. Ernten Sie auch Empörung?
Natürlich. Ich bekam Hassmails. Ich gelte darin als pathologische Nestbeschmutzerin. Eine Frau hat mir geschrieben, es sei das schlechteste Buch, das sie je gelesen hat …

Wie gehen Sie damit um?
Da ist das Paradoxon. Man will, dass ein Buch ankommt, dass es jedem gefällt, aber man will es gleichzeitig auch nicht. Denn es ist ja keine Wohlfühlliteratur; damit kann ich nichts anfangen.

Man begegnet tiefschwarzem Humor …
Der erste Roman war eine überspitzte Satire, ich wollte diesmal eine ernste Geschichte schreiben. Es ist mir nicht gelungen (lacht). Ich habe lange nach der Form gesucht. Dann bekam ich eine Anfrage für eine Lesung, wobei es hieß, der erste Roman sei zu krass. Ein Bekannter dann im Halbscherz: „Warum hast denn keinen schönen Heimatroman geschrieben?“ – Und ich dachte mir: Das ist es! Also habe ich mich mit Heimatromanen beschäftigt und viel Schlagermusik gehört.

 

 "Nein heißt Ja, wenn man lächelt so wie du, warum willst du deinem Herz nicht trauen, Nein heißt Ja, wenn man flüstert so wie du, du kannst mir ruhig in die ­Augen schauen."

Aus: „Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman“ – wörtliches Zitat aus dem Schlager-Songtext „Nein heißt Ja“ von G. G. Anderson


Ist Ihnen der Begriff Heimat ein Dorn im Auge?
Nein. Viele sind verwundert, wenn ich sage, dass ich gerne in die Natur gehe, ins Burgenland fahre, die Berge liebe. Der Begriff Heimat selbst hat aber immer etwas romantisch Verklärendes, etwas ideologisch Aufgeladenes. Ich wollte dem etwas entgegensetzen. Und Heimat bedeutet oft ein WIR mit Grenzzäunen drumherum …

Ihr Facebook-Account zeigt es deutlich: Die Flüchtlings­situation bewegt Sie sehr. Wie geht es Ihnen damit?
Gar nicht gut. Es ist furchtbar, dass sogar Menschen, die andere retten, kriminalisiert werden. Ich finde es sehr mutig, wie kürzlich eine Schwedin in einem Flugzeug eine Abschiebung verhindert hat. Man muss Zeichen setzen. Seit ich 16 bin, gehe ich zu Demonstrationen.

Wofür demonstrieren Sie?
Für Menschenrechte. Gegen eine unmenschliche Flüchtlingspolitik. Es ist die Rede von Flüchtlingsstrom, Flüchtlingswelle, Flüchtlingsflut – das erzeugt Angst in den Köpfen! Da ist jeder verantwortlich, wieder die Menschen dahinter zu sehen: eine Frau, einen Mann, ein Kind – das sind Menschen, die da ertrinken!

 

INSPIRATIONSQUELL.
Die gebürtige Burgenländerin sitzt oft im Wurstelprater mit dem Stift in der Hand.

 

Sie haben ein ehrenamtliches Projekt initiiert. Worum geht es da?
Ich habe vor rund 15 Jahren in einem Kinderheim in Chile gearbeitet; seither arbeite ich immer wieder ehrenamtlich. Mit „Schreiben am Markt“ habe ich eine Idee verwirklicht, die ich schon mit 16 hatte: Jeder, der schreiben will, soll die Möglichkeit dazu bekommen. Das bedeutet, dass Autorinnen und Autoren hierbei ehrenamtlich kostenlose Schreibworkshops für Menschen von 14 bis 104 geben. Wir machen das am Viktor-Adler-Markt in Wien. Es ist so schön, weil hier junge und alte Menschen aus allen Gesellschaftsschichten großartige Texte schreiben.

Sie haben einen Teil ihres „Wortmeldungen“-Preisgeldes investiert …
Weil das wirklich ein Herzensprojekt ist. Es soll auch auf anderen Märkten stattfinden. Ich möchte die Menschen ermutigen, dass sie es versuchen, dass sie nicht aufgeben, sondern immer weiterschreiben. Ich bin sehr diszipliniert, arbeite sehr viel, aber ich weiß, wie viel Glück ich auch hatte.

… denn es ist nicht selbstverständlich, dass man vom Schreiben leben kann?
Ich lebe erst seit 2015 als freie Autorin ohne Nebenjobs. Ich habe immer davon geträumt, Schriftstellerin zu sein. Meinen ersten Roman habe ich mit 13 geschrieben. Aber ich hätte nicht gedacht, dass sich jemand dafür interessiert (schmunzelt).
Einmal habe ich eine Liste geschrieben: Ich hatte an die 100 verschiedene Jobs. Jahrelang war ich Kellnerin, mal im Sacher, mal in richtig abgefuckten Kellerdiscos, ich spielte Kasperltheater, war Kinderanimateurin, war beim Fernsehen … Erst 2011 habe ich mich getraut, bei einer Werkstatt (für Autoren, Anm.) mitzumachen. Mein Ziel war, eine Geschichte in einer Literaturzeitschrift zu veröffentlichen. Dann waren es gleich im ersten Jahr 13 (!). Die ersten Jahre habe ich von vier bis sieben Uhr morgens geschrieben und bin dann arbeiten gegangen. Seit dem Roman „Lucy fliegt“ lebe ich nun davon. Aber ich weiß, dass es schnell vorbei sein kann. Da sind Preise, Stipendien, Lesungen – wenn die wegfallen, muss ich vielleicht wieder einen Nebenjob suchen. Ich sehe das sehr pragmatisch.

Darf ich fragen: Was haben Sie noch mit dem Geld vor – es waren 35.000 Euro?
Das ist solch ein großes Geschenk, ich bin so dankbar: Es ermöglicht Schreibzeit – und das nächste Projekt.

Was wird das sein?
Ein literarisches Fotobuch und eine Ausstellung im Idealfall. Ich reise mit der Fotografin Barbara Filips im Winter nach Las Vegas. Wir mögen beide diese Scheinwelten und das Gegenüberstellen mit der Realität. Wir arbeiten einen Monat lang gemeinsam und ich hänge noch zwei dran. Ich habe im Reisebüro gezogen, von wo der Rückflug heimgeht: Mexiko City (lacht).

 

SELFIE. Mit Redakteurin V. Kery-Erdélyi


Sie reisen oft mit dem Rucksack, planen zuvor wenig – sind Sie da angstfrei unterwegs?
Ich spaziere nicht nachts allein durch Johannesburg, ich blende die Vernunft nicht aus. Aber ich mag dieses freie Gefühl, nicht zu wissen, was der nächste Tag bringt.

Sie bringen uns jedenfalls ein Theaterstück ins Offene Haus Oberwart (OHO)?
Es ist ein Auftragsstück für die Burgenländische Theaterinitiative (Premiere: 8. November 2018, Anm.). Ich habe noch nie ein Stück geschrieben, aber sofort ja gesagt. Ich bin risikofreudig! Die Grundlage waren die Protokolle der sogenannten „Zigeunerkonferenz 1933“ mit ranghohen Beamten und Politikern; es ist erschreckend, welche sprachlichen und inhaltlichen Parallelen es dabei zu heute gibt. Mein Stück trägt den Titel „Talkshow 1933. Und welche Augenfarbe haben Sie?“


Petra Piuk

… wurde in Güssing geboren und wuchs die ersten zwei Jahre in Kukmirn auf, ehe die Familie nach Wien übersiedelte. Ihre Ferien verbrachte sie weiter auf dem Bauernhof im Südburgenland. Petra Piuk absolvierte unter anderem eine Schauspiel-Ausbildung und machte bis heute an die Hundert verschiedene Jobs. Mit knapp 40 machte sie ihre größte Leidenschaft zum Beruf; sie absolvierte die Leondinger Akademie für Literatur und ist seit 2015 freie Autorin. Neben vielen Publikationen in Literaturzeitschriften sind bisher von ihr zwei Romane erschienen: „Lucy fliegt“ (2016), „Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman“ (2017, beide Kremayr und Scheriau). Auszug ihrer Auszeichnungen: Literaturpreis des Landes Burgenland 2016, Buchprämie der Stadt Wien 2016, Wortmeldungen-Literaturpreis der Crespo Foundation 2018. www.petrapiuk.at