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People | 08.02.2019

Pragmatischer Fels in der Brandung

Es gibt nicht viele Politiker, die derart lange im Dienst sind. Landeshauptmann Hans Niessl im ganz persönlichen Interview über sein privates, turbulentes Jahr 2018 und über die Kunst, Konflikte zu lösen und Kompromisse zu schließen.

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© Emmerich Mädl

Er war 18 Jahre lang Landeshauptmann des Burgenlands – mit Ende Februar übergibt er an seinen Nachfolger Hans Peter Doskozil. Wir trafen Hans Niessl in seiner Heimatgemeinde Frauenkirchen, in der Lodge der St. Martins Therme, zum gemütlichen Austausch, der mit einem offiziellen Interview begann und Stunden später mit einem Plausch aus dem Nähkästchen der Politik, persönliche Befindlichkeiten bei politischen Entscheidungen und Uhudlerfrizzante an der Bar endete.

In den letzten 18 Jahren gab es sicher viele schöne und erinnerungswürdige Momente in Ihrer Karriere als Landeshauptmann – welcher besondere Moment fällt Ihnen spontan als Erster ein?

Die Feiern bei den großen Abschnitten, die wir erreicht haben. Wie die 100.000er-Marke bei den Beschäftigungen oder als wir die drei Millionen Nächtigungen erreicht haben sowie auch vor einigen Jahren, als das Burgenland stromautark wurde. Bei all diesen Meilensteinen haben wir gemeinsam mit Vertretern der Arbeitnehmer und der Wirtschaft eine kleine Feier veranstaltet.


Nach so langer Zeit in der Politik, ist es da einfach, sich endgültig davon zu verabschieden?
Man muss als Politiker konsequent sein. Zum einen muss man konsequent arbeiten können, auf der anderen Seite muss man auch in der Lage sein, loszulassen. Das bedeutet, keine Kommentare mehr abzugeben, wenn man nicht mehr in der Politik ist. Genau das habe ich vor. Ich glaube, es wäre das Schlechteste, nicht mehr politisch tätig zu sein und trotzdem Kommentare abzugeben. Das hat den Anschein, als könne man nicht loslassen.

War es ein großer innerlicher Konflikt für Sie, sich dazu zu entscheiden, sämtliche politische Ämter zurückzulegen?
Nein, war es nicht. Als Politiker weiß man, dass man nur befristet in der Branche ist. Deshalb war Bundespolitik für mich nie ein Thema, weil man dort noch befristeter ist. Ich habe in meiner Zeit als Landeshauptmann fünf Bundeskanzler und unzählige Minister miterlebt. Dass ich 18 Jahre als Landeshauptmann dem Land dienen durfte, dafür bin ich dankbar. Es waren 18 gute Jahre.

Von den fünf Landesräten in der burgenländischen Regierung werden zwei weiblich sein, beide von der SPÖ. Die Bundes-SPÖ ist seit Kurzem mit Pamela Rendi-Wagner zum ersten Mal in ihrer Geschichte in Frauenhand. Gibt es einen weiblichen Zugang zur Politik bzw. eine weibliche Art, Politik zu machen?
In vielen Bereichen wird die Qualität der Entscheidungen verbessert, wenn in die Entscheidungsfindung Frauen einbezogen werden, weil Frauen einen anderen Zugang zu Problemen und einen anderen Blickwinkel haben. Deshalb ist es absolut wichtig, dass in der Politik sowie in allen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereichen Frauen stark vertreten sind.

Werden Sie nach dem 28. Februar etwas in Ihrem Alltag vermissen?
Natürlich hat man seine Gewohnheiten, kommt täglich ins Büro, sieht seine Mitarbeiter und Kollegen. Wenn man das  nicht mehr hat, bedeutet das schon einen Einschnitt, der auch emotional ist. Aber ich sehe das ganz pragmatisch. Das gibt es bei jeder beruflichen Veränderung.

Das letzte Jahr war für Sie privat eher turbulent. Sie haben damals gesagt: „Die Liebe trifft einen oft unerwartet“ – wie haben Sie sich gefühlt, als Sie gemerkt haben, dass eine neue Liebe Sie getroffen hat? Ich kann mir vorstellen, das wirft das ganze Leben über den Haufen.
Naja, zumindest das Privatleben. Es war nicht einfach, aber es war nun mal so. Natürlich trägt auch der Job dazu bei. Wenn man 80 bis 90 Stunden in der Woche unterwegs ist, dann ist das für eine Beziehung nicht unbedingt optimal.

Hans Niessl
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Besuch des schwedischen Königs Carl Gustaf 2007 in Eisenstadt.
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2018 war Niessl zu Besuch bei Kommissionspräsident Juncker in Brüssel.
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Shake Hands: Im Laufe der Jahre konnte Niessl viele Persönlichkeiten kennenlernen, wie Papst Benedikt XVI …
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… das japanische Prinzenpaar …
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… oder Angela Merkel.
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In der Bibiolthek der St. Martins Lodge in Frauenkirchen sprach Redakeurin Nicole Schlaffer mit Landeshauptmann Hans Niessl.

Bei Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, erlauben sich viele Menschen ein Urteil über deren private Entscheidungen. Wie sind Sie persönlich mit diesen Einmischungen und Kommentaren umgegangen?

Als Politiker musst du damit leben und umgehen können, dass du in der Öffentlichkeit stehst, dass viele Menschen dich kennen und eine Meinung zu deinen Entscheidungen haben. Natürlich ist es auch vorgekommen, dass Menschen mich kritisiert haben. Aber der überwiegende Teil zeigte Verständnis. Viele haben gesagt, dass ihnen das auch schon passiert sei. Trennungen gibt es. Und wer in der Öffentlichkeit steht, muss damit rechnen, darauf angesprochen zu werden. Ich habe das nicht als Belastung empfunden.

Sie wirken wie ein Fels in der Brandung. Gibt es nichts, dass Ihnen ernsthaft zusetzen kann?

Ich bin seit 33 Jahren in der Politik. Da habe ich vieles gelernt, auch über mich selbst und über die Menschen an sich. Es kommt ja auch vor, dass, wenn du mit einer neuen Mitarbeiterin ein paar Mal bei einer Veranstaltung bist, gleich das Gerücht entsteht, das sei die Freundin. Auch damit musst du umgehen können. Mir tun dann aber die Mitarbeiterinnen und deren Umfeld leid, wie kommen die dazu, dass das in diese Richtung interpretiert wird? Manchmal wird das sogar bewusst als gezielte Aktion gemacht und man weiß sogar, woher es kommt. Es gehört leider dazu, dass man Gerüchten ausgesetzt ist.

Wo wird Ihr Lebensmittelpunkt ab März sein?

Meine Lebensgefährtin und ich haben eine gemeinsame Wohnung in Eisenstadt, wobei sowohl ich als auch sie noch einen weiteren Wohnsitz haben. Ich bin zudem oft in Frauenkirchen, heute am Abend zum Beispiel am Feuerwehrball. Und für die Zeit nach der Politik habe ich mich dazu entschieden, als Berater mit einer eigenen Firma tätig zu sein. In welche Richtung das konkret geht, wird sich dann im März zeigen.

Apropos Entscheidungen. Eine persönliche Frage, die das politische Leben allgemein betrifft: Wie vereinbart man das mit sich selbst, oft Entscheidungen mittragen zu müssen, die man selbst nicht so getroffen hätte?

Die Beschlüsse und Ergebnisse sind oft Kompromisse. In diesen 18 Jahren hatte die SPÖ fünf Jahre lang die absolute Mehrheit, war aber trotzdem quasi in einer Koalition mit der ÖVP, weil es damals noch die Proporzregierung gab. Und in den anderen 13 Jahren hat es de facto Koalitionen gegeben. Das heißt, man muss einen Weg mit einem Partner finden. Es müssen sich sowohl die eigenen als auch die Vorstellungen des Partners darin finden. Die Demokratie lebt vom Konsens, vom Zuhören, von Vorschlägen und schlussendlich von einer Meinungsbildung.

Das ist eigentlich wie in einer Beziehung …

So ist das ganze Leben. Jemand hat einmal gesagt, das Leben bestehe aus Kompromissen. Man muss bereit sein, die Meinung der anderen nicht nur zu hören, sondern auch in die Entscheidungsfindung einfließen zu lassen. Und manchmal wandelt sich die eigene Meinung auch, wenn man die Argumente und Meinungen der anderen in seine eigenen Überlegungen miteinbezieht. In der Politik muss man mit der Herausforderung, nicht immer recht zu haben, umgehen und leben. Und manchmal weißt du am Beginn der Diskussion schon, was am Ende der Kompromiss ist (lacht).
Werden Sie sich nach Ihrer Polit-Pension mehr Freizeit nehmen und wie gestalten Sie diese dann?
Ich möchte mich wieder mehr bewegen. Im Winter Ski fahren und im Sommer Rad fahren, dazwischen Wandern gehen und viele Städtereisen machen.

Fotos: Emmerich Mädl, Bgld. Landesmedienservice


Wordrap

mit LH Hans Niessl

Was liegt derzeit auf Ihrem Nachttisch?
Ein Buch über Pädagogik.


Worüber können Sie sich maßlos ärgern?
Wenn Unwahrheiten behauptet werden.


Was bringt Sie am meisten zum Lachen?
Wenn ich nach Veranstaltungen mit Freunden ein Bier trinke und es rennt ein bissl der Schmäh.


Was würden Sie als den Sinn des Lebens bezeichnen?
Gute Bildung, gutes Einkommen und hohe Lebensqualität.


Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Als erfolgreicher Berater.