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People | 17.10.2018

Jammerfreie Zone

Die neuen Projekte von Elisabeth Nussbaumer ermöglichen im Burgenland jedem, der es will, ein nachhaltiges Leben.

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"Es braucht nur 25 Prozent der Menschen, um die Masse umzustimmen. Das ist nicht so viel, das können wir schaffen!" Elisabeth Nussbaumer, Bäuerin und MUnTerMACHERIN © Vanessa Hartmann

Mein Lieblingsessen waren Leberkässemmel, Schweinsbraten, Spare Ribs und Stelzen. Ich habe mich zu 99 % von Fleisch- und Wurstwaren ernährt, Gemüse war für mich – wenn überhaupt – nur eine Beilage, eigentlich war es mir wurscht. Ich konnte mir nicht vorstellen, jemals Vegetarierin zu sein.“ Nachdem sie zwölf Jahre Personalberatung in Wien gemacht hat, mit eigener Firma und acht Angestellten, wollte sie einfach nicht mehr. Und obwohl sie als Jugendliche Tiere gar nicht mochte, wuchs in der Unternehmerin Elisabeth Nussbaumer der Wunsch, sich mehr mit Tieren zu befassen. Mit 35 kaufte sie sich ihr eigenes Pferd, einen Haflinger, dieser veränderte ihr Leben. Der Wunsch, weg vom Büro und mehr in die Natur, wurde immer stärker. Kurzerhand übergab sie die Anteile der Firma an ihre Geschäftspartnerin und machte sich als One-Woman-Show mit Tiersitting selbstständig. „Ich bin immer so. Ich sehe das Ziel und fange einfach an, ohne vorher darüber nachzudenken. Hat sich bisher meist bewährt. Überhaupt bin ich Meister darin, ohne Investition etwas aufzubauen.“ Der durch das Tiersitting angeeignete große Wissensschatz über Tiere und der immer stärker werdende Drang, mehr draußen zu sein, führte wiederum zum Wunsch, einen eigenen Hof zu führen.

 

Die Verbundenheit von Elisabeth Nussbaumer und ihren Tieren ist nicht nur sicht-, sondern auch spürbar.

 

„Böser Fleischfresser“

Fünf Jahre später, 2011, sind Elisabeth Nussbaumer und ihr Mann Andreas im Burgenland, ihrer beider Heimat, fündig geworden. Zwischen Weppersdorf und Tschurndorf liegt nun ganz idyllisch und ruhig ihr Hof Sonnenweide, der zur beruflichen und persönlichen Spielwiese von Elisabeth wurde. Das Konzept einer Jausenstation am Hof als eine Art Heuriger ging voll auf. Doch Elisabeth merkte, dass sie nicht die geborene Wirtin ist, außerdem sind nebenbei laufend Tiere eingetrudelt, die entweder sonst keiner wollte oder die vor der Tötung bzw. Schlachtung gerettet wurden, sodass der Hof ziemlich schnell ein recht gut ausgestatteter Bauernhof wurde: Pferde, Esel, Schweine, Rinder, Enten, Gänse, Ziegen, Schafe, Nandus, Pfaue, Katzen und Hunde. Und sie alle haben einen Namen. Die vielen Tiere ständig um sich zu scharen, war mit ein Grund für die Entscheidung, vegan zu leben. Angefangen hat alles, als eine Freundin zu Gast war und alle beim Grill vor den Fleischbergen gesessen sind. „Wir wussten nicht, dass sie mittlerweile Veganerin ist. Sie war aber total unkompliziert und hat einfach nur Salat und Brot gegessen.“ Von da an haben auch die Nussbaumerns probiert, vegetarisch zu leben. „Und schon einige Monate später haben wir auf ve­gan umgestellt. Ich hätte mir das vorher nie vorstellen können, aber es war so einfach. Und ich hatte endlich kein schlechtes Gewissen mehr unseren Tieren gegenüber.“ Trotzdem wolle sie nicht mit erhobenem Zeigefinger auf andere zugehen: „Mein Lieblingszitat von Paulo Coelho: ‚Die Welt verändert sich durch dein Vorbild, nicht durch deine Meinung‘.“ Da­ran denkt sie immer. Mit dem Zeigefinger könne man Leute nicht nachhaltig beeinflussen. „Wenn du sagst: ‚Du böser Fleischfresser, weißt du eigentlich, was in den Schlachthöfen abgeht?‘, dann gehen die Leute sofort in die Abwehrhaltung. Der gibt mir dann nicht auch noch recht. Aber ich kann sagen, wie es bei mir war und dass sogar ich als Fleischtigerin das geschafft hab.“ Es müsse nicht gleich jeder auf vegan umsteigen, reduzieren sei „ja auch schon super“, ergänzt sie.

 

Andreas und Elisabeth Nussbaumer leben seit vier Jahren vegan auf einem Hof mit über 100 Tieren.

 

Aussteigen & ankommen

Die Verbindung zwischen Tier und Mensch ist am Hof Sonnenweide intensiv spürbar. Das ist auch der Grund, wa­rum bei Elisabeths letztem Projekt über 2.000 Kinder innerhalb von zwei Jahren auf dem Hof waren. Mit „Schule am Bauernhof“ begrüßte die Aussteigerin zahlreiche Schulklassen, Kindergartengruppen und Familien und brachte ihnen das Zusammenleben mit Tieren näher sowie auch das „Hineinhören in sich selbst“. Als Nussbaumer merkte, was sie und die Tiere bei Menschen auslösen können, hat sie sich kurzerhand dazu entschlossen, die beiden mehr zueinander zu führen. Als Bäuerin, Mutmacherin und Muntermacherin bietet die 45-Jährige nun Besuche an (den Begriff Coaching mag sie nicht), bei denen Menschen zusammenkommen und sich gegenseitig neue Wege aufzeigen. Ihr übergeordnetes Motto dabei ist „Aussteigen und Ankommen“. „Das bedeutet aussteigen aus einer Situation, die mir aus irgendwelchen Gründen nicht guttut. Den Mut finden, meinem Herzen zu folgen, und das herausfinden und tun, was ich wirklich möchte, wieder beginnen, auf die innere Stimme zu hören und diese zu unterscheiden von den Meinungen von außen.“ Bei ihren „Impulsnachmittagen“ können Besucher ohne Anmeldung und gegen einen freien Wertschätzungsbeitrag zum Hof kommen, miteinander sowie mit Elisabeth plaudern oder einfach nur da sein und Tiere wie Umgebung auf sich wirken lassen. Der Hof und die Tiere haben schon bei vielen etwas bewirkt. Es gehe viel um Perspektivenwechsel, um eine Betrachtung von einer anderen Ebene. Wieder erfahren, wie es ist, sich selbst zu spüren, und lernen zu vertrauen, auf sich selbst und auf das Leben. „Dabei geht es aber nicht um Jammern, das hier ist jammerfreie Zone. Wir sollten lernen, nicht immer die Dinge in den Vordergrund zu stellen, die nicht gut laufen, sondern mehr auf das zu achten, was gut ist bzw. gut sein könnte.“

 

 

Massenwirkung

Dieser Kreis schließt sich mit ihrem neuesten und wohl auch bisher zeitintensivsten Projekt: „Nachhaltig im Burgenland“. Eine Plattform, die Interessierte mit sämtlichen Informationen über ein nachhaltiges Leben im Burgenland informiert: von Einkaufsmöglichkeiten über Freizeitgestaltung bis hin zu Weitergabe von Wissen und Erfahrungen. Dabei ist es erstaunlich, dass man oft nicht einmal weiß, was der übernächste Nachbarort alles zu bieten hat. „Eine Harvardstudie sagt, dass es nur 25 Prozent der Menschheit braucht, um die Masse umzustimmen. Das ist nicht so viel, das bekommen wir hin! Es gibt schon so viele Leute, die etwas tun, die muss man nur zusammenbringen. Es macht mir Freude, etwas zu tun, das auch für andere gut ist. Am liebsten würde ich die Welt retten!“

www.nachhaltig-im-burgenland.at
www.elisabehtnussbaumer.at