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People | 22.03.2019

Need for Speed

Geschwindigkeit ist seine Droge, die Skates seine Leidenschaft und der Thrill sein Lebenselixier – Speedskater Johannes Hahnekamp im Interview.

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Johannes Amon © Barbara Amon

Braungebrannt und strahlend, frisch aus Australien eingeflogen, steht uns Speedskater Johannes Hahnekamp (28) gegenüber. Wir treffen uns zum Interview im Athletics Fitnessstudio Reiterer in Eisenstadt, wo Johannes regelmäßig trainiert und einer der erfolgreichen Sportler ist, die dort in Bildern die Wände zieren. Als Trainer, Student und Spitzensportler gibt er in allen Bereichen Gas. In den letzten beiden Jahren musste der Sport etwas hintanstehen, weil das Studium (Trainingswissenschaft und Sportmanagement) in den Vordergrund rückte. Heuer heißt es jedoch wieder: Volle Attacke bei den Bewerben!

BURGENLÄNDERIN: Speedskating ist nicht unbedingt eine der bekanntesten Sportarten. Wie bist du dazu gekommen?

Johannes Hahnekamp: Unser Ve­rein macht Eis- und Rollkunstlauf (Anm.: UES Union Eis- und Rollsportclub Eisenstadt), dort habe ich als Kind mit Eiskunstlauf begonnen. Das schnelle Fahren hat mir schon immer getaugt. Dann hab ich einmal Speedskates probiert und seither bin ich dem Sport verfallen. Davor kannte ich – wie viele andere auch – nur die normalen Fitness-Skates. Speedskates sind ganz anders, halbhoch.

Wie schnell konntest du Erfolge erzielen?

Ich hab erst recht spät mit dem Speedskaten begonnen, mit 13. Vier Jahre später, das war 2007, bin ich zum ersten Mal bei einer Junioren-Europameisterschaft mitgefahren und im Mittelfeld gelandet. Seither habe ich bei sechs EMs und zwei WMs teilgenommen.

Welche prägende Erfahrung ist dir davon in Erinnerung geblieben?

Bei der WM 2015 war das Feeling, als ich als einer der 60 Besten der Welt durchs Ziel gefahren bin, so cool. Ich dachte, das wird ein Top-Ten-Platz. Doch es war alles so knapp beieinander, da ging es nur um ein paar Hundertstel. Im Endeffekt war es für mich dann Platz 18 – natürlich hat mich das maßlos geärgert (lacht).

Ärgert es dich auch, dass Speedskating eine Randsportart in Österreich ist? Was wird dagegen unternommen?

In jedem Land sind nunmal andere Sportarten beliebt und bekannt. In Kolumbien oder auch Italien zum Beispiel ist Speedskating viel populärer, so wie bei uns Skifahren, dort verdienst du gutes Geld damit. Bei uns ist es leider eine Randsportart, die jedoch vom Österreichischen Rollsportverband mit Schulprojekten nun immer mehr forciert wird. Das Zentrum dazu befindet sich in Tirol. Neben Eisenstadt bin ich auch dort oft zum Trainieren.

 

"Speedskating ist kein Sport für
die breite Masse. Aber ich bin ihm nach dem ersten
Probieren verfallen." Johannes Hahnekamp © Frank Depping



Wie machst du dem Nachwuchs die Sportart schmackhaft?

Kids wollen alles schnell machen, auch schnell fahren. Ich merke das in meiner Tätigkeit als Trainer. Da ist bei vielen auch schon der Wettkampfgedanke da. Manche sind dazu geboren und lieben das. Bei unserem Verein in Eisenstadt kann man jederzeit eine Schnupperstunde dazu machen.

Es ist aber auch nicht ungefährlich. Ist dir schon mal ein schlimmer Sturz passiert?

Wenn man zu viel drüber nachdenkt, dass was passieren kann, dann passiert’s. Bei einer EM hat es mich mal ziemlich wild aufgehaut, durch eigenes Verschulden. Beim Sprint bin ich mit der ersten Rolle bei der Ferse hängen geblieben und der Länge nach auf den Handflächen dahingerutscht und mit dem Kinn aufgeschlagen. Ein anderes Mal bin ich mit 40 km/h auf die Schulter gefallen, da war’s vorbei. Aber gebrochen habe ich mir trotzdem noch nichts, meist konnte ich die Stürze gut abfangen. Natürlich hat man Respekt vor der Geschwindkeit, aber wenn man das einmal ausprobiert hat, kann man nicht mehr aufhören – der Kick überwiegt.

Was hast du dir für die kommende Saison vorgenommen?

Mein Ziel heuer ist, dass ich den Marathon (Anm.: 42 km) in unter einer Stunde schaffe. Dafür fehlen mir noch 56 Sekunden – ich weiß, ich kann es schaffen. Dann wäre ich in Europa ganz vorne dabei sowie auch in der erweiterten Weltspitze. Den Fokus lege ich jetzt mehr auf die Langstrecken, früher bin ich mehr Sprint gefahren. Mein Lieblingsrennen ist der Marathon in Berlin – das ist das größte Inline-Rennen mit fünf- bis siebentausend Startern und quasi das Highlight am Ende der Saison (Anm.: am 28.9.2019).

 

Die Teilnahme an sechs EMs und zwei WMs konnte Johannes Hahnekamp bisher auf seinem Erfolgskonto verbuchen.

Heuer geht’s weiter!


Was ist das für ein Gefühl, wenn du am Start auf das „Go!“ wartest?

Unterschiedlich. Manchmal komplette Leere, manchmal Vorfreude. Meist bin ich davor aufgeregt, weil ich einfach nur fahren will. Es ist immer eine 50/50-Chance: Entweder du gewinnst oder du gewinnst nicht.

Geht es in deinem Privatleben auch so rasant zu?

Die letzten vier bis fünf Jahre waren sehr zeitintensiv mit Studium, Wettkämpfen, Training. Dann noch der Anspruch an mich selbst, nicht zu versagen und immer alles zu geben. Für eine längere Beziehung blieb da keine Zeit, ich war einfach zu viel unterwegs. Den Rückhalt meiner Familie in Eisenstadt finde ich jedoch sehr wichtig. Es wäre auch mein Plan, einmal eine eigene Familie zu gründen, aber das hat noch ein paar Jahre Zeit (lacht).

Word-Rap mit Johannes Hahnekamp

geb. 4. Juni 1990 in Eisenstadt

Meine Skates sind für mich …
… meine Alltagsschuhe.

Ich bin total untalentiert, wenn es …
… ums Tanzen geht.

Meinen letzten Cent ausgeben würde ich für …
… schwierige Frage – Gewand?

Meine Freude sagen über mich …
… dass ich gestresst bin.

Die drei Worte, die mich am besten beschreiben, sind …
… kämpferisch, aufgeschlossen, gesellig.

 

 

Was ist Speed-Skating?

Eine Mischung aus der Taktik des Radfahrens (Windschattenfahren) und der Technik des Eisschnelllaufs – und trotzdem anders. Es gibt sowohl Sprint- als auch Langstrecken-Disziplinen. Helm ist Pflicht, sonst tragen Erwachsene keine Schützer, da diese nur hinderlich wären  (z. B. beim Übersteigen). Weltklassefahrer erreichen Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 60 km/h.

Weitere Infos und Schnupperstunden:
www.ues-eisenstadt.at

 

Fotos: Barbara Amon, Frank Depping, beigestellt