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People | 17.04.2019

Heldenhaft

Wir trafen Burgenländerinnen und Burgenländer, die in einem besonderen Moment reflexartig handelten – und damit Leben retteten. Der Lohn: das Gefühl, das Richtige getan zu haben.

Bild 1904_B_EM_Lebensretter1.jpg
© Shutterstock

Ausnahmezustand an vielen Orten.

An der Grenze, auf Bahnhöfen, selbst entlang von Autobahnen etwa in Richtung Wien. Junge und Alte, Frauen, Männer, Kinder. Sommer 2015: Einmal mehr prägen Flüchtende – vorrangig vor dem Krieg in Syrien – das Leben im Burgenland. Manche hatten nicht mehr als die Kleidung am Leib, erschöpft, hungrig und durstig kamen sie in Österreich an. Und wieder halfen viele Burgenländerinnen und Burgenländer spontan. Ohne viel zu fragen. Sie hatten den Dank der Menschen, die sie unterstützten, die Anerkennung von Gleichgesinnten – aber sie mussten auch harsche Kritik einstecken, sie würden „die Fremden“ geradezu anlocken mit ihrer Hilfsbereitschaft. „Bis heute werde ich in meiner Heimatgemeinde angefeindet“, schildert eine Frau, die ihren Namen lieber nicht nennen will. Ihr Leben lang engagierte sie sich sozial, in verschiedenen Einrichtungen. Die Erinnerung an 2015 macht sie auch traurig. „Die Situation hat unsere Gemeinde gespaltet“, sagt sie. Erst unlängst sei sie wieder gefragt worden, ob sie denn nun „froh“ sei, dass die Flüchtlinge aus der Gemeinde weg sind. „Dabei bin ich mit einigen weiter in Kontakt und unterstütze sie“, zuckt sie mit den Schultern. Negative Kommentare ärgern sie, ihr Engagement beeinflussen sie aber nicht. Die feinfühlige Schauspielerin Ursula Strauss brachte es vor Kurzem in einem Interview treffend auf den Punkt: „Wir leben in einer Zeit, in der das Wort Gutmensch, also zu versuchen, ein guter Mensch zu sein, als Schimpfwort gilt. Da muss man sich warm anziehen. Soziale Kälte und ungefiltert seinen Hass abzugeben, sind momentan leider en vogue.“ Umso schöner, dass wir vier Menschen aus dem Burgenland begegnen durften, die das Herz am rechten Fleck haben. Ein ehrenwertes Detail, das diese Lebensretter verbindet: Für Interview und Fotos mussten sie alle überredet werden. Auf ihre Heldentaten angesprochen, winkten sie sofort unisono ab: „Das war doch selbstverständlich.“


Josef Wallner

brachte einen Mann, der auf den Gleisen gestürzt war, in Sicherheit.

 

"Meine große Angst war: Da will jemand Selbstmord begehen.", Josef Wallner

 

Manche Details vergaß er, nicht aber seine größte Sorge in dem Moment: „Hoffentlich macht der nicht Selbstmord“, erinnert sich Josef Wallner aus Purbach an jenen Tag zurück, an dem er zum Lebensretter wurde. Er betrieb damals ein Lokal am Bahnhof, sah direkt auf die Gleise. Auf ebendiesen entdeckt er plötzlich einen reglosen Körper. Er läuft hin, zieht den bewusstlosen Mann auf die Seite. Der damals 58-Jährige dürfte gestürzt und mit dem Kopf aufgeschlagen sein. „Nur wenig später kam ein Zug – und ich hab’ mir nur gedacht: Der hat jetzt Glück gehabt“, schildert Josef Wallner. Er sei froh gewesen, dass es kein versuchter Suizid war und dass wenig später die Rettung eintraf. Aber dass es eine besondere Tat war, denkt er nicht. „Als Elektroinstallateur war ich auch viel auf Baustellen unterwegs; dass ich helfe, wenn etwas passiert, war für mich immer normal.“ Ebenso bei Verkehrsunfällen. Und Blutspenden war er auch viele Jahre hindurch. Aber das erfahren wir nur nebenbei.

 

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Edith Marth und Birgit Kurz-Mahringer

retteten ein Kind vor dem Ertrinken.

 

"Als ich nach dem Mädchen tauchte, dachte ich nur: Hoffentlich lebt es noch.", Birgit Kurz-Mahringer

 

Die Szenen brannten sich den beiden Oberwarterinnen, die sich zuvor gar nicht kannten, ins Gedächtnis. Es passierte im Sommer 2018 im Freibad von Oberwart. Die dreifache Mutter Birgit Kurz-Mahringer geht gerade in Richtung Garderobe, als sie ein Kind rufen hört: „Hilfe, hilfe, meine Schwester!“ Sie läuft hin, blickt sich kurz um. „Überall waren Menschen, aber niemand schien es bemerkt zu haben.“ Sie streift sich reflexartig die Schuhe ab und springt mitsamt ihrem Gewand ins Wasser. Sie taucht sofort um das am Boden des tiefen Beckens treibende Kind. „Mein einziger Gedanke war: Hoffentlich lebt das Mädchen noch“, schildert sie. „Ich saß auf meiner Liege und habe diese Szenen zufällig gesehen, das waren Sekunden. Ich höre bis heute meine innere Stimme: Edith, lauf!“, erzählt Edith Marth. Also läuft sie. Mit dem Bademeister an ihrer Seite beginnt sie sofort mit dem Reanimieren des Kindes. Das Mädchen ist erst drei Jahre alt. Edith Marth ist seit 30 Jahren Krankenschwester, aber Erfahrung mit der Wiederbelebung eines Kindes hatte sie nicht. „Ich hörte den Vater hinter mir verzweifelt schreien und hab’ mir nur gedacht: Herrgott, bitte hilf mir, dass dieses Kind nicht stirbt.“ Plötzlich hustet das Mädchen Wasser auf, beginnt wieder zu atmen. Wenige Tage später dreht es schon fröhlich seine Runden im Krankenhaus, als Edith Marth sie auf der Station besucht … Bis heute sind die Eltern voller Dankbarkeit.

 

 

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Carmen Imnitzer-Weidinger

war 2015 in Nickelsdorf im Einsatz, als Tausende Flüchtlinge kamen.

 

"Was hätten wir tun sollen: Die Flüchtlinge vor unseren Türen verdursten lassen? Das war humanitäre Hilfe.", Carmen Imnitzer-Weidinger

 

An der Wohnzimmertür hängt ein imposant gefüllter Kalender. „Damit wir alle Schularbeiten und Tests im Blickfeld haben“, sagt Carmen Imnitzer-Weidinger. Termine gibt es genug bei fünf Kindern. In Sachen Logistik stellte der Sommer 2015 die Nickelsdorferin vor eine physisch und psychisch herausfordernde „Prüfung“. Praktisch von Stunde null an, als täglich Tausende Flüchtlinge kamen, war sie im großen Team der ehrenamtlichen Helfer ihrer Heimatgemeinde. Die Menschen bekamen zu essen und zu trinken, es wurden medizinische Hilfe und Kleidung für sie organisiert, ehe sie in Richtung Wien bzw. Deutschland weiterfuhren. Manchmal sind es bis zu 20 Stunden, die die fünffache Mutter an einem Tag im Einsatz ist, manchmal kritisch beäugt „von den eigenen Leuten“. „Ich habe immer gesagt: Das war selbstverständlich, das war humanitäre Hilfe. Was hätten wir tun sollen? Die Menschen vor unseren Haustüren verdursten lassen?“ Auch Freundschaften wurden damals geschlossen, unvergessen sind all die Begegnungen wie etwa mit einer Familie, deren Kind sich auf der Flucht einen schlimmen Bruch zugezogen und stundenlang durchgeschrien hat. „Wie verzweifelt muss man sein, wenn man mit einem Baby so eine Flucht auf sich nimmt?“, grübelt Carmen Imnitzer-Weidinger. Ob sie je, etwa beim Anblick von Tausenden Menschen auf einmal, Angst hatte? „Ich kann die Ängste anderer nachvollziehen, aber ich habe mich vor den Flüchtlingen nicht gefürchtet. Unheimlich waren mir vielmehr Demonstranten, die Folder gegen unsere Hilfe austeilten.“

 

Fotos: Vanessa Hartmann, Viktória Kery-Erdélyi, Shutterstock