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People | 10.10.2018

Grenz-Erfahrungen

Als Drehbuchautorin gelingen Konstanze Breitebner Publikumshits. Zuvor brauchte es aber eine bittere Erkenntnis, sagt sie.

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"Ich kann dieses unterschwellig aggressive Gebell gegen die Fremden nicht mehr hören!" Konstanze Breitebner, Schauspielerin, Drehbuchautorin © Thomas Luef

Strom gibt es keinen im Salettl von Konstanze Breitebner. Nichts soll die kreative Oase neben ihrem Haus in Inzenhof stören. Die Schauspielerin, die Kamera und Bühnenluft so sehr liebt, atmet seit gut zehn Jahren südburgenländische Luft. Die beflügelt sie für ihre Drehbücher. Etwa für eine entlarvende, aufrüttelnde „Dorftrilogie“, die im deutschsprachigen Raum zum großen Publikumserfolg wurde, oder für ihren ersten Landkrimi „Grenzland“, der im Landessüden gedreht wurde und noch diesen Winter im ORF ausgestrahlt werden soll.

BURGENLÄNDERIN: Wie haben Sie ins Südburgenland gefunden?
Konstanze Breitebner: Ich bin ein Landmädel! Ich bin in einem Dorf aufgewachsen, das sind meine Wurzeln: Ich wollte immer in die Erde greifen. Als ich herkam, habe ich das Haus zuerst gar nicht angeschaut. Ich habe mich in die Wiese gesetzt und gesagt: Das ist ein göttlicher Platz. Und Inzenhof ist bevölkert von gar wunderbaren Menschen.

Wie hat man auf Sie reagiert?
Eines Tages habe ich den Spaten genommen, um den verwilderten Gemüsegarten umzustechen. Da spüre ich die Blicke von ein paar Nachbarinnen und drehe mich um: „Was tein Sei do?“, haben sie mich gefragt. „Ich steche um.“ Sie haben sich gewundert: „Sei söm?!“ – „Na, wer sonst?!“ Da war das Eis gebrochen. Ich war nicht mehr die komische Schauspielerin, sondern „eh normal“. Ich bemühe mich, mich zu integrieren: Ich bin beim SFC Inzenhof, gehe aufs Feuerwehrfest, unser Verlobungsfest haben wir hier mit Teufelsgeigern gefeiert. Hier bin ich die Zugroaste; Integration mal andersrum. Ich war schon oft in meinem Leben die Fremde.

Inwiefern?
Als Schauspielerin überall auf der Welt. Da ist man nicht Gast, sondern die Fremde, weil man mit den Leuten zusammenarbeiten will. Dieses Gefühl, fremd zu sein, hilft vielleicht zu verstehen, wie sich die Leute, die zu uns kommen, fühlen.

Bewegt Sie das?
Gerade hier: Heiligenkreuz, die Grenze – das ist nur fünf Minuten von hier entfernt. Ich habe im Sommer 2015 erlebt, wie uns Tausende Menschen entgegenkamen. Ich lebe auch in Wien, sehe Frauen mit Kopftuch, was doch wohl weniger für Religion als für Frauen­unterdrückung und politisches Statement steht. Wir alle haben zu lange dieses Multikulti gut gefunden und verschlafen, dass verschiedene Kulturen aufeinanderkrachen. Ich finde es aber obszön zu sagen: „Dann schieben wir sie halt ab.“

Was braucht es?
Viele, viele kleine Schritte. Ich misstraue allen Politikern, die schnelle Lösungen anbieten. Das ist Populismus. Ich kann dieses unterschwellig aggressive Gebell gegen die Fremden nicht mehr hören!

 

UNPLUGGED. Mit dem Salettl am Waldrand erfüllte sie sich einen Kindheitstraum (im Bild mit Redakteurin V. Kery-Erdélyi).

 

Ihr erster Krimi wurde kürzlich in Bildein gezeigt: der Landkrimi „Grenzland“. Wie haben Sie das erlebt?
Es war mucksmäuschenstill, danach herrschte eine angeregte Stimmung. Da werden sehr harte Wahrheiten erzählt, ich war unsicher, wie die Leute, aus deren Region ich erzähle, reagieren werden. Aber viele kamen und sagten: „Genauso ist es.“

Worum geht es?
Der Titel erklärt es gut: Grenzland. Wenn ich hier laufen gehe, komme ich an Grenzsteinen vorbei. Grenzland gibt es in uns drinnen, es kann quer durch Familien gehen – und es hat damit zu tun, dass viele Flüchtlinge durch das Schicksal hierher gespült wurden. Es geht um eine kaputte Familie, um eine erfahrene Kriminalbeamtin, die Brigitte Krenn spielt. Es passieren grausliche Sachen, trotzdem wurde auch die Schönheit dieser Gegend eingefangen.

Wie geht es Ihnen damit, ihre Geschichten zur Realisierung aus der Hand zu geben?
Die Geschichten finden, die Figuren zum Leben erwecken, das ist die Leidenschaft; das Ganze in Form zu bringen, bis es „Klappe“ heißt, das ist der schwierigste Prozess. Wenn ich das Drehbuch aus der Hand gebe, stürzen sich – und Gott sei Dank ist es so! – alle Kompetenzen drauf: Regie, Kamera, Ausstattung, Schnitt, Kostüme – und die Schauspieler! Ich wäre oft gerne stärker in den Prozess eingebunden.

Sie sind das Rampenlicht gewöhnt, als Autorin arbeiten Sie hinter den Kulissen. Wie geht es Ihnen damit?
Die bittere Wahrheit ist: Im Fernseh- und Filmgeschäft müssen Frauen über 40 über eine Klinge springen. Es gibt immer noch 100, aber nur noch vier Rollen. Ich bemühe mich in meinen Drehbüchern, ältere Frauen nicht nur strickend in die Ofenecke zu setzen, sondern für sie aktive Rollen zu schreiben. Die Sachen, die ich spielen wollte, wurden viel weniger. Da war mein Mann auf dem Höhepunkt seiner Drehbuch-Karriere und sagte: „Probier’s auch!“ Ich bin da reingerutscht. Heute sind beide Berufe Leidenschaft; ich spiele auch weiterhin sehr gerne!

 

 

Viele würden es vermeiden, die Frau zur Mitbewerberin zu machen …
Möglicherweise (lacht). Mein Mann ist mein größter Unterstützer und strengster Kritiker. Wir haben uns in 35 Jahren zusammengestritten; heute haben wir es sehr schön!

Das Ja-Wort gab es erst vor zwei Jahren?
Dabei wollten wir gleich heiraten. Aber da hatte ich Premiere am Volkstheater, dann wurde ich schwanger und das Kind, unsere wunderbare Laura, war wichtiger.

Wie sind Sie als Mama?
Mit allen Fehlern, die man sich nicht ersparen kann, habe ich ihr immer das Signal gegeben: Wir kriegen das hin. Und mir war wichtig, dass Peter immer dabei war. Die ersten zwei Jahre – ich war an der Josefstadt – war er sogar wesentlich mehr bei ihr als ich. Das ist schön, sie haben heute eine ganz besondere Beziehung! Ich bin stolz, dass auch wir so verbunden sind, dass wir uns immer – sie arbeitet im Ausland – viel erzählen, uns gegenseitig um Rat fragen. Aber ich bin immer die Mama; eine Mutter kann nicht die beste Freundin sein.

Wie ging das Loslassen?
Das ist eine schwierige Gratwanderung, weil mir einiges passiert ist, das ich meiner Tochter ersparen will. Trotzdem kann ich nicht hinter jeder Ecke stehen und sagen: Pass auf! Da verunsichert man. Ein sicherer, starker Mensch hat gute Instinkte, dem passiert vielleicht weniger. Ich vermisse sie jeden Tag. Vielleicht hört das auf, wenn ich Oma bin (lacht).

Freuen sie sich darauf?
Ja! Aber meine Tochter sieht das pragmatisch: Das geht jetzt nicht. Managerinnen um die 30 machen sich heute noch immer die Karriere kaputt, wenn sie schwanger werden. Selbst mit viel Geld gibt es nicht die nötige Kinderbetreuung und vor allem nicht die nötige Rücksicht! Und es stehen Hunderte Männer dahinter, die auf den Job warten. Ich bin total für die Quote. „Quotenfrau“ ist eine Auszeichnung, weil man Tolles leistet. Ohne werden wir es nicht hinkriegen. Warum soll ein Mann einen Top-Job hergeben? Es ist eine Schande, wie wenig Frauen in Top-Positionen sind. Wir brauchen keine Almosen, sondern respektvolle Anerkennung.

Was ist gerade bei Ihnen aktuell, wohin führt die Reise?
Ich bin mitten im Schreiben von „Dennstein & Schwarz“ Teil zwei und drei (TV-Komödie, Anm.). Das „Adventeuerlich“, das seinen Anfang in Rust genommen hat, kommt heuer nach Eltendorf. Mein Traum ist es, hier Kulturprojekte auf die Beine zu stellen. Bunte Abende sind nicht mehr zeitgemäß. Ich möchte Geschichten entwickeln, die hier entstanden sind. Wir Künstler werden nicht die Gesellschaft verändern, aber wir haben die Pflicht, auszudrücken, was da ist. Wir sind die Seismografen, die die Stimmung, die Befindlichkeit der Menschen aufnehmen und sichtbar machen.

 

Konstanze Breitebner

… wuchs in Schönau an der Triesting, NÖ, auf. Sie wollte von Kindesbeinen an Schauspielerin werden und spielte nach ihrer Ausbildung in Wien und Paris in einer Vielzahl an Kinofilmen und in zig TV-Produktionen. 2004 startete sie erfolgreich als Drehbuchautorin durch: mit „Paradies in den Bergen“. Ihre beiden Laufbahnen küren mehrere Preise, 2015 wurde „Die Fremde und das Dorf“ mit der Romy für „Bestes Buch“ ausgezeichnet. Konstanze Breitebner singt und spielt außerdem auf der Bühne. Sie lebt mit ihrem Mann, dem Drehbuchautor Peter Mazzuchelli, in Inzenhof bei Güssing und in Wien. Die beiden sind Eltern einer erwachsenen Tochter. Kürzlich lief „Dennstein & Schwarz“ aus ihrer Feder im Fernsehen, „Landkrimi – Grenzland“ soll demnächst ausgestrahlt werden.www.konstanzebreitebner.com

 

Alle Fotos: Thomas Luef