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People | 05.04.2019

Eisenstadt war meine Côte d’Azur

Zwei Jahre lang wollte niemand „Immerjahn“. Heute wollen ihn alle. Über den fulminanten Durchbruch der Barbara Zeman und die überraschende Entdeckung ihres öffentlichen Ichs.

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"Das Verzichten ist nicht schlimm, wenn du weißt, dass du eine extrem große Freiheit gewinnst." Barbara Zeman, Schriftstellerin © Vanessa Hartmann

Sie mag keine Interviews. Sie erzählt nicht gerne über sich selbst. Die Recherche brachte Informationen zutage, die die Spannung vor dem Interview steigerten. Dann treffen wir Barbara Zeman im Eisenstädter Schlosspark, ihrer Jugend-Homebase. Sie strahlt beim Händeschütteln, ihre Antworten sind herzlich offen. Wie gibt es das? „Vor einem Monat wäre die Begegnung noch ganz anders gewesen“, lacht sie …

BURGENLÄNDERIN: Wieso?

Barbara Zeman: Schon wenn ich in der Schule ein Referat halten musste, habe ich einen Sport daraus gemacht, Ausreden zu erfinden. Meine Buchpräsentationen fordern nun eine Seite von mir, mit der ich mich aus Angst nie konfrontieren wollte. Und plötzlich merke ich, dass mir das auf eine Art und Weise, die mir bislang verborgen war, liegt und mir sogar Freude macht! Das macht freier.

Du kreierst in deinem Roman besonders schöne Bilder. Selbst das Entzünden eines Zündholzes wird zum Spektakel. Woher kommt das?

Als ich klein war, wurde mein gutes Auge abgeklebt, um das andere zu trainieren. Fast nichts zu sehen, war für mich sehr arg im Kindergarten. Aber wenn das Sehen nicht selbstverständlich ist, wirst du sehr sensibel, was visuelle Reize betrifft. Viele Malerinnen und Maler hatten Sehschwäche. Ich glaube, dass ich dadurch heute eine sehr kleinteilige Wahrnehmung habe. Die erschwert mir aber auch, den Faden in einem Gespräch zu halten. Ich sehe die Perlen auf deinem Pulli, den weißen Lidstrich von Vanessa (der Fotografin, Anm.). Ich bin viel abgelenkt, vielleicht kommt daher meine ursprüngliche Angst vor Interviews. Andererseits ist es gut, so wahrzunehmen, wenn es um das Schreiben geht. Schreiben ist auch Beobachten. Es macht aber schnell müde, wenn ich mit Menschen unterwegs bin.

Weil du so viel aufnimmst?

Genau. Mein Buch ist auch der Versuch, meine Ruhelosigkeit im Kopf diesem Typ (Immerjahn, Anm.) anzuhängen, der äußerlich total statisch ist. Er ist wie festgekettet und ich habe ihn in einen Wirbelsturm aus Gedanken gesetzt. Er ist ein älterer Mann, der viel Geld und viele Möglichkeiten hat, aber nichts tut und den Anforderungen der Zeit nicht gewachsen ist. Damit steht er für viele mächtige Männer, die an wesentlichen Fragen scheitern.

Wieso ist dein Protagonist ein Mann?

Weil Macht männlich ist. Weil in den „Reichen-Listen“ wie jener des Forbes-Magazins kaum Frauen vorkommen. Es musste aus der Perspektive des Mannes sein – gerade mit der Verknüpfung mit dieser Tatenlosigkeit, obwohl alles brennt.

 

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Barbara Zeman fotografiert die fotografierende Fotografin und schmunzelt: „Für Instagram.“

Magst du Social Media?

Hätte ich dieses Buch nicht geschrieben, hätte ich kein Instagram-Profil. Aber mir ist die ganze Zeit gesagt worden, dass das, was ich mache, sich nicht verkauft, dass es zu leise ist. Also wusste ich, dass ich jede Möglichkeit nutzen muss, um es anzuschubsen. Obwohl ich ursprünglich eine zurückhaltende Medienstrategie mit ganz wenig Interviews wollte. Aber das kann sich Elfriede Jelinek leisten. Ansonsten gehst du unter, bevor du noch aufgetaucht bist.

Wieso schreibst du?

Weil ich es liebe. Ich habe lange nicht gewusst, was ich mit mir anfangen soll, habe mich ein bisschen fehlplatziert gefühlt – mit meinen widerstreitenden Seiten. Ich war anfangs Journalistin, aber spürte bald, dass ich dafür nicht so geeignet bin: Einerseits bin ich introvertiert, andererseits liebe ich Unterhaltungen, bin aber nach zwei Stunden müde. Eines abends, da war ich etwa 25, habe ich mich einfach hingesetzt und die ganze Nacht durchgeschrieben. Und auch die Nächte danach. Das war wie ein Erweckungsmoment. Ich habe plötlich gewusst, dass alles, was seltsam an mir war, sich im Zusammenhang mit dem Schreiben in etwas Wertvolles verwandelt. Wenn das nicht so stark gewesen wäre, hätte ich es nicht durchgehalten. Es sah beim „Immerjahn“ lange so aus, als würde es nie publiziert werden; ich habe zwei Jahre lang einen Verlag gesucht.

 

 

Wie schmerzhaft waren Absagen?

Es war schrecklich. Mein Freund ist ein paar Mal von der Arbeit nach Hause gekommen, um mir ein Mittagessen zu bringen, weil ich so fertig war. Dennoch lohnt es sich, da durchzugehen.

Bist du deinem Werk treu geblieben, warst du stets davon überzeugt?

Das ist irrational, aber ich habe gewusst, dass es geht. Schon vor zehn Jahren, noch bevor ich die ersten Preise für Kurzgeschichten bekam und als das, was ich tat, noch zerfasert war, hatte ich schon das Gefühl, dass ich auf festem Boden stehe. Das Schwierigste war, dass mich doch einige spüren ließen, dass es gute Gründe geben muss, wenn man etwas jahrelang versucht und es nicht funktioniert. Da war dieses unausgesprochene „Hey, hör doch auf“. Gleichzeitig wusste ich, dass ich mir unfassbar viel von meinem Leben nehme, wenn ich das tue. Wenn du etwas willst und kannst, dann ist das ein Geschenk und eine Bürde. Wenn du da einknickst und dem nicht nachgehst, das muss schrecklich sein.

Wie ist der Prozess des Schreibens?

Ich bin eine Überarbeiterin! (lacht)  Ich schreibe schnell, gehe aber in vielen Schichten drüber. Wie eine Dobostorte ist das dann: sehr dicht, weil es in vielen Lagen aufgebaut ist.

Entstehen ganze Geschichten in deinem Kopf?

Teilweise. Da sind zunächst Brückenpfeiler, die noch nicht miteinander verbunden sind. Ich habe beim „Immerjahn“ sehr viel gelernt – auch dank meinen Lektorinnen. An meinem nächsten Roman arbeite ich schon viel professioneller.


Immerjahn

© Hoffmann und Campe

Barbara Zemans Roman-Debüt erzählt in reicher Bildsprache das Leben des Zementfabrik-Erben Gotthold Immerjahn. Dieser beschließt die Kunstsammlung seiner Villa der Öffentlichkeit zugängig zu machen; in der Vorbereitung ist er mit dem Scheitern seiner Rollen konfrontiert: als Vater, Freund und Ehemann. Tiefgründig kritisch mit elegantem Humor. (Hoffmann und Campe)


 

In „Immerjahn“ steckt viel Kunst und Architektur. Ich bin beim Lesen vor Ehrfurcht erstarrt …

Ich bin sicher schlau (lacht), habe aber kein gutes Gedächtnis. Wenn ich nicht alles aufschreibe, verhuscht es. Ins Museum gehe ich nicht; da ist mir zu viel Kunst auf einem Haufen,  zu viele Menschen, die mich ablenken. Aber ich schaue mir wahnsinnig gerne Dokus an, liebe Bücher über Künstler und verrückte Adelige. Da habe ich ganz viele Schnipsel zusammengesucht; es steckt viel Recherche im Buch.

Du warst freie Journalistin. Wie gelang es dir, den Kopf für das kreative Schreiben freizubekommen?

Als ich begonnen habe, Prosa zu schreiben, habe ich bald nur noch sporadisch als Journalistin gearbeitet. Das ist, als wärst du hauptberuflich Läuferin und gehst am Abend noch mal laufen. Da wäre ich durchgedreht. Also habe ich mir einen Job in einem Café gesucht. Ich wurde Frühstücksköchin, habe auch das Klo geputzt und den Boden gewischt, während ich zu Hause den „Immerjahn“ geschrieben habe. Er wäre nicht so gut geworden, hätte ich nicht diesen engen Kontakt zu den Menschen dort gehabt.

Wie haben deine Eltern auf deinen Wunsch, Autorin zu werden, reagiert?

Als ich diese ersten Nächte durchgeschrieben habe, habe ich Mama angerufen und gesagt, dass ich jetzt weiß, was ich tun will. Sie hat so reagiert, als wäre es keine Neuigkeit für sie (schmunzelt), obwohl das so unwahrscheinlich ist, dass man davon leben kann. Dass ich auf einiges verzichten muss, wenn ich schreiben will, habe ich gewusst. Wie auf das Reisen. Ich bin dann häufiger heimgefahren, Eisenstadt wurde meine Côte d’Azur (lacht). Aber das Verzichten ist nicht schlimm, wenn du dafür eine große Freiheit gewinnst.

Das ist ein schöner Gedanke …

Ich habe so lange gehofft, dass ich für mein Buch einen Preis oder ein Stipendium kriege und gute Kritiken. Aber dass es nun auch kommerziell funktioniert … Jetzt bin ich in Bestseller-Listen, das ist verrückt!

Wo und wie lebst du?

In einer Wohnung auf 29 Quadratmetern in Wien (lacht). Mein Freund ist Architekt; auch da ist es am Anfang schwierig und es hilft, wenn man die Lebenserhaltungskosten niedrig hält. Wir arbeiten beide viel. Abends sitzen wir oft nebeinander mit unseren Laptops; die kleine Wohnung hat da etwas Positives, weil wir so eine große Nähe haben. Das Schönste ist unser Balkon, wo wir im Sommer Paradeiser haben. Außerdem schauen wir auf einen geheimen Garten im achten Bezirk; die Baumwipfel hören auf unserer Balkonhöhe auf. Das ist wie in einem Krähennest, wo man sich geschützt fühlt …