Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 12.02.2019

Rückzug vom Rückzug

Lisa Pflegers Reduktion begann mit veganer Ernährung. Heute lebt sie in einem Bauwagen auf zwölf Quadratmetern, baut Obst und Gemüse selbst an. Vor einem Burn-out ist sie aber nicht gefeit, sagt sie.

Bild 1902_B_EM_10_Lisa Pfleger_55.jpg
Lisa pur. Knapp 30, traumhaftes Haar, ein wunderschöner Teint. Gute Gene? An der Kosmetik liegt es nicht. Lisa Pfleger lässt kaum mehr als Wasser an ihre Haut und selbst das muss sie aus dem Garten holen. © Vanessa Hartmann

Der Wind pfeift um die Ohren, die Finger werden nach einer Zeile schreiben klamm. Bedrohlich dunkle Wolken türmen sich plötzlich über den Bezirk Güssing, wir flüchten schnell in die warme Stube. Pardon, in den Wagen. Kaum ist man aus den Schuhen geschlüpft, schon steht man mitten in Lisa Pflegers Leben. Zwölf Quadratmeter nennt sie ihr Eigen, ihr Domizil ist ein umgebauter Bauwagen, „mein Zirkuswagen“, schmunzelt die junge Frau. „Mit Zusammenräumen und Putzen bin ich schnell fertig.“
Zweimal zucke ich bei vermeintlichen Donnergrollen zusammen, da winkt Lisa schon ab: „Das ist mein Dach. Der Wind verbiegt das Blech, das ist laut. Hab schon versucht, es rauszuklopfen, aber dann kommt es an einer anderen Stelle wieder“, zuckt sie mit den Schultern. Es war kein spektakulärer Ausbruch aus einem Leben davor. Zumindest nicht von einem Tag auf den anderen. Es war ein jahrelanger Prozess, bis die heute 29-Jährige etwa den Komfort eines Badezimmers aufgab. „Wenn ich unbedingt ein Bad brauche, baue ich mir eines; bis jetzt war das Bedürfnis danach nicht groß genug.“


Katzenwäsche.

Ihre Toilette befindet sich draußen; sie hat auch fließendes Wasser am Grundstück, aber eben nicht in ihrem „Zirkuswagen“. Sie holt es von der Leitung im Garten, dann wird es am Ofen gewärmt – für die tägliche „Katzenwäsche“, wie sie selbst sagt. „Ich hätte es zuvor ja selbst nicht für möglich gehalten, wie sauber man auch auf diese Weise werden kann“, verrät sie. „Gut, ich gebe zu, wenn ich bei Freunden bin, dann dusche ich ausgiebig“, lacht sie. Ein solches Vergnügen kostet sie in den wärmeren Monaten im Freien aus, wo sie sich hinter meterhohen Topinambur-Pflanzen quasi ein Open-Air-Badezimmer gepflanzt hat. Ihr Leben findet ab dem Frühjahr ohnehin fast zur Gänze in der Natur statt. So baute und richtete sie sich draußen auch eine komplette Küche ein, in der sie ab dem Frühstück jede Mahlzeit zaubert. Selbst wenn es noch eine Jacke dafür braucht. So wenig wie man einen exakten Zeitpunkt für den Start für Lisas „alternative Lebensform“, wie sie es selbst nennt, ausmachen kann, so komplex ist die Antwort auf das Warum. „Neugier spielt dabei eine große Rolle“, analysiert sie selbst. Seinen Anfang nahm Lisa Pflegers Wunsch nach Reduktion mit der Umstellung ihrer Ernährung: Schon mit 16 verschwand alles Tierische von ihrem Speiseplan. Informationen über Massentierhaltung, der Gedanke daran, dass Tiere für sie sterben sollen, ließen sie umdenken. Lisa Pfleger studiert Umweltpädagogik, während dieser Zeit lernt sie ihren damaligen Freund kennen. Die beiden, die sich schon jung aktiv für den Schutz der Umwelt einsetzen, wagen den ersten „Ausstiegsversuch“: Zunächst leben sie auf einem Hof in Niederösterreich, dann in einer WG in Tschechien, ohne fließendes Wasser im Haus, dafür mit viel Eigenanbau im Garten. Schließlich zieht es sie ins Südburgenland. All ihre Experimente haben ein gemeinsames Ziel: möglichst wenig kaufen zu müssen, so viel wie möglich selbst produzieren und bauen. Vom Essen über Möbel bis hin zu Hygieneartikel. „Spannende Abenteuer waren das“, sagt Lisa Pfleger. Die beiden dokumentieren ihr Leben auch; ihr Selbstversorger-Blog ist 2016 sogar ein Thema der Zentralmatura (experimentselbstversorgung.net). Ausstieg auf Zeit. Der Landessüden hat es der gebürtigen Oberösterreicherin angetan; sie kauft von ihrem Ersparten ein Grundstück im Bezirk Güssing, 2017 verwirklicht sie darauf den „Traum vom Leben in einem Wagen“. Im selben Jahr hat sie zudem besondere Gäste bei sich: rund ein Dutzend Menschen im Alter zwischen 20 und 36 wollen es ihr gleichtun – für ein halbes Jahr. Sie hatte über ihren Blog zum Experiment eingeladen. Menschen, die sie zuvor gar nicht kannte, sollten die Möglichkeit bekommen, temporär in ihr Leben hineinzuschnuppern, so zu leben wie sie. „Ich wusste nicht, wie es wird; ich war dann fast überrascht, als die Leute, die sich angemeldet haben, wirklich alle kamen“, lacht sie heute. Der Start fiel noch dazu auf einen kühlen Frühling, „morgens war das Wasser gefroren und alle schliefen in Zelten. Aber das ist nur eine Frage der Ausrüstung.“ Alles geschah in der Gemeinschaft: vom Lageraufbau über Gemüseanbau bis hin zu Kochen und den Abenden am Lagerfeuer. „All das war eine Erfahrung, die ich keine Sekunde missen möchte.“ Der Lebensstil sollte freilich auch das Bewusstsein für Ressourcen schärfen, der ökologische Fußabdruck möglichst klein gehalten werden. „Es war total schön, wie wir dabei das Feuer erlebt haben: Es hält viele Menschen warm, es ermöglicht, Essen für viele zu machen, und es wurde täglich zum Begegnungsort für uns alle. Ich habe das sehr genossen“, schwärmt Lisa Pfleger.

Impressionen
Bild 1902_B_EM_01_Lisa Pfleger_5.jpg
Zauberhaft. Mini-Zuhause mit viel Stil.
Bild 1902_B_EM_13_Lisa Pfleger_2.jpg
 
Bild 1902_B_EM_05_Lisa Pfleger_15.jpg
 
Bild 1902_B_EM_08_Lisa Pfleger_39.jpg
 
Bild 1902_B_EM_12_Lisa Pfleger_69.jpg
Erfüllt. Wenn sie damit auch nicht reisen will, ein mobiles Zuhause war lange ihr Traum.
Bild 1902_B_EM_11_Lisa Pfleger_66.jpg
Zurück zum Ursprung. Im Garten steht ein Tipi, wenn Lisa Pfleger es warm haben will, muss sie Holz machen.

Viele Beweggründe.

Die eine Antwort gibt es nicht. Da ist freilich die kritische Auseinandersetzung mit der Herkunft von Produkten, mit dem Hinterfragen diverser (Bio-)Zertifikate – „und der Reiz, zu schauen, worauf man verzichten kann, was alles geht“, sagt Lisa Pfleger, während sie mit einem kleinen Messer ein Stück Holz bearbeitet. Das Feuer im Ofen ist erloschen, innerhalb kurzer Zeit wird es kühl in ihrem „Wohnwagen“. Die Atmosphäre hingegen ist zauberhaft. An den Wänden hängen ihre Gitarren, oberhalb des Ofens trocknen gerade Schuhe an der Wäscheleine, die Fenster zieren getrocknete Rosen, Lisas reduzierte Garderobe findet in Kisten Platz. Ihr materieller Besitz ist minimiert, drinnen kommt sie mit den Stauräumen aus, ein paar Sachen hat sie bei Freunden eingelagert. Was ihr Kopfzerbrechen bereitet, sind die Geräte, die sie für die Gartenarbeit braucht. Vielleicht sollte sie mal einen Schupfen bauen, grübelt Lisa. „Ich freue mich auf den Frühling“, seufzt sie und blickt sehnsüchtig hinaus. „Ich habe so viele Blumenzwiebeln gepflanzt, ich kann die Blüten kaum erwarten.“  Das ist aber längst nicht alles: Ihr großes Grundstück avanciert Stück für Stück zu einer vitaminreichen Oase. Da sind Apfel-, Marille-, Zwetschken- und Pfirsichbäume, Beeren- und Haselnusssträucher und im Sommer gesellt sich Gemüse hinzu. „Momentan tue ich aber gerade nicht so viel“, erzählt Lisa dann nach einer Weile. „Ich genieße auch die Zeit allein, ich lasse Konzepte los; eine Beziehung mit mir selbst ist auch wichtig. Ich hatte mich zuletzt in ein Burn-out katapultiert.“ Sie bemerkt unser Staunen. Ja, das geht auch in einer alternativen Lebensform, sagt sie. „All diese Ideale und Ziele, die ich habe … Ich wollte so viel tun, noch mehr anpflanzen, noch mehr selbst machen und habe mich schließlich auch über den Leistungsgedanken definiert.“

"Es ist wichtig, sich ständig zu hinterfragen. Wie ich jetzt lebe, muss nicht für immer passen." Lisa Pfleger

Ihr erstes Auto.

Lisa Pfleger liebt ihr kleines Paradies im Südburgenland, aber sie will sich nicht auf eine Sache, auf den einen Lebensweg versteifen. Überkommt sie die Lust auf etwas mehr Komfort, verbringt sie schon mal die eine oder andere Nacht in einer Wohnung mit einer heißen Dusche. Wenn sie bei lieben Menschen eingeladen ist, verbietet sie sich auch den Kuchen, der vielleicht mit Ei gebacken wurde, nicht. Und wenngleich sie ihre dunkle Haarpracht eine Zeit lang erfolgreich mit einer Paste aus Roggenmehl wusch, ist es für sie kein Drama, wenn die Lebensumstände gerade nach herkömmlichem Shampoo verlangen. Lange hält sie es in der Stadt aber nicht aus, gibt sie zu. Zwei Kochbücher hat Lisa Pfleger schon veröffentlicht (Ulmer Verlag); um Versicherungen und sonstige Rechnungen zu begleichen, macht sie Gelegenheitsjobs. Derzeit hilft sie in einer Biobäckerei aus. Unterwegs ist sie zumeist via Autostoppen, demnächst bekommt die knapp 30-Jährige sogar ihr erstes Auto, das ihr netterweise ihre Mama überlässt.
„Ich freue mich darauf, was noch alles kommt; ich habe ein Leben lang Zeit zuzusehen, wie sich mein Garten, mein Grundstück weiterentwickelt, wie alles wächst. Aber es ist mir genauso wichtig, mich ständig zu hinterfragen. All das passt jetzt für mich, aber wenn mich in einem Jahr die Sehnsucht nach einer Wohnung mit Zentralheizung packt, dann ist das auch in Ordnung.“


 

Zur Person

Lisa Pfleger

… wuchs in Oberösterreich auf. Obwohl ihre Eltern beide Bürojobs hatten, dürfte ihr Papa, der mit viel Akribie einen kleinen Garten pflegte, aber leider viel zu jung starb, ihr die Liebe zur Natur mitgegeben haben. Nach der Matura studierte Lisa Pfleger Umweltpädagogik; zum Leidwesen ihrer Lehrenden schloss die wissbegierige und engagierte junge Frau das Studium nicht ab. Sehr wohl organisiert und initiiert Lisa aber seither Workshops und Ähnliches auf diesem Gebiet. Bereits mit Mitte 20 meldete sie erstmals ein Gewerbe an: Als passionierte Hula-Hoop-Dancerin stellte sie mit einer speziellen Technik faltbare Reifen manuell her, die sie via Online-Shop verkaufte. Seit 2017 ist ein umgebauter Bauwagen, der auf ihrem Grundstück im Bezirk Güssing steht, ihre Homebase.