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People | 10.12.2018

Strahlende Schlagersängerin und zornige Widerstandskämpferin.

In beiden Rollen steckt Niki Kracher, deren Karriere einmal Knötchen an den Stimmbändern bedrohten.

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"Die Schlagerszene mag den Ruf haben, oberflächlich zu sein. Ich verstelle mich nicht." Niki Kracher, Sängerin und Schauspielerin © Ramona Hackl

Wutentbrannt stürzt sie in den Theatersaal. Mit Boxhandschuhen und übersät mit Blessuren. „I am not afraid!“, erzürnt sie sich. Sie kämpft gegen die, die andere verurteilen, ausgrenzen. Mit Worten und offensichtlich mit Taten. Das ist ein kleiner Auszug aus Niki Krachers Auftritt bei „Talkshow 1933 – Und welche Augenfarbe haben Sie?“, der aktuellen Eigenproduktion des Offenen Hauses Oberwart. Wer die zierliche Künstlerin aus dem Südburgenland zuvor kannte, wird vermutlich genauso erstaunt über diesen „Seitenwechsel“ sein, wie jene, die sie nach der Vorstellung googeln. So erging es uns, als wir dieselbe Person mit einer Website als strahlende Schlagersängerin fanden. Die nicht gerade alltägliche Kombination machte zusätzlich neugierig – wir besuchten Niki Kracher daheim in Oberwart. Zwei winzige Hunde empfangen uns schwanzwedelnd in ihrer Wohnung; einen von ihnen hat die junge Frau vor neun Jahren mit monatelanger geduldiger Zuwendung nach einem schweren Trauma aufgepäppelt. Auf dem Tisch duften Dinkelcookies. „Selbstgemacht“, sagt die sympathische Blondine, ehe wir in ihre Biografie eintauchen dürfen, die für ihren Vater gewissermaßen schon vor der Geburt glasklar war. „Als ich in Mamas Bauch war, hat er gesagt: ,Ich krieg’ ein Dirndl und das wird eine Sängerin’“, lacht Niki Kracher. Ihr Papa, Musikschullehrer und Herr über viele Instrumente, habe sie schon mit sechs Jahren auf die Bühne gestellt.

 

„I AM NOT AFRAID!“ Mit diesen Worten stürmt eine völlig veränderte Niki Kracher, die selbst Mama kaum erkannte, die „Talkshow 1933“ im Offenen Haus Oberwart. © Jennifer Vass/View

 

„Ich glaub’, ich hab’ gesungen, bevor ich reden konnte.“ Als sie die Volksschule besucht, betreiben ihre Eltern eine Zeitlang das „Eldorado“ in Oberwart. Es waren noch die Glanzzeiten der Discos. „Wir hatten von Dienstag bis Sonntag geöffnet und während Mama und Papa unten arbeiteten, hüpfte ich in ihrem Bett zum Dröhnen der Musik.“ Später beginnt Niki Kracher mit Querflöte. Mit zwölf Jahren – als sich übrigens endlich der große Wunsch nach einem Bruder erfüllte – rockt sie den Kiddy Contest und landet auf Anhieb auf Platz 2. Sie liebt die Bühne, ihr Papa schreibt ihr Songs, eine erste CD entsteht. Doch ausgerechnet an der Schwelle zur Pubertät muss sie schnell erfahren, dass die Freude über den Erfolg nicht alle teilen. „In der Schule formierte sich eine Anti-Niki-Gruppe, das war schlimm. Irgendwann wollte ich nicht mehr und habe alles hingeschmissen“, erzählt sie. Ein Jahr lang herrscht ziemliche Funkstille zwischen ihr und dem heißgeliebten Vater. Am Musikgymnasium Güssing entdeckt sie schließlich die Liebe zum Musical; in Eigenproduktionen spielt sie etwa die Sandy in „Grease“ oder die Jeannie in „Hair“. Ein neuer Lebensplan scheint greifbar, Niki Kracher liebäugelt mit einem Musical-Studium. „Dann werde ich drei Tage vor einer Premiere heiser und gehe zu einer Fachärztin“, erzählt sie. „Sie sagte ohne Umschweife zu mir: ,Sie haben Knötchen an den Stimmbändern, ich hoffe, sie hatten keine Berufsziele mit ihrer Stimme.‘“ Bis heute ist ihr die Fassungslosigkeit von damals ins Gesicht geschrieben. „Ich werde nie vergessen, wie ich meine Mama heulend nach dem Arzttermin angerufen habe.“ Wenngleich eine Logopädin und eine weitere Fachmeinung relativieren, Niki Kracher beschließt, auf Nummer sicher zu gehen, und inskribiert Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Uni Wien. Bereut habe sie auch das nicht, vieles von dem dort Gelernten wendet sie heute in ihren Musical-Workshops für Kinder und Schauspieltrainings an burgenländischen Schulen an. Eines Tages entfällt eine Vorlesung; ein Flyer von der großen Schauspielerin Elfriede Ott gewinnt ihre Aufmerksamkeit. „Sie lud zu Bewerbungsgesprächen für ihre damals ganz neue Schauspielschule. Ich habe das zwei Tage vor dem Termin entdeckt.“


Eine Bauchentscheidung.

Sie geht hin, das Gedicht holpert noch, aber mit Eponines „Nur für mich“ („Les Misérables“) überzeugt sie die Komission im Nu. Ihre Eltern, wenn auch überrascht, unterstützen sie. „Das war eine richtige Lebensschule für mich.“ Unterrichtet wird sie von namhaften Mimen wie beispielsweise Klaus Ofczarek und „auch wie ich durch eine bestimmte Sprech- und Gesangstechnik die Knötchen an den Stimmbändern massieren kann, habe ich dort gelernt“. Als sie später zur Untersuchung geht, ist glücklicherweise nichts mehr zu sehen. „Aber ich weiß, dass ich keine Stimmbänder ,aus Beton‘ habe. Ich muss auf sie achtgeben, sie sind mein Kapital. Es gibt nichts Schlimmeres für mich, als die Stimme zu ,verlieren‘.“ Die Castings in Wien sind kräfteraubend, ein Leben ausschließlich in der Großstadt wird ihr „zu laut“. „Ich bin halt ein Burgenländer-Madl“, schmunzelt sie. Ihre Familie, ihr wunderbarer Freundeskreis, der erst kürzlich nach einem schmerzlichen Verlust noch mehr zusammenrückte, waren ihr zu weit weg in Wien. Niki zieht bald nach dem Studium komplett nach Oberwart zurück.

 

NIKI PUR. Am Klavier in ihrer Wohnung in Oberwart.

 


Die Liebe zum Schlager.

Dort jongliert sie ein „Multitasking-Konzept“: Sie unterstützt ihren Papa in dessen Multimedia-Verleih für Events, unterrichtet Kids in Schauspiel und Co., singt in der Band „Hit4You“ und tritt regelmäßig bei Frank Hoffmanns Güssinger Kultursommer auf. Irgendwo dazwischen – Stars wie Helene Fischer haben ein bisschen was damit zu tun – keimte in ihr erneut die Sehnsucht nach deutschen Schlagern auf. „Seit drei Jahren knie ich mich da richtig rein“, verrät sie und trällert uns im nächsten Moment ein „Am Strand von Malibu, da gibt es kein Tabu“. Sie strahlt, ihre Augen funkeln, ohne Zweifel, das ist Liebe. Vor zwei Jahren schon nahm sie im Studio von Kreativpartner Lukas Lach eine Weihnachts-CD auf, 2019 soll ein Album mit eigenen Songs folgen.
Und die zornige Demonstrantin im OHO? „Mit Angelika Messner als Regisseurin und tollen Schauspielerin wie Marie-Christine Friedrich oder David Wurawa zu spielen, das ehrt mich sehr und macht sehr viel Spaß.“ Das Extreme, wie es der Rolle innewohnt, habe zwar wenig mit ihrem Charakter gemeinsam. Aber die Botschaft der Sache, nämlich gegen Diskriminierung jeglicher Art aufzustehen, hat sie in dem Moment überzeugt, als sie die Rolle angeboten bekam. „Meine Schlagerszene mag den Ruf haben, oberflächlich zu sein. Ich bin ehrlich, ich verstelle mich nicht. Mich selbst hat diese Produktion wachgerüttelt: Wir dürfen nicht wegschauen. Auch heute nicht.“