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People | 20.03.2019

Ihr Kampfgeist ist ungebrochen

Käthe Sasso war mit 15 Jahren im Widerstand aktiv. Sie wurde verhaftet, beim Todesmarsch gelang ihr die Flucht. Im März wird sie 93. Ein Besuch bei einer der letzten Überlebenden des NS-Regimes.

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"Wenn ich darüber spreche, erlebe ich es. Jetzt muss man mit uns schon sparsam umgehen." Käthe Sasso © Vanessa Hartmann

Sie und ihre Freundin Mizzi Bosch fielen auf. „Wir waren noch recht gut beieinander. Da mussten wir das Lastauto schieben, damit sie Benzin sparen konnten“, erzählt Käthe Sasso. Sie war am Wiener Landesgericht knapp ihrem Todesurteil entkommen, nun war sie mit 600 Menschen in Richtung KZ Bergen-Belsen unterwegs. Die Nacht bricht herein, es werden gerade Lichter aufgestellt, da sagt sie: „Mizzi, wir gehen jetzt.“ Die jungen Frauen flüchten, die Suche nach ihnen scheitert zum Glück. Bei diesem Todesmarsch im April 1945 sind ausnahmsweise keine Hunde dabei.


Zu Hause bei Käthe Sasso.

„Ein Sprite habe ich für euch“, deutet sie auf die grüne Flasche und geht schon in Richtung Küche. Beschämt, dass diese Frau mit ihrer Geschichte mir das Getränk servieren möchte, springe ich auf. Da hat Käthe Sasso schon die Gläser auf den Tisch gestellt. „Aber bitte“, winkt sie lächelnd ab. Sie kocht auch noch selbst, erzählt sie später. „Bissl faul bin ich jetzt schon geworden, manchmal nehme ich auch was Fertiges.“ Faul?! Käthe Sasso wird diesen März 93 Jahre alt. Jede Minute dieses Gesprächs ist ein Geschenk. Nur noch eine Handvoll Überlebende wie sie können von dieser Zeit berichten. „Einer von uns, der Rudi, ist kürzlich gestorben. Zu ihm hab’ ich noch gesagt: ,Sei froh, dass ich nicht rauch’, du Lausbua, dich tät ich noch um Zigaretten schicken.‘ Er war erst 88, wir waren Freunde“, lacht sie. Als halbjüdisches Kind war er nach Theresienstadt gekommen, 19 Familienangehörige wurden vergast. „Der Rudi ist überge­blieben, der gescheiteste Mann, den ich je kennengelernt habe.“

 

Auf Majkas Arm. Käthe Sassos Sohn.


Ein bisschen zu früh.

Käthe Sassos Papa war Großwarasdorfer, ihre Mama Nebersdorferin. In Wien fanden sie Arbeit, lebten dort in einem gemieteten Zimmer. Ihre Tochter wuchs bis zum sechsten Lebensjahr bei der geliebten „Majka“ (eigentlich Kroatisch für Mutter), der Großmutter in Nebersdorf, auf. Dort verbrachte sie auch später ihre Ferien. „Meine Eltern waren keine Rabeneltern“, will Käthe Sasso betont wissen. „Ich glaub’, ich bin ein bisserl zu früh gekommen. Die Hausbesitzerin in Wien hat keine Freud’ gehabt mit dem Kindergeschrei im Kabinettl“, schmunzelt sie. Das Leben bei der Maj­ka am Land war ein schönes. „Sie hat mich nie geschimpft. Ich bin von ihr mit Liebe, Güte und viel Verständnis aufgezogen worden.“ Selbst wenn sie etwas angestellt hat, die Majka habe stets die Geduld aufgebracht, alles zu erklären.


Politisch aktiv.

In Wien erlebt Käthe Sasso in den 1930ern die Armut hautnah. Wenn es bei ihr auch nur für ein Schmalzbrot reichte, viele Freunde hatten nicht einmal das. „Die Leute haben geschrien nach Arbeit und Brot. Das hat dazu beigetragen, dass die Nazis stark geworden sind. Was sie alles versprochen haben!“, schüttelt sie den Kopf. Das Unheil sahen ihre Eltern früh kommen, sie haben sich „mehr oder weniger für links entschieden“ und wurden politisch aktiv. Als der Vater einrücken muss, führt die Mutter die politische Arbeit weiter. „Bei Zimmer-Kuchl gibt es keine Geheimnisse und ich habe nie den Eindruck gehabt, dass sie etwas Schlechtes tun.“ Vor dem Geschäft in Wien, wo die Familie einkaufte, hieß es plötzlich: „,Trittst du als Deutsche hier rein, dann musst ein Freund von Juden sein.“ Einschüchtern lässt sich Käthe Sasso nicht. In der Schule fragt sie die Lehrerin, die sie zuvor so vergötterte, nach dem Verbleib ihrer Kameraden. Ihre Antwort lässt sie erschaudern: „Jüdische Frotzn haben bei uns keinen Platz.“
Sehr jung wird ihre Mama krank. „Ich hab’ sie bei mir gehabt, bis sie die Augerl geschlossen hat.“ Mit 39. Da ist Käthe Sasso 15 und bereits im Widerstand aktiv, „die haben mir alle vertraut. Mit Recht. Ich habe weitergetan, bis ich am 21. August 1942 verhaftet wurde.“ Was sie getan hat? „Menschen in größter Not geholfen“, sagt sie unbeirrt. „So wurde ich erzogen, so denke ich bis heute.“ Sie engagierte sich etwa für die „Rote Hilfe“, die Familien von den Männern unterstützte, die eingesperrt wurden. Seelisch und mit kleinen Spenden. Mit Gleichgesinnten verteilte sie Flugzettel gegen den Faschismus: „Macht Frieden!“ oder „Hitler ist ein Verbrecher“ stand auf diesen.


Schweigen

bis zum Äußersten. Sie ist 16, als sie die Gestapo verhaftet. „Die haben mich behandelt wie einen Erwachsenen. Als sie mich mal ganz stark gehaut haben, habe ich die Fäuste geballt und gesagt: ,Erschlagts mich, ich verrate nichts.‘“ Sie wusste nur zu gut: Selbst drei Mark Spende an die Familie eines Verhafteten konnte ein Todesurteil bedeuten. Sie war am Wiener Landesgericht inhaftiert, im Parterre befand sich die Todeszelle. Da waren so viele Menschen, die sie kannte und mochte. Alle Opfer sollten ein respektvolles Andenken erhalten, dafür setzt sie sich unermüdlich ein. „Die meisten Mitangeklagten sind geköpft worden. Der Hauptangeklagte hat nicht mehr durchgehalten. Er hat das Hemd zerrissen und sich aufgehängt.“


Ohne Hass.

All das Schreckliche erzählen, damit es nicht wieder passiert – das wurde Käthe Sassos Mission. „Meine Aussagen kann niemand wiederholen. Früher war ich immer die Jüngste, jetzt bin ich die Älteste“, sagt sie nachdenklich. Ob sie Sehnsucht nach Vergeltung hat? „Das Wort Hass kenne ich nicht. Wir hätten uns bei den Nürnberger Prozessen nur gewünscht, dass einer sagt: ,Tut mir leid. Es stimmt, wir haben vergast.‘ Aber bis heute streiten sie es ab.“ Käthe Sasso und ihr Mann Josef, ebenfalls Widerstandskämpfer, lebten nach dem Krieg zunächst in Wien, später zogen sie nach Winzendorf in Niederösterreich. Sie gründeten eine Familie. „Meine Tochter ist leider schon drüben, mit 54 starb sie an Krebs“, sagt sie traurig. Ihr Sohn, erst 71, braucht rund um die Uhr Pflege. „Mein Mann war sechs Jahre eingesperrt, ich drei. Das sind die Folgen, leider.“ 49 Jahre waren sie verheiratet, ihr Mann starb mit 75 Jahren (1995). „Bei uns hat’s wirklich hingehaut, wir konnten immer miteinander reden.“ An einem Blick habe er erkennen können, wenn sie etwas auf dem Herzen hatte. „Ich habe einmal etwas getan“, beginnt sie und hält kurz inne. „Ich bin zum Landesgericht gegangen und hab’ verlangt, den Raum zu sehen, wo geköpft wurde. Alles war wie damals, nur die Guillotine hat gefehlt. Danach war ich vier Monate lang krank; mein Mann brachte die Geduld auf, mich wieder aufzurichten.“


Mahnen und warnen.

Ihr Körper wird müde, Schmerzen werden mehr, sie reduziert ihre Vorträge. Ihr Geist ist aber hellwach. „Mahnen, warnen, bitten, so etwas nicht passieren lassen“, sagt sie mit kräftiger Stimme. „Unvorstellbar, was geschehen wäre, wenn die Gestapo die technischen Möglichkeiten von heute gehabt hätte. So sind doch ein paar übergeblieben. Wir haben ja wenigstens gewusst, was wir tun. Aber was kann einer dafür, wenn er ein jüdisches Kind ist?“

 

 

 

Buchtipp

Wolfgang Freitag: Der Fall Karl Horvath

Mandelbaum Verlag, € 15.–.

Präsentation: 15. März, 18.00 Uhr, Kultursaal, Untere Hauptstr. Nr. 10, 7410 Loipersdorf-Kitzladen (Veranstalter Roma Volkshochschule Burgenland)