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People | 08.10.2018

„Es gibt hier keine Pilze“

Erfolgreiches, aber geheimes Schwammerl­suchen in einem mittelburgenländischen Wald.

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„Karikatur ist kein angenehmes Beiwerk, kein Schnörkel an der Innenpolitik. Der Witz muss ernst genommen werden.“ Michael Pammesberger, Karikaturist. © Vanessa Hartmann

Die Saftigkeit des Grüns ist beeindruckend. Das finden offenbar auch die Kühe, die mit ihren Glocken die Idylle akustisch untermalen. „Meine“, lacht Michael Pammesberger und revidiert sogleich: „Gut, die Wiese ist unsere, die Kühe gehören der benachbarten Bäuerin.“ Vor gut zehn Jahren sind seine Frau Gabi Waldner, die Ö1-Journale-­Chefin, und der streitbare Karikaturist an diesem magischen Ort im mittleren Burgenland vorbeigefahren: an einem damals „sehr verfallenen Haus“, inmitten einer hügeligen Landschaft mit fleißigen Obstbäumen. Das sie kauften. Das Paar legte auch selbst Hand an, stemmte sogar Mauern, damit eine symbiotische Liaison aus modernen und historischen Elementen entstehen konnte. Es ist ein privates Refugium, außer Familie und Freunden empfangen sie kaum Gäste. Umso mehr ehrt es uns, dass wir die kreative Luft des wieder Ausgezeichneten atmen durften: Michael Pammesberger erhält den Walther-Rode-Preis für qualitätsvolle, unabhängige journalistische Arbeit.

BURGENLÄNDERIN: Sie hatten nach der Schule Jus studiert. Mit welchem Ziel?

Michael Pammesberger: Die Zeichnerei war immer Thema. Aber ich wollte weder Zeichenlehrer noch Künstler werden. Mein Vater ist Rechtsanwalt, ich habe etwas Handfestes gesucht. Die Juristerei hat mir Spaß gemacht. Ich wollte am Land arbeiten, ohne große Spezifizierung. Da macht man alles für den Klienten: ob er nun vom Hund gebissen wird, einen Unfall hat oder ein Haus kauft. Ich habe es bis zum Rechtsanwaltsanwärter geschafft, aber schon parallel für die Oberösterreichischen Nachrichten  gezeichnet. Man kann nicht zwei Berufe gut machen. Das Herz hing dann doch eher am exotischen Zeichnerberuf.


Sind Sie je von den Protagonisten Ihrer Bilder verklagt worden?

Man hat es mir angedroht, aber nie getan. Dabei gehört das in eine anständige Biografie; den Prozess würde ich aber schon gewinnen wollen (lacht).


Haben Sie im Hinterkopf, wie weit Sie gehen können?

Eine Schere im Kopf wäre falsch und bremsend. Ich gehe durchaus an die Grenze, vielleicht das eine oder andere Mal knapp darüber. Ich habe das aber gut im Griff.

 

SCHWARZE FINGER. Mit Tusche und Feder entstehen Pammesbergers Pfeilspitzen.

 

Mehr als 20 Jahre beim Kurier. Haben Sie komplett freie Hand?

Ich habe mir eine gewisse Freiheit erarbeitet. Ich musste immer wieder klarmachen, dass meine Arbeit kein Teamwork ist. Ich bin ein Kämpfer für die Sache: Karikatur ist kein angenehmes Beiwerk, kein Schnörkel an der Innenpolitik, es ist etwas Eigenes. Der Witz muss ernst genommen werden.


Sie sind mit der renommierten Journalistin Gabi Waldner verheiratet. Wie sehr ist das aktuelle Geschehen Teil Ihres (Privat-)Lebens?

Wir reden darüber, diskutieren, mir ist ihre Meinung und ihre Arbeit sehr wichtig, die Ö1-Journale höre ich immer. Als Zeichner muss man informiert sein, Stimmungen mitkriegen. Wir können aber schon abschalten und müssen beim Unkrautjäten nicht über Politik reden.


Wollen wir eine Runde gehen?

(Wir spazieren vorbei am herbstlichen Bauern-Gemüsegarten, hinein in den Wald, wo Michael Pammesberger gerne Schwammerlsuchen geht.)

Am Wochenende haben wir erst Steinpilze, Parasole, Eierschwammerl verkocht. Aber mein offizielles State­ment für die Zeitung ist Folgendes: Es gibt hier keine Pilze.

 

 

Wie meinen Sie das? Ist das so eine geheime Schwammerl-Insider-Sache?

Machen Sie bitte keine Werbung! Im Burgenland ist es zu trocken für Pilze (im nächsten Moment triumphiert er mit einem Exemplar). Da! Es handelt sich hier um einen Herren- oder Steinpilz. Super, das ist Carpaccio-Qualität bitte, damit kann man angeben (lacht).


Wann haben Sie sich das Wissen um Pilze angeeignet?

Die Natur hat mich immer interessiert; ich bin im Salzkammergut aufgewachsen. Meine Generation ist von Winnetou geprägt. Wir waren alle Indianer, haben Pfeil und Bogen gebaut und sind in den Wald gegangen. Das habe ich auch auf dem Papier ausgelebt. Indianer konnte ich schon im Kindergarten besser zeichnen als die anderen (schmunzelt).


Haben das Ihre Eltern gesehen?

Das war nicht zu übersehen.


Das Talent, gut zeichnen zu können, ist das eine. Wie ist Ihnen der Weg in das journalistische Metier gelungen?

Auch das politische Interesse kam bald. Ich war ein Revoluzzer: Im Internat war ich gegen die da oben, später protestierte ich in Hainburg.


Was war Ihr Antrieb?

Die Natur, die heute noch bedroht ist. Da war ich für jeden Widerstand zu haben.


Wie entstehen Ihre Karikaturen?

Beim Zeichnen. Ich überlege, welches Thema, welche Person gerade im Vordergrund steht, dann fange ich mit einem Kopf an – und schon ist die Bühne, das weiße Papier, eröffnet.

 

 


Woher wissen Sie, dass es am nächsten Tag noch aktuell ist?

Timing ist beim Humor immer wichtig. Bei mir ist das glücklicherweise schon Routine. Manche Zeichnungen sind nur an dem Tag cool und bald wieder weg. In meine Bücher kommen jene, die halten: wenn sie auch keine bleibenden Fresken in der Kirche sind, aber zumindest sollen sie ein bissl über das Aktuelle hinausragen.


Kennen Sie kreative Blockaden?

Nein, ich kann eher vier Zeichnungen machen und dann die Beste auswählen. Ich denke in Bildern.


Wie wichtig sind die Reaktionen?

Wie die Betroffenen, die Politiker reagieren, ist mir wurscht. Aber ich arbeite für die Öffentlichkeit. Meine Zeichnungen soll man anschauen können; sie sollen nicht jeden Tag Leser verscheuchen.


Was sollen sie im besten Fall?

Unterhalten, aber nicht streicheln. Zum Denken anregen und auch mal ärgern. Ich will nicht der harmloseste, freundlichste Karikaturist sein.


Ich glaube nicht, dass Sie den Ruf haben.

Ich will auch nicht jeden Tag mit dem Holzhammer he­rumlaufen und jedem grundlos in die Goschn hauen.  


Was empört Sie?

Es kommt alles vor. Ich kann jetzt nur ein Beispiel nennen, das ich an sich nicht hervorstreichen will – nur weil es aktuell ist: wenn ein Politiker einen eigentlich völlig unbeteiligten, armen Lehrling beschuldigt, dass er ein Terrorist ist. Es ärgert mich aber auch, wie rücksichtslos manche Politiker mit der Natur umgehen.


Hat man je versucht, Sie zu beeinflussen?

Ich weiß es nicht; auf diesem Ohr bin ich taub. Ich habe einen journalistischen Zugang und versuche, die Gunst immer halbwegs zu verteilen. Wenn da ein Missstand ist, wird er aufgedeckt und aufgezeichnet.


Wie stehen Sie zu Social Media?

Meine Zeichnungen werden getwittert, sind auf Facebook … Ich selbst nicht. Ich lese, wie sie kommentiert werden, und bin dann auch mal entsetzt. Da findet man Hass, Zuneigung und viel Unsinn. Ich habe noch nie auf Facebook geantwortet. Auf eine höfliche E-Mail schon. (Wir gehen durch den Wald wieder in Richtung Haus.) Da sind Täublinge, die lassen wir stehen.

 


Entschuldigen Sie, wenn Sie Zweige treffen, die ich hinter mir auslasse.

Kein Problem, ich bin ja der Indianer (lacht). Da oben fliegt ein Bussard!


Sie sind wirklich ein Naturmensch. Haben Sie beim Zeichnen schon einmal daneben gegriffen?

Vielleicht zwei, drei Mal, das ist schon lange her. Das bedeutet nicht, dass ich nicht auch Fehler mache oder dass mir mal etwas weniger gelingt.


Charlie Hebdo. Wie haben Sie 2015 den Terroranschlag auf die Satirezeitschrift erlebt?

In allem Schrecken und Wahnsinn, den es gehabt hat. Das hat unser Metier in den Fokus gerückt. Diese Menschen sind Helden. Sie sind für unsere Freiheit gestorben. Für die Freiheit, das zu zeichnen, was man sich denkt. Eine Freiheit, die wir verteidigen müssen. Sie sind nicht die Ersten und werden nicht die Letzten sein, die für Freiheit in Europa gestorben sind.


Was hat es in Ihnen ausgelöst?

Entsetzen und Wut. Ja, da ist eine realere Bedrohung, aber ich bin nicht der Typ für Angst. Ich habe gescherzt: Die Dschihadisten kommen bei mir im Winter nicht einmal die Einfahrt rauf (mein Auto hat sich schon im Spätsommer geplagt, Anm.). Natürlich kann man mit Humor viel überspielen. Aber wenn man nicht ein bissl verwegen ist, wenn man überlegt, wer könnte mir böse sein, dann käme ich nicht weit.


Zeichnen für immer?

Absolut! Das ist mein Traumberuf.


Diesen November erscheint Ihr neues Buch …

Es trägt den Titel „Entpört Euch“ und steht im Zusammenhang mit Social Media und Co. Wir haben zur Zeit Empörung wegen allem. Und zwar so intensiv, dass der Karikaturist, der sonst die Funktion hat, sich zu empören, schon sagen muss: Kommt bitte alle ein bissl runter!

 


Michael Pammersberger

… wurde in Bad Ischl geboren und wuchs in Oberösterreich auf. Er studierte Jus in Salzburg und begann seine Karikatur-Laufbahn bei den Oberösterreichischen Nachrichten. Seit mehr als 20 Jahren beleuchtet und kommentiert er mit spitzer Feder das politische Geschehen für den Kurier. Ausgewählte Werke werden regelmäßig in Buchform veröffentlicht; „Entpört Euch“ erscheint im November 2018 bei Ueberreuter. Michael Pammesberger ist Vater zweier erwachsener Söhne: Paul lebt in Kanada und gehört zum Sony-Animationsteam, das zuletzt „Angry Birds“ und „Die Schlümpfe“ ins Kino brachte. Valentin ist Grafiker und Bildtechniker beim Kurier. Pammesberger ist in zweiter Ehe mit der Ressortleiterin der Ö1-Journale Gabi Waldner verheiratet; das Paar lebt in Wien und im mittleren Burgenland.

 

Alle Fotos: Vanessa Hartmann