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People | 02.01.2019

Sue ist jetzt Sam

Sam ist stolze, dreifache Mama – und wird Stück für Stück zum Mann. Sein steiniger Weg zum heutigen Lebensglück.

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"Mir war lange nicht klar, dass ich männlich bin. Aber eine Frau wollte ich nicht sein." Sam © Vanessa Hartmann

Du wirst schön schauen, wenn du meine Bartstoppeln siehst“, sagt er im feinsten Bass am Telefon, als wir uns verabreden. Die Stimme hatte mit der Sue in meinen Handykontakten nichts mehr gemeinsam. Bearbeiten, löschen, neuer Name: Sam. Das, was sich am Handy in Sekunden machen ließ, kostete Sam Jahrzehnte. Und leider auch sehr unglückliche Zeiten. Dabei hatte er schon sehr jung das Gefühl, „als hätte mich ein Außerirdischer auf der Erde vergessen“. Ich bitte ihn um Bilder aus Kindertagen; da ist eines dabei, auf dem er lässig frech auf einer Motorhaube sitzt. „Man sah damals schon, wie der Hase läuft“, lacht er. Sam ist ein Transgender-Mann, vor 47 Jahren geboren im Körper einer Frau. Sue entschied sich für eine neue Identität. Sue ist heute Sam. Hormonspritzen verändern seine Stimme, seine Behaarung, ja sogar die Art, zu denken, sagt er. „Das viele Grübeln ist weg, ich komme jetzt schnell zu einer Entscheidung.“ Sam geht nicht gerade hausieren mit seiner laufenden Geschlechtsangleichung, aber er spricht offen darüber, wenn es für ihn passt. Rutscht jemandem ein „Sue“ raus, schmunzelt er maximal; seine drei Kinder nennen ihn weiterhin Mama. „Das Pap-ma hat sich nicht durchgesetzt. Außerdem bleibe ich ja ihre Mutter. Mit dem Unterschied, dass mir jetzt mein Jüngster erklärt, wie ich mich rasieren muss.“

 

VERGANGENHEIT. Make-up, Kleidung und Co. – Sue hat es jahrzehntelang immer wieder mit der weiblichen Rolle versucht.


Puppenwagen statt Gokart.

Sam wuchs in Neulengbach, Niederösterreich, auf, hauptsächlich bei den Großeltern. „Da waren viele Freiheiten, ich spielte mit den Nachbarsbuben im Wald und im Bach. Alles war gut, bis ich festgestellt habe, dass ich ein Mädchen bin“, erzählt er. Das Mädchen wollte Opa in der Werkstatt helfen, wurde aber zum Kartoffelschälen geschickt. „Ich hab’ mir ein Gokart gewünscht, gekriegt hab ich einen Puppenwagen.“ Wut empfindet er deswegen nicht, wenn er heute zurückblickt. „Das war in den 1970ern, 1980ern so; sie hatten es nicht schlecht mit mir gemeint.“ Richtig schlimm sind die Erinnerungen an die Pubertät. „Ich war die Größte, habe nichts gelernt und war trotzdem sehr gut in der Schule – ein ideales Mobbingopfer.“ Die junge, belesene Frau beschließt, ihre Außenseiterrolle zu zelebrieren; als Sherlock-Holmes-Fan trägt sie Anzüge und Herrenhüte – und wird „versehentlich“ schwanger. Sie darf das Kind nicht behalten und zerbricht daran. „Ich stürzte mich in Alkohol und Drogen. Gerettet hat mich die schulische Beratungsstelle; fünf Jahre lang ging ich zu einem Therapeuten, er hat mich damals repariert. Jedenfalls habe ich etwas Wichtiges gelernt: Hilfe zur Selbsthilfe.“

Mutterwerden.

Immer wiederkehrende Depressionen verfolgen Sam, bis er etwa 30 ist. Der ständige Versuch, der weiblichen Rolle, sei es durch Auftreten, Kleidung oder Make-up, gerecht zu werden, raubt viel Energie. „Mir war nicht klar, dass ich männlich bin; ich wollte aber keine Frau sein“, schildert er. Die Chance, eine technische Ausbildung zu machen, bleibt ihm als junger Mensch verwehrt. Viele schulische und berufliche Abenteuer – von der Modeschule über Tattoo-Studio und Biker-­Bar – führten ihn bis zur heutigen eigenen Werbeagentur, die er mit seiner Tochter gründete. Zwischen 18 und 24 Jahre alt sind seine drei Kinder; dass er Kinder haben möchte, stand immer außer Zweifel. „Der Wunsch, eine eigene Familie zu haben, ist doch unabhängig vom Geschlecht! Die Schwangerschaft war für mich die einzig richtig gute Zeit am Frausein.“ Zum Stillen hatte „sie“ einen pragmatischen Zugang, eine „typische Mama“ sei Sue nie gewesen. „Wir haben Lagerfeuer gemacht, Zelte gebaut, Bogen und Pfeil gebastelt und Videospiele gespielt. Irgendwie war ich beide Rollen; das Wichtigste war mir, den Kindern viel Liebe und Nähe zu geben.“ Zu den Kindesvätern stellte sich die große Liebe hingegen nicht ein; lange habe sie nach einem Mann gesucht, der wie ihr Großvater war. „Bis ich feststellen musste, dass ich vielmehr so sein will wie er.“ Es war quasi ein Aha-Effekt, als Sue plötzlich merkte, dass sie gewisse Männer etwa am TV-Bildschirm nicht einfach anziehend findet, sondern dass sie sie um ihr Mannsein beneidet.

Neues Körpergefühl.

Es waren die 2000er-Jahre; zu früh für eine neue Identität, die Kinder waren zu klein, empfand sie. „Ich weiß, was es bedeutet, gemobbt zu werden; ich wollte ihnen nicht eine Mutter antun, die plötzlich zum Mann wird.“ Ihr Unternehmen schupfte sie von zu Hause online, also verkriecht sie sich jahrelang lieber ebendort und schart nur Familie und beste Freunde um sich. Irgendwann beginnt die Gesundheit zu streiken, „es war klar, ich musste etwas tun“. Als Sportmuffel auf der Suche nach etwas, das ihr Spaß machen sollte, stößt sie auf Zumba. „Das ist mir ja fast peinlich“, schmunzelt er verlegen. Die Bewegung, die lateinamerikanische Musik und neue Menschen wecken in Sue ein neues Körperbewusstsein. Die Zeit war reif geworden, aktiv zu werden. „Ich begann, Infos zu sammeln, plötzlich war das Thema Geschlechtsangleichung überall – und ich beschloss, mich zu outen.“ Manche zeigten sich nicht einmal sonderlich überrascht, auch ihre Kinder hätten relativ schnell Frieden mit der neuen Situation geschlossen. Selbst mit seinen wichtigsten Kunden habe er die aktuellen, unübersehbaren Veränderungen besprochen. „Nur meine Mutter bezeichnet mich weiterhin eisern als ihre Tochter“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Sockenstricken mit Vollbart.

Ein Spaziergang ist das Procedere der Geschlechtsangleichung freilich nicht. Der dauerhaften Behandlung mit Hormonen gingen verschiedene medizinische und psychologische Untersuchungen bevor; auch eine bestimmte Anzahl von Therapiestunden sind Vorschrift. Noch diesen Winter sollen Brüste, Gebärmutter und Eierstöcke entfernt werden. „Auf welche Toilette gehe ich bis dahin?“, fragt er. Wissend, dass ihm eine große, mehrstündige Operation bevorsteht, sehnt er sie dennoch herbei. Ob er sich für ein Penoid (Penisersatz) entscheidet, um sich als vollständiger Mann zu fühlen, will er sich noch offenlassen. Und die Liebe? „Ich bin nicht auf der Suche nach einer Beziehung. Aber ich habe heute mehr Freude und Spaß am Leben als jemals zuvor“, sagt Sam lachend. Mit Frauen oder Männern? „Nicht ein Geschlecht ist für mich anziehend, sondern ein Mensch, eine Persönlichkeit.“ Ein bisschen sieht Sam in seiner Offenheit auch eine Mission. Vielleicht für andere, die sich nicht zu offenbaren wagen. „Ich kann verdammt gut Socken stricken. Ich warte nur noch auf einen Vollbart, dann könnte ich Youtube-Tutorials online stellen“, lacht er. „Ich will Klischees aufbrechen.“

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GANZ SCHÖN LÄSSIG. Fotos aus Kindertagen. „Auf dem Bild sah man schon, wie der Hase läuft“, lacht Sam.
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OHNE TABUS. Sam im Gespräch mit Redakteurin V. Kery-Erdélyi.