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People | 02.05.2019

Baby mit Parlaments­erfahrung

Er war erst wenige Wochen alt, da sorgte er schon für Schlagzeilen. Heute ist er ein Mann mit Prinzipien und einer stolzen Mutter. Christine & Michael Heindl im etwas anderen Muttertagsporträt.

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Das „Parlamentsbaby“ ist heute keines mehr. Wir trafen Christine Heindl mit ihrem Sohn vor dem Parlament im Wiener Volksgarten. © Vanessa Hartmann

Es war der parlamentarische Aufreger im Jahr 1990: Christine Heindl stillte ihren damals wenige Wochen alten Sohn Michael während ihrer Angelobung im Parlament (als Nationalratsabgeordnete der Grünen Alternative, wie die Grünen damals hießen) und sorgte damit weltweit für Schlagzeilen. Während in Österreich das öffentliche Stillen den Skandal auslöste, sorgte im Ausland vor allem der Umstand der österreichischen Empörung über das öffentliche Stillen für Unverständnis. Auch der Vater des wahrscheinlich bekanntesten Säuglings der Zweiten Republik ist kein Unbekannter: Horst Horvath – Kulturmanager, Aktivist, Mitbegründer des OHO, des Verlags edition lex liszt 12, des Roma Vereins Oberwart und von RE.F.U.G.I.U.S., Mitorganisator des Lichtermeeres. Drei Jahre nach Michaels Geburt trennte sich das Paar und lebte danach das Modell einer funktionierenden Patchwork-Familie. Christine Heindl (68) aus Markt St. Martin gehörte vier Jahre lang (1990–1994) dem Parlament an und arbeitete im Anschluss daran bis zu ihrer Pensionierung wieder als Berufsschullehrerin. Schon früh wurde Michael Heindl (28) von seiner Umgebung geprägt. Nicht umsonst war sein Slogan bei der Wahl zum Schulsprecher „Michael – der mit der Parlamentserfahrung“.



BURGENLÄNDERIN: Was genau sorgte damals am 5.11.1990 für die große Aufregung?

Christine Heindl: Michael hat während der Angelobung begonnen zu quengeln und ich wollte nicht, dass er zu schreien beginnt, das würde ich auch woanders nicht wollen, egal wo ich bin. Daher hab ich ihn angelegt und gestillt. Das war nicht geplant, aber Stillen läuft nun mal nicht nach Plan. Der Nationalratspräsident Rudolf Pöder (SPÖ) hat sich aufgeregt, dass überhaupt ein Kind im Plenarsaal ist, und weiters, dass es ungesund sei, in dieser Luft hier drinnen mit einem Baby zu sein. Er meinte, es wäre günstiger, das Kind beim Parlamentsarzt abzugeben.

 

"Ich hätte damals nicht gedacht, dass sich die Wahrnehmung der Frau in der Öffentlichkeit nur so langsam verändert." Christine Heindl, ehem. Nationalratsabgeordnete der Grünen

 
Warum hatten Sie Michael bei Ihrer Angelobung dabei?

Christine: Ich wollte zeigen, dass es möglich ist, politisch als Frau tätig zu sein und trotzdem ein Baby zu haben. Ich war es gewohnt, dass Kinder bei der Arbeit der Eltern dabei sind. Meine Eltern hatten einen Betrieb, dort bin ich praktisch aufgewachsen. Meine in gesellschaftspolitischen Ansichten sehr konservative Mutter hatte auch überhaupt nichts dabei gefunden, dass das Baby mit war, aber sie hatte ein Problem mit dem öffentlichen Stillen. Sie stammt noch aus einer Generation, wo die Mütter beim Stillen in einen anderen Raum gingen und sich mit dem Gesicht zur Mauer drehen mussten.

Wie waren die öffentlichen Reaktionen nach diesem Ereignis?

Christine: Ab dem nächsten Tag gab es eine große öffentliche Diskussion über das Stillen und über Frauen, Kinder und Karriere. Ich bin sehr oft in der Straßenbahn und unterwegs angesprochen worden. Durchwegs positiv. Negative Dinge kamen nie persönlich, nur ein paar Briefe waren dabei. Bei der danach losgebrochenen öffentlichen Still-Debatte stand aber eigenartigerweise nie die Gesundheit des Kindes im Vordergrund, sondern eher der frauenpolitische Aspekt.

 

Michael Heindl hat schon früh gelernt, zu argumentieren, Position zu beziehen. Bei den Sitzungen und politischen Aktionen seiner Eltern war er schon als Baby immer mit dabei. © Vanessa Hartmann

 

Wie war damals das Standing der Frau in der Gesellschaft?

Christine: Wir haben damals die erste Frauenberatungsstelle im Burgenland gegründet. Es ging erst los mit den Gleichbehandlungspaketen. Es hat immer geheißen, den Frauen sollen alle Möglichkeiten offenstehen. Aber wenn eine Frau dann beruflich weiterkommen wollte und etwas dafür tat, hieß es, sie sei eine Rabenmutter.

Geht der allgemeine Tenor denn nicht derzeit wieder in diese Richtung?

Christine: Ja, in vielen Bereichen leider schon. Andere Dinge sind hingegen heute selbstverständlich. Aber bei manchen Themen diskutieren wir über das Gleiche wie vor 29 Jahren. Wie lange wissen wir schon, dass wir ein dichteres Netz an Kinderbetreuungseinrichtungen brauchen, mit guter Qualität, mit guten Öffnungszeiten, mit kleinen Gruppen?

Michael: In Deutschland wurde letztes Jahr eine Landtagsabgeordnete (Anm.: Abgeordnete der Grünen in Thüringen) des Saales verwiesen, weil sie ihr Baby dabei hatte. In dieser Hinsicht hat sich in den letzten Jahrzehnten nichts geändert. Wenn ich meine Generation anschaue, kommt es mir so vor, als wären wir vor einigen Jahren schon mal viel weiter gewesen.

Wie steht die junge Generation zu frauenpolitischen Fragen?

Michael: Grundhaltung ist, dass man eh gleichgestellt ist. Weil die Gesetzgebung ja dahingehend ausgerichtet ist, also muss es auch so sein. Ist es aber oft nicht. Es gibt die strukturelle Diskriminierung, das patriarchale System an sich. Warum braucht es denn bitte Playmobil für Mädchen und Burschen oder Überraschungseier für verschiedene Geschlechter?

Christine: Das Dilemma ist, dass es am Papier großteils gut aussieht, aber die Realität schaut anders aus. Solange uns Frauen eingeredet wird, dass ein kleines Kind nur gut betreut ist, wenn es bei der Mutter ist, wird sich das auch nicht ändern. In meiner sehr konservativen Schule hielt damals der Geschlechterforscher Erich Lehner einen Vortrag und erklärte, dass es völlig egal sei, welche Person für das Baby da ist. Für das Baby sei nur wichtig, dass die Grundbedürfnisse befriedigt werden und dass es viel Zuneigung bekommt. Ob das Mama, Papa, Onkel, Tante oder eine gute Kinderbetreuung sind, ist völlig egal. Das Kind leidet nicht darunter. Das haben viele noch immer nicht verstanden.

 

Auch heute wird der „Fall Heindl“ noch oft zitiert, wenn es um Frauenrechte und Frauen im Parlament geht. Z. B. bei der Ausstellung im Volkskundemuseum „Sie meinen es politisch!“ – 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich (bis 25.8.2019). © Vanessa Hartmann



Was braucht es, um die Gesellschaft hier toleranter zu machen und aufzuklären?

Michael: Man hat damals mit dieser Aufbruchsstimmung in den 1990er-Jahren einfach verpasst, strukturell etwas zu verändern. An der Oberfläche wird über Frauenquoten in Aufsichtsräten diskutiert, aber man spricht nicht über den Alltag der Frauen. Wer leistet die Arbeit im Haushalt, wer kümmert sich vorwiegend um die Kindererziehung, wer kümmert sich um Pflegefälle in der Familie? Man diskutiert vielmehr darüber, wie Sachen benannt werden – dabei ist mir bewusst, dass Sprache Bewusstsein schaffen kann und Gendern wichtig ist, aber wenn es dort aufhört, ist es ein Problem, und das ist meiner Meinung nach passiert.

Christine: In einer Studie wurden Frauen und Männer befragt, wie viel Hausarbeit sie machen. Wenn Frauen sagten, sie machen die Wäsche, meinten sie damit waschen, bügeln, in den Kasten räumen. Männer meinten mit „Wäsche machen“, sie geben die Wäsche in den Wäschekorb. Wichtig ist, dass es zu Hause vorgelebt wird, dann sind die Kinder, wenn sie heranwachsen, einen Schritt weiter. Aber wenn sie nur Schlagworte erleben, bringt es nichts.

Michael, haben Sie Ambitionen, in die politischen Fußstapfen Ihrer Mutter zu treten?

Michael: Seit ich 15 bin, bin ich in verschiedenen Organisationen tätig gewesen. Aus der SJ habe ich mich zurückgezogen, bevor Rot-Blau im Burgenland regiert hat, weil das schon abzusehen war. Ich war in einer starken Opposition innerhalb der SJ. Diejenigen, die damals brav stillgehalten haben, sitzen jetzt im Landtag. Ich habe mich niemals aus Karrieregründen politisch engagiert, sondern immer aus Prinzip. Heute habe ich meine zivilgesellschaftlichen Verbindungen und arbeite mit Leuten, die fundierte, anti-faschistische Systemkritik üben.

Was sind Ihre Prinzipien?

Michael: Ich glaube schon, dass man radikale Positionen beziehen muss. Es gibt diese Linie zwischen links und rechts, die braucht man nicht wegzudiskutieren. Es gibt nun mal Leute, die links sind, die der Meinung sind, dass alle Menschen gleiche Rechte und Möglichkeiten haben sollten, egal welche Hautfarbe, Religion und Geschlecht. Und dann gibt es Leute, die rechts sind, die nach Rassen und Kulturkreisen trennen. Deshalb habe ich 2015 die „Offensive gegen Rechts“ im Burgenland mitgegründet. Da gibt es in meiner Generation großes Potenzial, auch bei den Jüngeren. Wir müssen aufhören, lediglich über die Fassade zu diskutieren, sondern endlich auch wieder über das gesellschaftliche Fundament: Unsere Visionen für die Zukunft und darüber, wie Gesellschaft grundlegend strukturiert sein soll. Darüber reden wir schon viel zu lange nicht mehr. Das birgt großes Potenzial für die Rechten, denn die sprechen Missstände an, auch wenn sie diese schlussendlich nur verschlimmern. Deswegen darf man ihnen nicht das Feld überlassen.

Wie können die Menschen wieder zu einer gemeinsamen Vision kommen?

Christine: In der Bildung stecken so viele Möglichkeiten. In einem Land gibt es viele unterschiedliche Menschen und alle sollten gleich viel Wert sein. Politische Bildung ist wichtig, die Leute müssen lernen, miteinander zu diskutieren, und nicht, dass man nur etwas Wert ist, wenn man auf andere hintreten kann. Als ich begonnen habe, öffentlich politisch tätig zu sein, hat man sich noch geniert, öffentlich auf Minderheiten zu schimpfen. Heute ist das leider Alltag geworden und wird nicht nur betrunken am Stammtisch ausgelebt.

Michael: Die Österreicher denken zu oft: Wird schon jemand für uns richten. Ich bin der festen Überzeugung, dass nicht irgendwer für die Leute was machen soll, sondern dass gemeinsam mit den Leuten etwas gemacht werden soll. Wenn ich will, dasss sich die Welt ändert, dann muss ich mit anpacken.

Impressionen
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„Baby-Alarm im Parlament“, Karikatur von Dieter Zehentmayr.
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Aufreger: Christine Heindl stillt ihren Sohn Michael während der Angelobung im Plenarsaal im Parlament am 5.11.1990. © Matthias Cremer