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People | 11.03.2019

Sica – in all ihren Facetten

Nach einem „Keulenschlag des Schicksals“ steht sie wieder mehr denn je im Leben. Tausendsasserin Catherine Sica erlebte bereits viele Höhen und Tiefen – doch eins steht fest: Die Zukunft wird noch bunter.

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"Ich habe ein zweites Leben geschenkt bekommen – und das möchte ich voll auskosten." Künstlerin, Sängerin und Restaurateurin Catherine Sica © Vanessa Hartmann

Ihre nicht gerade unbeschwerte Kindheit, die extremen Ups und Downs ihres Lebens sowie die schwere Krankheit vor über einem Jahr sieht man ihr einfach nicht an. Schon bei der Begrüßung strahlt uns eine geballte Portion Lebensfreude entgegen, untermalt von einem Lachen, das ansteckt. Catherine Sica empfängt uns in ihrem Zuhause im Kunsthaus Rust, das sie seit elf Jahren führt. „Das Schlimmste war für mich immer der Gedanke, jeden Tag meines Lebens das machen zu müssen, was mir keinen Spaß macht.“ In Deutschland geboren, doch nie dort heimisch gefühlt, verbrachte sie die meiste Zeit ihrer Kindheit bei ihrer Großmutter oder im elterlichen Gastronomiebetrieb Nähe Hannover, mit dem sie nicht viele gute Erinnerungen verbindet. Am Wochenende, wenn andere Kinder draußen spielten, trocknete sie eimerweise Besteck ab und leerte Aschenbecher aus. Doch sobald ein Stück Freizeit verfügbar war, stürmte sie in den Wald und werkelte an ihrem Baumhaus weiter.


Mehr tot als lebendig

Als junge Revoluzzerin hielt es Sica nicht lange zu Hause. Durch ihre berufliche Tätigkeit als Werbegrafikerin zog es sie immer wieder ins Ausland. Mit 22 war sie das erste Mal beruflich in Wien – und die Faszination hat sie gepackt. „Ich habe gesagt, in der Nähe davon will ich irgendwann einmal in einem Schloss leben. Nicht weil ich eine Prinzessin sein will, sondern weil ich historische Gebäude liebe.“ 13 Jahre später war es dann so weit. Mit 35, das war 1998, zog Sica ins Schloss Seibersdorf. Doch davor musste sie noch einige Schicksalsschläge verkraften. Durch eine schwere Krankheit – „Ich war schon mehr tot als lebendig“ – kam sie zum Entschluss, den Stress als Werbegrafikerin an den Nagel zu hängen, und begann, Kunst zu studieren mit dem Schwerpunkt auf Restaurierung und einer weiterfolgenden Spezialisierung auf Gemälderestaurierung. Fortan verkaufte sie die Werbeagentur und lebte von Kunst und Musik. Als Künstlerin kam sie 1998 nach Österreich und tourte weiterhin nicht nur als Sängerin gemeinsam mit ihrem damaligen Lebensgefährten, der Schlagzeuger in einer ihrer Bands war, durch den deutschsprachigen Raum, sondern präsentierte auch ihre Werke in zahlreichen Ausstellungen national sowie international. Als das private Glück zerbrach, war Sica auf der Suche nach Veränderung und startete 2007 in Rust ein neues Projekt. „Ich bin jemand, der immer übers Ziel hinausschießt und viele Interessen gleichzeitig hat. Wenn mich etwas fasziniert, dann möchte ich das machen.“ So war es auch, als sie unerwartet auf ein altes Winzerhaus in Rust stieß, welches zehn Jahre unbewohnt war. Sica restaurierte es liebevoll und verwandelte es in das „Kunsthaus Rust“. Die Skepsis der Ruster war zu Beginn „extrem“, doch mittlerweile wird sie von vielen Ruster Weinbauern wie ein Familienmitglied behandelt und fühlt sich „angekommen“. „Ich wollte für Rust einen Ort schaffen, der zum Verweilen in einer schönen Atmosphäre einlädt, wo man nicht nur Kunst, sondern Design, Dekor und Ausgesuchtes entdecken kann.“

STILVOLL. Redakteurin Nicole Schlaffer besuchte Catherine Sica an ihrem Arbeits- und Lebensplatz im Kunsthaus Rust.



Standing Ovations & Testament

Und auch sonst blieb in Rust mit Sica kein Stein auf dem anderen. Zuerst belächelt und boykottiert, konnte die Tausendsasserin jedoch bald schon einige Unterstützer für ihre Idee des Adventmarkts gewinnen, der dann von Jahr zu Jahr stärker angenommen wurde und mittlerweile Fixpunkt für Tausende Besucher im Advent ist. Als die Stadt die Organisation übernahm, konnte Sica sich auf etwas Neues konzentrieren. So entstanden 2012 die Konzert-Sketch-Lesungen „Adventeuerlich“ mit den Kollegen Konstanze Breitebner, Michael Hoffmann, Christoph Apfelbeck und Joe Pinkl, die jedes Jahr mit Standing Ovations seitens des Publikums beendet werden. Das vorweihnachtliche Spektakel ist an drei Standorten (Rust, Leopoldsdorf und Eltendorf) bisher und heuer erstmalig auch in Deutschland zu sehen. Neben der Musik gehört die Liebe  der Rusterin ganz der Kunst. Derzeit arbeitet Sica an einer Zusammenarbeit mit New Yorker Galeristen, durch eine Schweizer Galerie war sie zu Jahresbeginn auf der Art Innsbruck vertreten und in Wien präsentierte sie bis vor Kurzem ihre aktuellsten Werke. Das Thema: Materie / Antimaterie. Ihr Zugang ist, dass Menschen mit dem Problem kämpfen, sich an Materiellem festzuklammern. „Das alles versuchen loszulassen und es einfach nur als Geschenk zu sehen, das wir im Moment haben dürfen, würde vieles erleichtern.“ Das ist der Künstlerin 2017 auch klar geworden, als sie ihr Testament erstellen musste. „Wenn wir von diesem Planeten gehen, nehmen wir gar nichts mit, außer der Liebe, die wir geben durften, und der Liebe, die wir erhalten – alles andere ist nur geliehen.“ Vor zwei Jahren musste Catherine Sica die Endlichkeit am eigenen Leib spüren. Im Spätsommer 2017 plagten sie von einem Tag auf den anderen Schmerzen, die immer schlimmer wurden. Diagnose: Sepsis, Gehirnhautentzündung, schwere Lungenentzündung und ein Abszess zwischen drittem und viertem Halswirbel, der genau auf den Spinalkanal drückte. Eine Operation war unabdingbar. Die Ärzte machten ihr keine großen Hoffnungen, dass sie die OP überleben würde, und wenn, dann querschnittsgelähmt. „Ich wollte gar nicht mehr aufgeweckt werden, wenn das feststeht. Ich bin ein Bewegungsmensch.“ Und eine Kämpferin. Während der OP musste sie reanimiert werden, doch sie hat es geschafft. Danach lehrte sie ihrem Körper wieder neu gehen, essen und andere Alltagshandlungen. Die Nachwirkungen sind zwar bis heute zu spüren, doch das Schlimmste sei überstanden. Daher widmet sie sich mit voller Kraft ihren Leidenschaften: Kunst und Musik.



Eifersucht & Selbstvertrauen

„Ich bin offensichtlich mit dem Glück gesegnet, dass ich das, was ich machen wollte, auch umsetzen konnte. Mir ist in meinem Leben nichts geschenkt worden.“ Das Geheimnis ihres Erfolgs liege auch ein bisschen darin, immer ein besonderes Ziel vor Augen zu haben, und zu wissen, wie weit man dafür bereit ist, zu gehen. Sie wusste schon früh, was sie wollte, als sie zu ihrer Oma sagte, dass sie nie heiraten und Kinder bekommen werde. „Meine Oma war entsetzt. Aber ich hab immer gesagt, es gibt so viele Dinge, die mich interessieren, ich hab keine Zeit für diese Verantwortung.“ Heute lebt sie allein im Kunsthaus Rust und ist doch nie einsam. Ihren großen Bekannten- und Freundeskreis sieht Sica als Geschenk, das sie hegt und pflegt. „Wenn du als Künstler mit jeder Faser deines Herzens deine Berufung lebst, dann musst du alles von dir geben. Ein Gefühl, das du in dir hast, nach außen tragen, deine Seele reinlegen.“ Als Perfektionistin brauche sie einen in sich ruhenden, starken Menschen als Partner, der ihre perfektionistische Unsicherheit auffangen kann. Auch die Öffentlichkeit und das Rampenlicht, in dem Künstler oft stehen, sei ein gewichtiger Punkt in einer Partnerschaft. „Damit muss ein Partner umgehen können. Ich hab es leider allzu oft erlebt, dass die Eifersucht sehr groß sein kann und all ihre hässlichen Gesichter zeigt, wenn das Selbstbewusstsein nicht sehr groß ist. Neid und Eifersucht haben in meinem privaten Leben einfach keinen Platz.“ Und jetzt naht der 60er mit großen Schritten. Angst? „Abgedroschen, aber es stimmt: Man ist so alt, wie man sich fühlt. Ich werde in vier Jahren 60! Damit kann ich nichts anfangen. Diese Zahl ist so – aaaah! Ich hatte schon immer das Gefühl, ich hab nicht viel Zeit. Deswegen hab ich vielleicht immer auch so schnell und intensiv gelebt.“ Und das wird sie auch die nächsten Jahrzehnte tun. Dabei blieb bisher nur ein einziger großer Wunsch unerfüllt: „Eine Ausstellung in der Landesgalerie Eisenstadt. Jetzt bin ich schon so viele Jahre im Burgenland, aber das steht noch offen.“ (lacht)

Sicas Werke
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„Transformation of pink Agate“ (Aluminium, Achat, Acryl, Öl auf Leinen)
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„verwoben“ (Mischtechnik auf Leinen)
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„Golden Drop of Agate“ (Mischtechnik, Achat, auf Leinen)
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„Amethyst out of space“ (Amethyst, Aluminium, Acryl auf Leinen)

Sica in Action


11.4. Sica und Nikos Pogonatos, Wien

21.4 – 27.4. Royal Opera Arcade Gallery, London


Kunsthaus Rust:

POP-UP STORE – Spring Fashion

am 23.3. + 24.3. von 11 bis 18 Uhr (Anmeldung erbeten)


Saisonbeginn im Kunsthaus Rust:

5. April (bis 27.10.2019) immer FR bis SO: 14 bis 18 Uhr


Weitere Infos:

www.catherine-sica.com

www.kunsthausrust.at