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People | 25.12.2018

Mädchentraum auf Eis

Mit vier Jahren das erste Mal auf dem Eis, mit 15 Olympia-Teilnehmerin: Heute rangiert die Mittelburgenländerin Miriam Ziegler mit ihrem Partner auf der Paarlauf-Weltrangliste ganz weit oben.

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© Shutterstock

Ihr zuzusehen, ist wie Meditation von außen. Runterkommen, genießen und sich am Anblick des Eiskunstlaufs erfreuen. Wenn Miriam Ziegler mit ihrem Partner Severin Kiefer über das Eis gleitet, sieht es so aus, als ob sie den ganzen Tag nichts anderes machen würde. Mindestens sechs Mal pro Woche trainiert die 24-Jährige für ihre sportliche Leidenschaft. Doch nicht immer war die Begeisterung über die Trainings so groß. „Ich erinnere mich da an eine spezielle Situation, die ich wohl nie vergessen werde. Ich war mit meinen Freunden in Stoob nach der Schule im Winter Bobfahren bei einem Hügel. Wir hatten so viel Spaß. Plötzlich fuhr das Auto meiner Oma vor – sie kam, um mich fürs Training abzuholen. Ich wollte überhaupt nicht, wusste aber, ich muss. Von diesen Momenten gab es viele.“ Ihre Oma fuhr regelmäßig mit ihr zu den Trainings – zuerst nach Eisenstadt, dann nach Wien. „Aber sobald ich am Eis stand, war alles andere egal und das Bobfahren war unwichtig. Das war das, was ich machen wollte. Rückblickend bin ich meiner Oma dankbar, dass sie hartnäckig geblieben ist.“

Talent entdeckt.

Als sie mit vier Jahren zum ersten Mal in Schlittschuhen auf dem Eis stand, ahnte diesen Werdegang noch niemand. Doch schon ein Jahr später wurde sie von einer Trainerin angesprochen, die ihr Talent entdeckte, und bald darauf besuchte sie zum ersten Mal ein Trainingslager. Schon zwei Jahre später fuhr sie zu Wettkämpfen und trainierte regelmäßig in Wien. „Als ich elf war, habe ich für mich selbst entschieden, dass ich die Schule wechsle und nach Wien ins Internat gehe.“ Nach der ersten Klasse im Gymnasium Oberpullendorf wechselte sie also ins Gymnasium in der Boerhaave­gasse in Wien, wohnte dort im Internat und konnte sich von Jahr zu Jahr verbessern.

Sturz & verlorenes Interesse.

2010 nahm sie zum ersten Mal an den Olympischen Winterspielen teil. Doch ein böser Sturz und der Druck, der auf ihr lastete, waren zu viel für die damals 15-Jährige. „Das Schlimmste waren die Internet-Videos, die immer wieder meinen Sturz zeigten, und daneben stand: ‚Dabei sein ist alles‘. Es gab viele Personen, die haben es mir von Anfang an nicht vergönnt, dabei zu sein. Das hat mir viel zerstört. Mir wurde alles zu viel, ich habe mich ein bisschen gefangen gefühlt.“ Damals war sie in der Pubertät, konnte mit diesem Druck nicht umgehen, heute würde sie anders reagieren. „Es hat sehr lange gedauert, bis ich richtig damit abschließen konnte. Das war hart.“ Was danach folgte, war eine Zeit, die geprägt war von Selbstzweifeln, und sie führte schließlich zum vermeintlichen Ende der Eislaufkarriere.

6-Tage-Woche, davon rund 10 Stunden am Eis, 7–8 Stunden Technik bzw. Hebungen am Trockenen und weitere 4 Stunden Athletik-, Kraft- und Ausdauertraining. © wildbild

 

Olympia II.

Doch schon ein paar Jahre später – der Kontakt zu ihren Trainern und den Kollegen riss nie ganz ab – wurde ihr angeboten, es als Paarläuferin zu versuchen. „Ich habe Severin schon davor von einigen Meisterschaften gekannt, die Szene in Österreich ist nicht so groß. Als er mich gefragt hat, wurde mir erst bewusst, wie sehr ich das Eislaufen vermisse.“ Das war im Frühjahr 2013. Die Olympischen Spiele 2014 waren kurze Zeit später das erklärte Ziel des Paares. „Paarlaufen hat mich schon immer interessiert, aber es ergab sich nie die Möglichkeit dazu.“ Die Frauen in dieser Disziplin sollten eher klein und zierlich sein, während die Männer eine gewisse Stärke brauchen. Paarlaufen birgt mehr Gefahren als der Einzellauf, „Mädchen müssen schon ein bisschen verrückt sein, um das mitzumachen.“ Miteinander springen, laufen und Hebefiguren durchzuführen, erfordert eine gewisse Vertrautheit und Verbundenheit. Bereits ein halbes Jahr nach ihrem ersten gemeinsamen Training erliefen der aus dem Salzburger Land stammende Severin Kiefer und Miriam Ziegler einen Startplatz für Österreich für die Olympischen Spiele. Und diese zweite Olympia-Erfahrung wurde für Ziegler zu einer positiven: Sie erreichten zwar „nur“ den 17. Platz, aber sie liefen das bis dahin beste Kurzprogramm ihrer Karriere. Die Motivation war groß. Und dadurch kam die Übersiedelung nach Berlin. „In Europa gibt es nicht viele Städte und Länder, wo das Paarlaufen gut trainiert werden kann, Russland war für uns kein Thema, Italien und Frankreich standen noch zur Auswahl, aber Berlin erschien uns am naheliegendsten.“

Ein Paar am Eis und auch daneben.

Ins Burgenland kommt Miriam etwa alle drei Monate. „Natürlich vermisse ich meine Freunde und Familie zu Hause, nix kann halt so ein Schnitzel von der Mama ersetzen. Aber wir haben in Berlin einen großen Freundeskreis und wir haben einander.“ Denn auch abseits der Eislauffläche sind Severin und Miriam ein Paar. „Ursprünglich ging es nur um den Sport, aber wir haben schnell gemerkt, dass da noch mehr ist, wollten dem aber nicht sofort nachgeben, weil das halt auch schiefgehen kann.“ Ist es aber nicht. Dass sie quasi rund um die Uhr zusammen sind, ist für die beiden Gewohnheit. In ihrer Wohnung gibt es außerdem einen Puffer namens Kenny: „Wir haben seit 1,5 Jahren einen Hund. Wenn wir uns mal auf die Nerven gehen, dann geht einer mit ihm raus“, lacht die 24-Jährige. „Für uns passt das so, wir würden nichts ändern wollen.“ Bis 2022 ist eine Änderung der Gegebenheiten für das Paar auch nicht vorgesehen, bis dahin wollen sie in Berlin bleiben und für Olympia 2022 trainieren. In der Weltrangliste der Paarläufer rangieren sie derzeit auf dem 13. Platz. Aktuell erliefen sie den 4. Platz beim Eiskunstlauf-Grand-Prix 2018 in Helsinki, bei der WM heuer in Mailand den 14. Rang, das beste WM-Ergebnis für Österreich im Paarlauf seit Jahrzehnten. Ende Jänner 2019 findet die EM in Weißrussland statt: Miriam und Severin sind guter Dinge und voller Motivation, ihr Ergebnis zu toppen. 

 

"Die Reaktionen nach meiner ersten Olympia-Teilnahme haben mir viel zerstört. Heute würde ich anders damit umgehen." Miriam Ziegler, Eiskunstläuferin. © wildbild


Miriam Ziegler … kurz gesagt:

 

… über ihre privaten Stärken:

„Ich denke, mit mir kann man ganz gut Spaß haben. Ich genieße es oft, Blödsinn zu machen, und habe es gern, wenn ich Leute in einem Raum mitnehmen und unterhalten kann. Und ich bin sehr ehrgeizig, man kann sich auf mich verlassen.“

… über ihre privaten Schwächen:

„Ich kann nicht so gut Kontakt halten. Wenn ich meine Freunde aus der Schule in Wien wiedersehe, höre ich mir liebe alles auf einmal an, was es zu erzählen gibt, als wenn ich aus der Ferne immer nur die Hälfte mitkriege.“

… über ihre Verbundenheit zu Stoob:

„Wenn ich es ab und zu schaffe, auf ein Festl zu gehen, ist es wie früher.“

… über ihre Zukunft nach dem Eislaufen:

„Ich mache nebenbei ein Fernstudium für Kulturwissenschaften. Geschichte und Literatur interessieren mich total. Ich könnte mir später mal einen Job im Kulturmanagement vorstellen.“

… über den Stellenwert des Eiskunstlaufs in der Gesellschaft:

„Ich habe den Eindruck, dass die öffentliche Wahrnehmung besser wird. Aber wenn ich sehe, welchen Stellenwert Eiskunstlaufen in anderen Ländern hat, dann ist Österreich ziemliches Schlusslicht. Aber der internationale Verband sucht nach Wegen, um den Sport für die Öffentlichkeit attraktiver zu machen. Die komplizierten und für die Zuschauer undurchsichtigen Punkteregelungen sind sicher ein Ansatzpunkt.“

… über die Bedeutung des Sports fürs Leben:

„Jede Sportart kann dir viel mehr geben als nur körperliche Fitness. Du lernst, diszipliniert zu sein, im Team zu arbeiten und Ziele abzustecken. Das bringt dir viel für dein weiteres Leben.“

Hund Kenny ist fast überall mit dabei.