Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 15.11.2018

„Ich will Die Welt verbessern“

Nach 120 Jahren die erste Frau an der Spitze der Sozialistischen Jugend: Julia Herr wurde zum dritten Mal bestätigt und kandidiert nun für die EU-Wahl. Das Geheimnis der streitbaren Rebellin?

Bild 1810_B_ME_Julia Herr1__EMS3695.jpg
"Der Kapitalismus ist nie ein Wirtschaftssystem gewesen, mit dem wir zufrieden sein können." Julia Herr, Vorsitzende Sozialistische Jugend Österreich © Emmerich Mädl

Die frische Erde haftet noch an den Wanderschuhen vor der Eingangstür. Ihre Schwester Barbara und sie hatten sich in Wiener Neustadt verabredet, zu Fuß marschierten sie zu ihren Eltern in Sigleß. Dort dürfen wir ausnahmsweise in den Familiensamstag platzen, wo Frau Mama gar nicht so unglücklich darüber ist, den Stolz über Tochter Julia Herr, Vorsitzende der Sozialistischen Jugend (SJ) Österreichs, kundzutun. „Schon die Frau Direktor in der Schule hat gesagt, auf Julia wartet Großes.“ – „Sie hat mit drei gewusst, was sie will, und hat sich nicht dreinreden lassen“, ergänzt Barbara Herr schmunzelnd.

Burgenländerin: Wann hast du eigentlich entschieden, in die Politik zu gehen?

Julia Herr: Mein Papa war Gemeinderat; die meisten nehmen an, ich komme aus einem „roten Haus“, dabei gehörte er zu einer unabhängigen Liste (lacht). Politische Gespräche beim Essen, das kenne ich aber schon aus der Kindheit. Warum gibt es Obdachlose in einem reichen Land? Warum werden Frauen anders behandelt als Männer? Diese Fragen haben mich schon mit 13 beschäftigt. Ich wurde auch Klassensprecherin und handelte mir Betragensnoten ein, weil ich sehr oft den Mund aufgemacht habe.

Deine erste politische Station war die SJ in Pöttsching?

Wie für viele junge Menschen war es für mich eine Hürde, zu einer Partei zu gehen. Leute aus meiner Klasse waren dabei und haben mich überredet, zu einem Seminar mitzufahren. Ich habe erlebt, wie junge Leute politisch diskutieren, war begeistert, wie viel sie wissen, und wurde noch dort Mitglied.

Du brennst für das Frauenthema. Warum?

Wir fordern seit mehr als 100 Jahren, dass Frauen gleich viel bezahlt bekommen – es ist noch immer nicht so.

 


Warum geht es so langsam voran?

Weil Frauen immer noch zuständig für Kindererziehung sind. Sie gehen auf die Uni, sind in vielen Bereichen sogar besser qualifiziert als Männer, mit 20 ist die Gehaltsschere noch recht eng. Ab 30 öffnet sie sich: Männer werden öfter befördert, weil man sich denkt, die gehen nicht in Karenz. Frauen bleiben zu Hause, machen Teilzeit. Kindererziehung muss Frauen- und Männersache sein.

Wir haben erst seit 100 Jahren das Frauenwahlrecht …

Für junge Frauen ist vieles so selbstverständlich. Das ist es aber nie! Frauenrechte sind nie einzementiert – wie beispielsweise in Polen, wo man das Abtreibungsrecht verschärfen wollte. Wir können hart erkämpfte Rechte verlieren. Jeden Schritt, den wir schaffen, müssen wir sofort absichern.

Warum hat Feminismus einen negativen Beigeschmack?

Es kursieren absurde Bilder, Feministinnen seien hysterische Emanzen, sie seien gegen Männer. Feminismus steht für eine gleichberechtigte Welt. Johanna Dohnal sagte: Wir wollen keine weibliche Zukunft, wir wollen eine menschliche Zukunft. Vom Feminismus profitieren auch Männer. Auch sie werden in Schubladen gedrängt; schon kleine Buben dürfen nicht sein, wie sie sein wollen. Für Männer gilt die Erwartung, dass sie immer stark sein müssen, aber für viele passt das Bild gar nicht.

 

FAMILY AFFAIR. Julia Herr mit Schwester Barbara und ihren Eltern im Sigleßer Garten. © Emmerich Mädl


Du traust dich, auch die eigene Partei öffentlich zu kritisieren. Wie begegnet man dir da?

Eine Parteikarriere wäre leichter, wenn ich meinen Mund halten würde. Aber man gesteht mir schon auch zu, dass ich meine Meinung sage. Schon als die SP unter Kreisky für den Atomstrom war, hat die Jugend Nein gesagt. Wir sind nicht nur der junge Teil der Partei; wir sind eine eigenständige Organisation mit eigenem Programm.

Du wurdest mit 87,07 Prozent, dein bestes Ergebnis bisher, als Vorsitzende bestätigt. Dein Erfolgsgeheimnis?

Das hat mich sehr gefreut, denn je länger man normalerweise in einer Funktion ist, desto mehr Feinde hat man (lacht). Wichtig ist, dass man immer versucht, die Leute einzubinden. Ich bin keine One-Woman-Show, jeder braucht seinen Raum in der Organisation. Wenn wir gemeinsam agieren, dann ist auch jeder Teil davon.

Wie schmerzhaft war es umgekehrt, als sich 2017 der Einzug in den Nationalrat nicht ausging?

Leiwand war es nicht (lacht). Aber: Ich bin nie wegen eines Mandats politisch aktiv geworden, sondern weil ich etwas verändern wollte. Weil ich die Welt verbessern will. Dann heißt es, das sei naiv. In was für einer zynischen Gesellschaft leben wir, dass man das nicht mehr sagen kann?!

Wie sieht die ideale Welt aus?

Da gibt es keine Armut, man verwendet die Mittel so, dass es der Allgemeinheit gut geht und nicht einer kleinen Elite. Wir aber haben extrem Reiche und Menschen, die die Miete nicht zahlen können, wenn die Waschmaschine kaputt wird. Wir haben Kinder, die in Armut aufwachsen und nie die gleichen Chancen wie andere haben. Wir haben keine soziale Durchmischung: Vielleicht wäre ein Kind aus einer Akademikerfamilie handwerklich total geschickt, vielleicht wäre ein Kind aus einer Hacklerfamilie ein kleines Genie, wenn man es fördert. Was wir für Talente liegen lassen!

Du wirkst unerschrocken in Interviews …

Wirklich? Das ist wahrscheinlich eine Sicht (lacht).

 

Selfie mit Redakteurin V. Kery-Erdélyi. © Emmerich Mädl


Was macht dir Angst?

Wie stark und schnell sich die gesellschaftliche Mitte verschiebt. Europaweit gewinnen Rechtspopulisten. Wir haben eine Politik, wo auf sozial Schwache hingetreten wird. Bei der Demo gegen die 60-Stunden-Woche lautete ein Zitat: „Das ist das Wehklagen der Wertlosen.“ Die Idee, dass ein Mensch weniger wert ist als der andere, ist eingekehrt. Wenn man einmal anfängt, dass der Flüchtling weniger wert ist, dann ist als Nächstes der Arbeitslose weniger wert, dann der Kranke, der nicht arbeiten kann – wie definiert man, welcher Mensch wie viel wert ist? Wir sind alle gleich viel wert!

Du kandidierst für die EU-Wahl. Was versprichst du dir von einer aktiven Teilnahme im EU-Parlament?

Ich will dafür sorgen, dass mehr in die Ausbildung und Zukunfts­chancen meiner Generation investiert wird, als in Steuersenkungen großer Konzerne.

Du nennst als Vorbild Jeremy Corbyn, den Vorsitzenden der Labour Party in England. Wieso?

Er hat es geschafft, dass die Labour Party mitgliedertechnisch die stärkste europäische sozialdemokratische Partei ist. Er steht inhaltlich für viele Dinge, für die auch ich stehe. In der Sozialdemokratie will man oft nicht anecken, nicht zu radikal wirken; man könnte ja Wähler verschrecken. Aber eigentlich ist der Kapitalismus nie ein Wirtschaftssystem gewesen, mit dem wir zufrieden sein können.