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People | 09.11.2018

Last woman standing

Sie überlebte ihre gesamte Familie. Die 100-jährige Elisabeth Pacher spricht mit der BURGENLÄNDERIN über die Grausamkeit der Menschen und die kleinen Freuden im Leben.

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"Je besser es den Menschen geht, umso weniger halten sie zusammen." Elisabeth Pacher, geb. am 5. Oktober 1918 © Vanessa Hartmann

Die müssen sich beim Datum vertan haben. Ich kann gar nicht glauben, dass ich schon 100 Jahre alt bin!“ Mit diesen schelmisch gesprochenen Worten begrüßt uns Elisabeth Pacher in ihrem einfachen, doch idyllisch gelegenen Zuhause in Lutzmannsburg nahe der ehemaligen Ziegelfabrik, die ihrer Familie gehörte. Sie ist die letzte Überlebende ihres Stammbaums, obwohl sie fünf Geschwister hatte – es gibt weder Kinder noch Enkelkinder, Neffen oder Nichten, die noch leben. Einige sind tragisch in Unfällen verunglückt, andere an Krankheiten gestorben.

Eine Pflegerin betreut die 100-jährige Dame, doch vieles kann sie noch selbst. © Vanessa Hartmann

Die Tränen der Tiere.

Die Republik Österreich wird im November 100 Jahre (Anm.: am 12. November 1918 wurde im Parlament die Gründung der Republik Österreich, damals noch Deutsch-Österreich, beschlossen), Elisabeth Pacher feierte schon gut ein Monat früher diesen besonderen Runden, am 5. Oktober 2018. Sie empfängt uns mit Herzlichkeit und Stil in ihrem bescheidenen Zuhause – und erzählt uns im stundenlangen Gespräch über ihr bewegtes Leben. Ihre Vorfahren entstammen der adeligen Industriellenfamilie Pacher von Theinburg aus Deutschland. Die Ziegelfabrik in Lutzmannsburg wurde von ihrem Urgroßvater Mitte des 18. Jahrhunderts gegründet und es war ihr Großvater, der den noch heute bestehenden Ring­ofen erbauen ließ sowie auch den in Repcevis, einem ungarischen Nachbar­ort von Lutzmannsburg. Elisabeths Vater, Julius Pacher, erweiterte das Unternehmen und erwarb 1908 ein weiteres Ziegelwerk im ungarischen Szentgotthard an der Raab. Zwischen Lutzmannsburg und Szentgotthard spielte sich die Kindheit der sechs Pacher-Geschwister ab. „Es war für meine Eltern eine Sensation, als nach mir, der fünften Tochter, 1921 endlich ein Sohn kam, er wurde nach Vater benannt, Julius.“ Elisabeth machte als Einzige in ihrer Familie die Matura im Internat in Köszeg, das war 1938. Dann kam der Zweite Weltkrieg und die Zeiten wurden auch in Ungarn unruhiger. Ihr Bruder Julius fiel in den letzten Kriegstagen in Berlin – für die Familie brach eine kleine Welt zusammen. Elisabeths Träume von einem Architektur-Studium in Budapest zerplatzten, sie wurde zu Hause gebraucht, es gab viel Arbeit. 1948 brachte Elisabeth ihr einziges Kind zur Welt, ihren Sohn Walther. „Der Vater von Walther ist an Krebs gestorben. Er war mein einziger Ehemann, alles andere waren nur Bekanntschaften. Ich hatte nicht viel Zeit für die Liebe, ich musste arbeiten.“ Doch in der Nachkriegszeit trieb der Kommunismus in Ungarn seine grausamen Blüten und Elisabeth und ihre Familie wurden von ihrem Gut in Ungarn brutal vertrieben. „Auch die Tiere haben sie mit Gewalt hinausgetrieben. Ich kann mich noch so gut erinnern, als die beiden Pferde sich mit den Köpfen umgedreht und zu uns zurückgeblickt haben. Den Blick der Pferde werde ich nie vergessen. Wir haben alle geweint, auch die Tiere. So grausam und undankbar kann nur der Mensch sein.“

Erinnerung an die Jugend: Elisabeth Pacher als Schülerin. © Vanessa Hartmann

 

Die Brutalität des Lebens.

Ihr Vater verstarb einige Jahre später und auch diese Erinnerung bringt die rohen Sitten der damaligen Zeit zum Vorschein: „Mein Vater ist tot auf der Bahre gelegen und ein Kommunist ist gekommen, hat ihn ganz grob umgedreht und gesagt: ‚Der Pacher wird jetzt die Millionen ausschütten.‘ Ich habe nur gesagt: ‚Ich bitte Sie, lassen Sie meinen Vater in Ruhe.‘“ Doch diese Begegnung mit dem Tod war die nicht schmerzhafteste, die die 100-Jährige in ihrem Leben durchmachen musste. Ihr Sohn Walther hat seine Werkstofftechnik-, Bau- und Grobkeramik-Ausbildung 1972 mit einem Diplom beendet, welches heute noch eingerahmt in der Stube von Elisabeth Pacher die Wand ziert. Kurz darauf starb auch er an Krebs. „Ich habe das kaum ertragen können. Er wollte heiraten und Kinder bekommen. Ich habe mich so leer und alleine gefühlt, am liebsten wäre ich auch abgetreten. Aber mit der Zeit habe ich es überstanden, die Arbeit hat mich über Wasser gehalten.“

Redakteurin Nicole Schlaffer besuchte Elisabeth Pacher in ihrem Zuhause in Lutzmannsburg. © Vanessa Hartmann

 

Das Geheimnis ist Arbeit.

Neben all den schmerzlichen Erfahrungen im Leben der Lutzmannsburgerin erinnert sie sich jedoch auch noch an die schönen Zeiten in ihrem Leben. Als sie damals in der Schule ihre Tennisleidenschaft auslebte, mit ihrer besten Freundin aus Budapest Ausflüge nach Wien machte oder ihre Freundin in Paris besuchte. Und auf die Frage, ob sie denn ein Geheimnis oder einen guten Rat habe, wie sie es geschafft hat, mit 100 Jahren noch so gesund zu sein, weiß sie nicht recht eine Antwort. „Ich hab keine extravaganten Sachen gemacht. Ich hab einfach immer gleich alles angepackt und mich nie bedienen lassen, nichts aufgeschoben. Wenn in der Fabrik eine Maschine kaputt war, hab ich die oft selber repariert. Der alte Maschinist hat immer gesagt: ‚Gnädiges Fräulein, Sie hätten müssen Maschinist werden‘“, erzählt Elisabeth Pacher begleitet von einem Lachen, bei dem einem warm ums Herz wird. Doch lebt die 100-jährige Dame nicht nur in der Vergangenheit. Sie schaut viel fern und weiß, was im Land passiert. Ihr Vater habe immer gesagt, dass man über alles mit ihm reden könne, aber nie über Politik. Seine Tochter hielt es ihr Leben lang genauso. „Es tut mir nur leid, dass das Land sich nicht auf einen ruhigen Pol einigen kann. Früher gab es viel mehr Zusammenhalt. Je besser es den Menschen geht, umso weniger halten sie zusammen.“ In diesem Sinne: Die Besinnung auf das Gute, das wir haben, und auf den Frieden, in dem wir leben dürfen, sollte uns weit über das Gedenkjahr 2018 hinaus begleiten.