Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 25.04.2019

Big Eyes!

Ein Casting zwecks Gaudi – und plötzlich reist die Neusiedler Mrs.-Sporty-Trainerin zu internationalen Festivals. Andrea Maier spielt die Hauptrolle in „Die Kinder der Toten“ nach Elfriede Jelinek.

Bild AUFM_1904_B_ME_AndreaMaierAndrea Maier_5.jpg
"Ich wollte das erleben, auch wenn ich nur das dritte Gebüsch von links gewesen wäre.", Andrea Maier, Hauptrolle in „Die Kinder der Toten“. © Vanessa Hartmann

Sie hat sie noch im Ohr: „Big eyes! Big eyes!“, habe sie Regisseurin Kelly Copper stets zu furchteinflößendem bzw.  angsterfülltem Gesichtsausdruck animiert. Mimik ist viel in einem Stummfilm. Besonders in einem, der zwischen Heimatfilm und Horror oszilliert. Ausgerechnet dieser – oftmals auch wetterbedingt – gänstehauterregende Dreh lässt Andrea Maiers Augen vor Tränen der Rührung glänzen. „Ein wunderschöner Abenteuerurlaub war das“, erzählt sie, während sich stets mindestens zwei ihrer insgesamt 43 Haustiere von ihr kraulen lassen – auf ihrem Hof im ungarischen Várbalog, unweit von Halbturn. Ihr ohnehin bewegtes Leben ist seit Kurzem um einen weiteren Höhepunkt reicher: Andrea Maier spielt eine der Hauptrollen in „Die Kinder der Toten“ nach dem gleichnamigen Roman der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Realisiert wurde der Film vom New Yorker Regie-Paar Kelly Copper und Pavol Liska. Schon jetzt, noch vor dem österreichischen Kinostart im April, zollt man dem ungewöhnlichen Projekt viel Anerkennung: etwa mit einer Spezialauszeichnung des Nestroy-­Theaterpreises und mit dem Berlinale-­Kritikerpreis. Andrea Maier, im Brotberuf leidenschaftliche Mrs.-Sporty-Fitnesstrainerin in Neusiedl am See, findet sich plötzlich im Blitzlichtgewitter internationaler Filmfestivals wieder. Wie aber kam es dazu?


Das Wasser

Ein verschlungener Weg führte die einstige Leistungssportlerin an den Drehort in und um Neuberg an der Mürz in der Steiermark. Die Willenskraft der gebürtigen Wienerin beeindruckte schon in Jugendjahren einen Talentscout; sie reüssierte dann als Schwimmerin bei nationalen und internationalen Wettbewerben. „Wasser ist bis heute mein Element“, sagt sie. Beruflich schlägt sie dennoch einen völlig anderen Weg ein, der sie ein Leben lang begleiten soll. Sie wird Gastronomin. „Insgesamt habe ich fünf Lokale geführt“, erzählt sie. „Es gibt doch nichts Schöneres, als strahlende Gesichter bei einem guten Essen. Das ist der schönste Dank.“ Pa­rallel dazu engagierte sich Andrea Maier für Tiere, die es schlimm erwischt haben. Sie kooperiert mit verschiedenen Organisationen, allein zig traumatisierte Pflegehunde päppelte sie so weit auf, dass sie jeweils einen neuen Besitzer finden konnten. Als dann vor Jahren ein Burn-out drohte, zog sie mit ihrem damaligen Ehemann auf einen Hof in der Steiermark. Ihren heute 32-jährigen Sohn hatte Andrea Maier weitgehend allein großgezogen, verheiratet war sie dreimal. „Drei Männern habe ich die Chance gegeben, sie haben sie nicht genutzt“, lacht sie und hegt dabei keinen Groll. So ist etwa ihr dritter Ehemann einer ihrer besten Freunde. Ihr positives Gemüt wandelt sich jäh, wenn es um das Wohl ihrer vierbeinigen oder gefiederten Schützlinge geht. Dass so mancher Anrainer wenig Begeisterung für das Repertoire an Hunden, Katzen, Schweinen und Gänsen aufbrachte, war mit ein Grund, weshalb sie weiterzog – und schließlich in Ungarn landete. Zuvor aber hinterließ sie in der Steiermark ihre Spuren für die Ewigkeit: in einer Hauptrolle im „Jelinek-Film“.

 

Neue Freundschaft. Mit Filmkoordinatorin Petra Werkovits aus Jennersdorf.

 

Das Casting

„Wir haben in einem Lokal geplaudert, da hält mir jemand einen Flyer hin: ,Hast schon gesehen: ein Casting?‘ Für mich war sofort klar: Da mache ich mit. Und wenn ich nur das dritte Gebüsch von links bin, ich will das erleben“, erinnert sie sich. Viel mehr, als dass es ein Projekt im Rahmen des Steirischen Herbstes war, wusste Andrea Maier damals nicht. Ohne zu zögern, beantwortete sie selbst skurril anmutende Fragen wie etwa, ob sie nackt durch einen Wald laufen würde. „Klar habe ich Ja gesagt, es ging ja um einen Film.“ Dann wurde im Casting noch zu Englisch geswitcht und schon bald kam es zur unvergesslichen Begegnung: „Regisseur Pavol Liska bat mich hinaus und fragte mich, ob ich die ,main role‘ machen will. Ich dachte mir, da verstehe ich etwas falsch, das gibt es nicht“, schmunzelt sie.

 

Retterin. Derzeit gibt Andrea 43 Tieren – von Hund bis Schwein – ein Zuhause.

 

Lebensverändernd

Andrea Maier sagt zu – und wird im Herbst 2017 Teil eines monumentalen Projekts, an dem neben Profis Hunderte Laien mitwirken. Kelly Copper und Pavol Liska binden Region und Bevölkerung mit ein; Menschen, die mit Elfriede Jelinek zuvor kaum Berührungspunkte hatten, stehen plötzlich für „Die Kinder der Toten“ vor der Kamera. Mit dabei sind Feuerwehrleute ebenso wie Landwirte. Mit an Bord ist auch die Jennersdorferin Petra Werkovits als Projektleiterin: „Pavol sagte zu uns: Das wird eine ,life changing experience‘ (eine lebensverändernde Erfahrung, Anm.) – so war es auch.“ Es gibt immer wieder „open calls“ via Facebook, um mitmachen zu können, der Enthusiasmus der Bevölkerung wächst; selbst eine Möglichkeit zum öffentlichen Vorlesen aus Jelineks Roman wird eingerichtet. „Da kam eine ältere Dame, weil sie nachts schlecht schlief, ein Polizist las nach seinem Dienst vor“, schwärmt Petra Werkovits.Andrea Maier spielt – an der Seite von Greta Kostka und Klaus Unterrieder – Karin, die unter ihrer dominanten Mutter leidet. Die Rolle wird nicht nur zur physischen Herausforderung, wenn sie sich etwa bei Kälte mit Hausschuhen durch den Bach und den Berg rauf und runter verfolgen lassen muss. „Es war eine sehr emotionale Arbeit“, schildert sie. „Auch meine Mama und ich hatten ein schwieriges Verhältnis, da waren viele Parallelen – die Rolle hatte etwas Therapeutisches für mich.“ Am meisten aber wühlte der Abschied nach all den intensiven Drehwochen auf, gibt Andrea Maier zu. „Da war so viel Herzlichkeit, es sind so viele Verbindungen entstanden, die hoffentlich ewig halten.“ Das finale Werk, zumal es lange gar nicht klar war, dass es ein Kinofilm wird, sah das Team aber erst bei der Weltpremiere im vergangenen Februar in Berlin. „Ich bin neben Regisseur Pavol Liska gesessen und wir haben uns gegenseitig fast die Hände zerquetscht“, lacht Andrea Maier. „Erst dort, als wir unser Baby endlich sehen durften, wurde uns allen bewusst, was wir geleistet haben.

 

 Fotos: Vanessa Hartmann, privat


Berlin. Andrea Maier mit Sohn Philip und Schauspielkollegin Renate Stoppacher.

Zum Film

Elfriede Jelineks „Die Kinder der Toten“ gehört zu ihren bedeutendsten Werken; es befasst sich mit dem Umgang mit dem Holocaust. Der gleichnamige Film ist keine Romanverfilmung; Jelineks Buch bildet aber die zentrale Vorlage. Das Filmprojekt verwirklichte das Regie-Paar Kelly Copper und Pavol Liska mit ihrem Nature Theater of Oklahoma aus New York im Rahmen des Steirischen Herbstes. Sie arbeiteten vorrangig mit Laien zusammen und banden Originalschauplätze sowie die Bevölkerung vor Ort ein (in und um Neuberg an der Mürz). Der Stummfilm wurde mit Super-8-Kameras gedreht und bewegt sich zwischen Heimatfilm und Horror. Die im Kern als Performance angelegte Umsetzung wurde 2018 mit dem Spezialpreis des Nestroy-Theaterpreises ausgezeichnet, bei der Berlinale kam der FIPRESCI-Preis hinzu. In den Hauptrollen: Andrea Maier, Greta Kostka, Klaus Unterrieder. Produzent ist Ulrich Seidl. Kinostart in Österreich: 5. April 2019.

 

Herzlich. Mit Regisseurin Kelly Copper bei der Berlinale