Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 09.04.2019

Viel Herz, weniger Wut

Was für ein schöner Klischeebruch: Zum Weltfrauentag treffen wir Didi Kühbauer. Er ist Cheftrainer von Rapid – und einer, der bewusst an seinem Verhalten feilte.

Bild Aufm_1904_B_Me_Didi Kuehbauer_15_.jpg
"Ich wollte, dass man über meine Arbeit spricht und nicht über meine Ausraster." Didi Kühbauer, Cheftrainer von Rapid © Vanessa Hartmann

Didi Kühbauer

… wurde in Heiligenkreuz im Lafnitztal geboren und wuchs in Mattersburg auf. Bereits mit 16 Jahren spielte er bei Admira Wacker, mit 21 folgte sein Debüt bei Österreichs Nationalelf. Er war 20 Jahre lang Profifußballer, u. a. bei Rapid Wien, Real Sociedad, Vfl Wolfsburg, SV Mattersburg. Er ist seit zehn Jahren Trainer; 2018 holte ihn SK Rapid Wien „nach Hause“: als Cheftrainer. Didi Kühbauer lebt mit seiner Frau Ingrid und den beiden Töchtern Emily, 14, und Kim, 11, in Wulkaprodersdorf.

Bild 1904_B_DidiKuehbauer_181002_Training DK_RRS_54_c_Red Ring Shots.jpg
Konzentriert. Rapid-Cheftrainer Didi Kühbauer mit den Co-Trainern Manfred Nastl und Thomas Hickersberger. © Daniel Widner/Red Ring Shots

Fußball gehört nicht zu meinen Kernkompetenzen. Wenn man aber aufrichtig interessiert ist an einer Person, lässt sich das durchaus mit viel Recherche und fachlicher Beratung ausgleichen. Ich fühlte mich gewappnet; ich grinste triumphierend bei der Pressekonferenz im Allianz Stadion in Hütteldorf: Ich verstand sie! Danach sitzt mir Didi Kühbauer gegenüber, aufgewachsen in Mattersburg, Cheftrainer von Rapid Wien. Es ist ein gutes, spannendes Gespräch. Plötzlich fallen ihm meine Schuhe auf. „Nicht dein Ernst: Violett?“ Ich lache peinlich berührt und versichere glaubhaft, dass die Wahl der Mode und nicht etwa einem provokanten Bekenntnis zum Erzrivalen Austria geschuldet war.   Er verzeiht schmunzelnd. Und ich verstehe, mit wie viel Emotion der Begriff Herzensverein aufgeladen ist.


BURGENLÄNDERIN: 20 Jahre nach deiner Zeit als Rapid-Spieler bist du 2018 als Trainer „heimgekehrt“ –wie hast du das erlebt?

Didi Kühbauer: Nach 30 Jahren im Profigeschäft musst du schon wissen, was wichtig ist. Hier Trainer zu sein, ist das Größte für mich. Ich habe es mir gewünscht. Dass es zur Realität wurde, ist das eine; aber dass ich Leistung bringen muss, ist auch klar.

Rapid stand und steht unter Druck. Das Sportportal „laola1“ schrieb etwa, du müsstest „den verfahrenen Karren aus dem Dreck ziehen“. Wie schätzt du die Mannschaft jetzt ein?

Die Situation war keine einfache, als ich herkam – noch dazu während der Saison. Über den Winter konnten wir nun ins Detail gehen. Wir sind auf einem guten Weg, aber nicht überm Berg. Wir müssen dieses Jahr so erfolgreich absolvieren, wie es nur geht. Nächstes Jahr wollen wir dann sehr nah dran sein an der Spitze – bzw. von einer anderen Seite runterlachen.

Du galtst als Zornbinkerl und bist ruhiger geworden. Wie gelang dir das?

Ich bin früher an die Grenzen gegangen und habe auch das eine oder andere Mal drübergeschossen. Ich war ein emotionaler, aggressiver Spieler, wollte nur gewinnen; das geht nicht immer. So war ich als Trainer anfangs auch. Ich habe keine Show für die Ränge gespielt, Leidenschaft gehört für mich dazu. Aber ich wurde oft darauf reduziert, dass ich durchdrehe.

Hat dich das geärgert?

Natürlich. Ich bin älter und cleverer geworden. Ich habe heute zwei Kinder und will, dass man über meine Arbeit spricht und nicht über meine Ausraster. Ich habe irgendwann eingesehen: Junge, du musst was ändern, sonst wird vergessen, weswegen du Trainer bist. Und das bin ich wirklich gern.

Ist dir die Veränderung selbst gelungen oder hast du dir Hilfe geholt?

Ich habe daran gedacht; ein Men­taltrainer zum Beispiel kann helfen. Aber ich habe für mich quasi einen „Entzug“ gemacht (lacht). Ich hatte Zeit, war zwei Jahre lang ohne Trainerjob und konnte viel beobachten. Ich habe beim ORF gearbeitet, konnte so eine andere Seite sehen; das war eine sehr lehrreiche Zeit für mich.

Wie würde der heutige Trainer Didi Kühbauer mit dem Spieler Didi Kühbauer von damals umgehen?

Ich hätte kein Problem mit ihm, weil ich weiß, dass er alles für die Mannschaft gibt. Ich würde sagen: Bleib leidenschaftlich, aber geh ein bissl zurück. Ich tät ihn in die Bahn bringen, aber ohne dass er ein Minis­trant werden muss.

Deine Mission geht über Spiel und Strategie hinaus; wie gehst du mit den menschlichen Herausforderungen um?

Du hast 25 Spieler und es ist natürlich nicht so, dass jeder immer funktioniert. Als Trainer musst du auch Psychologe sein. Jeder Spieler kann zu mir kommen, wenn er ein privates Problem hat. Das steht über Fußball.

Tatsächlich?

Ich meine nicht einen Streit mit der Freundin, sondern wenn er ein echtes familiäres Problem hat. Das ist wichtiger als ein Sieg, wenn ich genügend andere Spieler habe. Ich habe mir auch geschworen, dass ich nie einen verletzten Spieler einsetze. Menschlichkeit ist eines der wichtigsten Dinge als Trainer. Es kann schon mal hart gesprochen werden, aber ohne Beleidigung.

 

Bist du ein fairer Trainer?

Ich kann ruhigen Gewissens sagen, dass ich nie wegen persönlicher Sympathien aufstelle. Ich sehe, was am Platz geleistet wird. Ich versuche einen guten Draht zur Mannschaft zu haben; dabei profitiere ich von meiner Erfahrung: 20 Jahre als Profispieler, zehn als Trainer erleichtern einiges. Das heißt aber nicht, dass du alles richtig machst.

Haderst du manchmal mit deinen Entscheidungen?

Das gibt es. Wenn ich im Spiel merke, dass ich den Falschen aufgestellt habe, ärgert mich das sehr. Aber ich weiß gleichzeitig, dass ich das in einer Situation entschieden habe, wo es gepasst hat. Und wenn einer einen schlechten Tag hat, kann man ihm nicht böse sein.

Hast du einen Mentor?

Martin Pucher war für mich sehr viel (SV Mattersburg-Obmann, Anm.): ein Freund, ein zusätzlicher Papa – ich hab’ ja einen Papa – und ein Ratgeber. Bis heute. Er hat mein Talent erkannt und mir immer geholfen. Ich konnte und kann über alles mit ihm reden, gemeinsam Entscheidungen treffen.

Eure Fans sind ohne Zweifel enorm wichtig, aber sorgen auch für negative Schlagzeilen. Wie gehst du damit um?

Natürlich heiße ich nicht alles gut, aber Tatsache ist: Wir bringen in jedes Stadion viele Zuschauer; wir machen mehr Gutes als Schlechtes, aber die Gesellschaft transportiert lieber die negativen Dinge. Die Rapidler sind Superfans mit Leib und Seele. Da sind halt ein paar Chaoten, der Großteil ist top.

Du bist verheiratet und hast zwei Töchter. Welches Verhältnis haben deine Frauen zum Fußball?

Meine Frau Ingrid hat Tennis gespielt, die Kleine auch. Die Große ist an Fußball interessiert, sie fragt viel. Sie kommen zuschauen, aber wir reden nicht ständig über Fußball.

Du hast sehr jung einen tragischen Verlust erlebt (seine schwangere Frau verunglückte tödlich bei einem Verkehrsunfall, Anm.). Darf ich dich fragen, ob du heute darüber redest?

Ich wollte es eigentlich nie öffentlich bereden; als ich damals nach Spanien kam, habe ich gar nicht darüber geredet. Natürlich ist es im Schädel noch drinnen, aber die Zeit heilt Wunden. Ich habe nach wie vor einen super Draht zu meinen Ex-Schwiegereltern, auch meine Kinder, das ist etwas Besonderes. Aber das ist 20 Jahre her, mein Lebensmittelpunkt sind heute Ingrid und meine beiden Töchter.

Wie weit hat dich das verändert?

Ich weiß, was wichtig ist im Leben. Das wissen andere auch, dazu muss kein Mensch sterben. Man weiß dann aber, was wirklich tragisch ist. Selbst wenn wir ein schlechtes Spiel machen, geht die Sonne morgen wieder auf. Du hast einen nächsten Tag, andere haben ihn nicht mehr. Das heißt nicht, dass ich mich nie in Banalitäten verrenne.

Du hast bei der Pressekonferenz den Frauentag angesprochen. Was verbindest du damit? Wir haben gehört, du hast das Frühstück gebracht.

Das bringe ich jeden Tag vom Bäcker. Meine Frauen daheim verwöhne ich eh immer, sie haben also pausenlos Frauentag. Aber bestimmten Tagen messe ich nicht Bedeutung bei. Der Frauentag verändert mein Leben nicht. Ich habe heute die Kinder zum Bus gebracht – genauso wie an anderen Tagen oder wie es auch andere tun. Zwischen Mann und Frau hat sich aber vieles verändert – zum Glück zum Besseren.

Wer macht bei euch den Haushalt?

Meine Frau und meine Kinder machen sicher mehr, aber ich habe kein Problem damit, mich zu beteiligen.

… kannst du Wäsche waschen?

Entschuldige (lacht siegessicher).

Wirklich?

Ich schwöre. In Spanien war ich das erste Mal allein (als Profifußballer, Anm.). Da habe ich einen Wollpullover in die Waschmaschine reingehaut, der wurde sehr, sehr klein. Seither habe ich nichts mehr verwaschen. Meine Frau wäscht mehr, aber ich mache mit. Beim Wäscheaufhängen bin ich penibel.

Wo siehst du dich in zehn Jahren?

Ich möchte gesund sein und wünsche mir, dass alle, die mir nahe stehen, gesund sind. Planen mag ich grundsätzlich nicht. Aber ich wäre gerne noch im Trainergeschäft. Das Ausland reizt mich; wenn ich in Österreich bin, dann am liebsten hier, bei Rapid.  

Bild 1904_B_Me_Didi Kühbauer_21_c_Vanessa Hartmann.jpg
© Vanessa Hartmann

Wordrap mit Didi Kühbauer

Frauenfußball ist …

Die Damen (Österreichs Nationalteam) haben fantastisch gespielt bei der EM. Mit viel Herz und Einsatz. Aber Fußball ist eine Männerdomäne, Frauenfußball wächst noch langsam.

Der schönste Song ist …

Das ist schwer! Was mich immer ein bissl mitnimmt, ist „Hurt“ von Johnny Cash. Eigentlich ist es von Nine Inch Nails, aber die Version von Johnny Cash mag ich lieber.

Dieses Buch liegt am Nachtkastl …

Viele! Ich schlafe wenig und lese viel. Meistens drei Bücher gleichzeitig, derzeit: die Elton-John-Biografie, „Geister“ von Nathan Hill und „Vater. Mörder. Kind“ von Giampaolo Simi.

Das bringt mich zum Lachen …

Situationen mit Menschen, die mir guttun. Es dürfen auch Banalitäten sein, es müssen nicht immer tiefgründige Gespräche sein.

Das ärgert mich …

Falschheit.

Impressionen
Bild 1904_B_DidiKuehbauer_Training 27.1.2019_c_Red Ring Shots _ Daniel Widner_209.jpg
25 Spieler. 25 Charaktere, 25 Privatleben. Um Sport und Strategie geht es im Traineralltag nicht allein, weiß Didi Kühbauer.
Bild 1904_B_DidiKuehbauer_Training 28.1.2019_c_Red Ring Shots Daniel Widner_85.jpg
 
Bild 1904_B_Me_Didi Kühbauer_12_c_Vanessa Hartmann.jpg
Ups. Didi Kühbauer verzieh Redakteurin V. Kery-Erdélyi die violetten Schuhe.