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People | 10.01.2019

Queer Queen

Alexandra Desmond ist die Mutti des Tuntenballes, ist die Tante, die man selbst gern hätte, die gern und laut über Geschlecht, Klischees und starre Moral nachdenkt.

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© Andy Joe

Alexandra Desmond ist Plaudertasche, Fem me fatale, ist Tante mit großem Busen und offenem Ohr. Eine Frau, die keine ist und die sich kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um brisante Themen geht. Alexandra Desmond ist eine aufgeregte Mutti, wie die Wirtin des Dortwirtshauses, die selbst bestimmt, was den Gästen schmeckt. Zwischen ihr und Sopia Loren gebe es keinen Unterschied, sagt Miss Desmond mit dem Brustton der Überzeugung. Beide Frauen seien nur geschminkt die, die man kenne.

Alexandra Desmond ist im bürgerlichen Leben Mann und schlüpft seit über zehn Jahren in Damenkleidung. 2019 moderiert sie zum zehnten Mal den Tuntenball, der dann sein 30-Jahr-Jubiläum feiern wird. Sie wird auch nächstes Jahr wieder ihr „liebevoll hinaufgefuttertes Fett“ in eine Korsage quetschen, nach oben freilich, damit dort Körbchengröße 85 DD rausschaut. Ihre Roben werden von der 80-jährigen Schneiderin Madame Justine maßgeschneidert nach Originalschnittmustern, vornehmlich aus dem 19. Jahrhundert oder – ihr Lieblingsstück – einen nachgeschneiderten Kaftan von Yves Saint Laurent. Alexandra wird mit ihren 1,80 Metern Körpergröße so zur imposanten Erscheinung. Inspiriert haben sie die Salon-damen des 19. Jahrhunderts, mehr aber die Frauen in ihrer Familie, die Großmutter, die Tante, die über 100 Jahre wurde, und die Mutter, die viel zu früh verstorben ist. Sie war blind, aber voller Leben, „im Vergleich zu ihr bin ich zurückhaltend und ruhig“, scherzt Miss Desmond. Sogar am Tuntenball sei sie gewesen und „sehr stolz“ auf „ihre Alex“. Der Nachname Desmond ist eine posthume Verneigung vor der Stummfilm-Figur Norma Desmond, „a faded Star from the Silverscreen“ oder „a fatter Star from the Silverscreen“, wie Miss Desmond despektierlich über sich sagt. Doch liebt sie ihre Kurven und auch kokettiert auch gern damit. Sie zitiert Diana Vreeland, frühere Chefin der Vogue, die postulierte, man solle genau das, was man nicht an sich möge, herausstellen, und die Barbara Streisand ermutigt habe, ihre Nase gerade im Profil zu zeigen.
Miss Desmonds Selbstbewusstsein und Authentizität kommt an. Vornehmlich Taxifahrer aus dem arabischen Raum machen ihr einschlägige Angebote. Doch die gemütliche Tante wird ungemütlich, wenn es um Geschlechterdiskriminierung geht, die auch sie trifft. „Der Mann, der mir kürzlich zwischen die Beine gegriffen hat, verbrachte seinen Tag sicher mit einem großen Eisbeutel im Gesicht“, erzählt sie. Zivilcourage ist auch so ein Thema, das der Diva wichtig ist. „Ich bin bekannt dafür, einzugreifen, wenn ich merke, dass eine Verkäuferin von einem Kunden niedergemacht wird.“

 

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© Andy Joe

Medizin schluckt sich besser,
wenn man sie auf Zuckerwürfel gibt.

– Miss Desmond,
über ihren politischen Aktionismus auf der Bühne

Miss Desmond wird sogar politisch, wenn es um Schönheit geht. Oder gerade hier. Auch wenn sie sich ihre Augenbrauen „nachmalen“ muss, weil von der vielen Zupferei nicht viel Härchen übrig geblieben sind („dafür sind Haare und Fingernägel echt!“), stemmt sie sich gegen das Postulat „Schönheit um jeden Preis“. Es seien drei Sekunden, in denen die Schönheit einer Frau wirke, danach müsse Substanz kommen – Charme, Charisma, Ausdruck, „die schönste Porzellanterrine ist bedeutungslos, wenn die Suppe darin nicht schmeckt“. Frauen sollten nach Authentizität streben und das als ihre große Stärke sehen und nicht im Spiegel nach Fehlern suchen. Lakonisch schiebt sie nach: „Ich möchte statt ‚Ich bin so dick, ich muss abnehmen‘ einmal hören: ,Ich bin so dumm, ich muss unbedingt ein Buch lesen!‘“ Sie verehrt Erni Mangold, die auch noch im Alter schön und nicht weniger beharrlich ist, und ärgert sich darüber, wenn Frauen, die sagen, was sie sich denken, als zickig dargestellt werden, Männer hingegen als willensstark. Sie bedauert, dass es für alte Frauen nicht genug Rollen in Filmen gibt. „Wir diskutieren über so viele sinnlose Themen wie Schlankheit statt darüber, was in der Gesellschaft falsch läuft“, betont Desmond.

Und da gäbe es ihrer Meinung nach genug Themen, über die man sprechen müsste. Selbst aus einer jüdischen Familie stammend, ärgert sie maßlos, dass Rassismus und Antisemitismus salonfähig wurden. Miss Desmond lästert über das neue Biedermeier, dem viele junge Menschen anhingen, „aber in Verbindung mit einem Schuss Barock, weil wichtig ist, was man anhat, wie man die Haare trägt. Die Fernsehsender sind ja voll mit Koch-, Wohn- und Pimp-my--Poodle-Sendungen, wo es um das Dekorieren geht“, scherzt sie. Warum ist das so? „Ich denke, viele Menschen sind überfordert und sehnen sich in die eigenen vier Wände oder in alte traditionelle Muster.“ Nicht unkritisch zeigt sich die Diva, was das eigene biologische Geschlecht betrifft. „Männer haben leider nie einen Prozess der Emanzipation durchlebt.“

 

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© Andy Joe

Was ist für die Femme fatale überhaupt Geschlecht? Sie überlegt (das einzige Mal, dass eine Antwort nicht wie aus der Pistole geschossen kommt). „Sagen wir so: Es gibt eine amerikanische Studie, wonach mit zunehmendem Bierkonsum die Aversion gegenüber dem eigenen Geschlecht abnimmt.“ Was übersetzt bedeutet, dass viele Frauen sich eine Beziehung mit anderen Frauen vorstellen können. Männer erst, wenn sie ein paar Gläser intus hätten. „Das ist, als würde ich Broccoli mögen, Kohlsprossen nicht, und auch bei einer köstlichsten Zubereitung sagen: ‚Ich habe noch nie welche probiert, doch wenn ich Kohlsprossen mögen wollte, müsste ich welche essen.‘“ Die Steifheit in Bezug auf solche Themen führt sie auf das noch immer herrschende Patriarchat zurück, das auch bei Männern zunehmend „Magengeschwüre, Haarausfall und schlechten Atem“ verursache. „Im patriachalen System sind alle die Geknechteten“ sagt Miss Desmond: Frauen, an die Forderungen gestellt werden, schlank, schön, faltenlos zu sein und „nach 15 Kindern“ auszusehen, als käme man aus dem Modemagazin, genauso wie Männer, die immer cool sein müssten, den richtigen Ton treffen.

Privat lebt sie mit ihrem Partner, dem „Earl of Desmond“ zurückgezogen in Graz, kümmert sich neben der Bühnenfigur Miss Desmond um Haushalt, Garten und die vier Katzen. Sie liebt den Humor von Wilhelm Busch und Loriot und natürlich den eigenen. „Es gibt nichts Befreienderes, als über sich selbst lachen zu können.“ Schließlich lebe man viel kurz und sei zu lange tot.

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© Andy Joe